Saubere Luft

Idee vom Gratis-Nahverkehr so schnell nicht umsetzbar

Berlin/Reutlingen (dpa/lsw) - Der Vorschlag der Bundesregierung, mit kostenlosem Nahverkehr gegen Feinstaub und Stickoxide vorzugehen, stößt bei aller Begeisterung vor allem auch auf Skepsis. Schon allein aus Kapazitätsgründen wäre solch ein Konzept in deutschen Großstädten und Ballungsräumen kurzfristig überhaupt nicht umsetzbar, sagen Fachleute. Erforderlich seien in jedem Fall deutlich mehr Fahrzeuge und Personal.

Ein Bus und ein Auto fahren an einer Reutlinger Luftmessstation vorbei.
Ein Bus und ein Auto fahren an einer Reutlinger Luftmessstation vorbei. FOTO: dpa
Wenn es für kostenlosen Nahverkehr keine ausreichende Kapazität gebe, könnte solch ein Angebot sogar negative Auswirkungen haben. «Noch stärker überfüllte Busse und Bahnen zu den Spitzenzeiten würden bei den Kunden zu unglaublicher Frustration führen», sagt Bastian Chlond vom Karlsruher Institut für Verkehrswesen (IfV). Der Verkehrsexperte empfiehlt, sich auf ein besseres ÖPNV-Angebot in den Nebenzeiten zu konzentrieren.

Da nämlich sei eine kürzere Taktung kein Problem, sagt Chlond. In Kombination mit Gratis-Tickets könne man dann Menschen locken, die den ÖPNV seltener nutzen und deshalb normalerweise die relativ teuren Einzeltickets kaufen. Sie seien meistens ohnehin in den Nebenzeiten unterwegs. Wenn es beispielsweise gelänge, dass mehr Rentner und Einkäufer mit Bus und Bahn anstatt mit dem Auto in die Stadt fahren, könne das durchaus etwas bringen.

In Mannheim, einer der geplanten Modellstädte, glaubt man jedoch nicht, dass kostenloses Fahren kurzfristig umsetzbar ist. «Als schnell umsetzbare und kurzfristig wirksame Maßnahme sehe ich nur Verbesserungen im ÖPNV - dazu zählen zum Beispiel attraktive Fahrpreise, dichtere Takte und neue Verbindungen», sagte Bürgermeister und ÖPNV-Dezernent Christian Specht am Dienstag. «Wir werden uns nun mit dem Bund zusammensetzen, um zielführende ÖPNV-Maßnahmen für Mannheim zu besprechen.» Wenn der Rhein-Necker-Bund seine öffentlichen Verkehrsmittel kostenlos anbieten würde, spreche man über Kosten in Höhe von 300 Millionen Euro pro Jahr - ohne Kosten für Instandhaltung und Ausbau.

Beim Stuttgarter Verkehrsverbund sieht man freie Fahrt für alle Gäste ebenfalls kritisch. «Eine Dienstleistung, die nichts kostet, ist schwierig. «Was nichts kostet, ist nichts wert», heißt es ja oft. Die Dienstleistung muss einen Wert haben, sonst wird sie nicht gewürdigt», sagte VVS-Sprecherin Ulrike Weißinger am Mittwoch. Außerdem bestehe die Gefahr, dass die Qualität des Angebots leiden könnte, wenn der Bund lediglich die fehlenden Ticket-Einnahmen zuschießt, aber darüber hinaus kein Geld für Wartung vorhanden sei.

Statt Bus und Bahn kostenlos anzubieten, sei es sinnvoller, das Geld in die Infrastruktur zu stecken, sagte Weißinger. «Besser wären Investitionen etwa in neue Fahrzeuge und neue Strecken.» VVS-Kunden nutzten den Angaben zufolge im vergangenen Jahr rund 380 Millionen Mal Bus und Bahn. Aus dem Ticketverkauf erzielt der Verbund mehr als eine halbe Milliarde Euro.

Tübingens Oberbürgermeister Manfred Palmer (Grüne) sieht seine Stadt für die offenen Fragen rund um den kostenlosen ÖPNV gewappnet. Er hat sich am Mittwoch mit einem Brief an die Bundesregierung gewandt und darum gebeten, Tübingen mit seinen 90 000 Einwohnern neben Mannheim, Herrenberg und Reutlingen zur vierten Modellstadt im Südwesten zu machen. Das fertige Konzept dafür sei bereits vorhanden.

Demnach müssten rund neun Millionen Euro Fahrgeldeinnahmen im Jahr ersetzt werden, damit die Tübinger gratis Bus und Bahn fahren können. Fällt die Barriere «Fahrpreis», rechnet die Kommune mit einem Drittel mehr Fahrgäste. Schon heute nutzen die Kunden den Tübinger ÖPNV nach Palmers Angaben für rund 20 Millionen Fahrten im Jahr. Würde diese Zahl wie angenommen um rund sieben Millionen Fahrten pro Jahr steigen, wolle man die Kapazität des Busverkehrs um ein Drittel ausbauen. Das würde noch einmal sechs Millionen Euro kosten.

Boris Palmer ist nicht der einzige OB, der grüne Mobilität vorantreibt. Die Stadt Herrenberg arbeitet ebenfalls an einer entsprechenden Strategie und erhält dafür sogar finanzielle Unterstützung vom Bund, nämlich 90 000 Euro Fördermittel aus dem Fonds nachhaltige Mobilität für die Stadt. Kostenlosen ÖPNV sieht Herrenbergs Oberbürgermeister Thomas Sprißler (Freie Wähler) denn auch grundsätzlich positiv. «Ich glaube schon, dass man damit den Individualverkehr reduzieren kann», sagt er. Vor zwei Jahren habe man in seiner Stadt das «Stadtticket» verbilligt angeboten und es sei sofort ein Fahrgastzuwachs verzeichnet worden.

Erfahrung wird auch Tübingen sammeln: Erst vor einer Woche hatte die Stadt kostenlose Busse an Samstagen eingeführt, der Gemeinderat hatte dafür 200 000 Euro bereitgestellt. Das Projekt war auch deshalb entstanden, weil ein zentrales Parkhaus der Stadt für eine Dauer von 20 Monaten saniert werden soll und dadurch viele Parkplätze wegfallen.

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