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Nach langem Warten - Hisbollah-Chef Nasrallah hält Rede

Mit Spannung, aber auch Furcht hat der Libanon auf die Rede von Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah geschaut. Zum ersten Mal seit Ausbruch des Gaza-Kriegs hat er sein Schweigen gebrochen.

Libanon
Ein Hisbollah-Anhänger hält ein Porträt von Hassan Nasrallah hoch: Der Hisbollah-Chef will sich zum ersten Mal seit Ausbruch des Gaza-Kriegs öffentlich äußern. Foto: Bilal Hussein/DPA
Ein Hisbollah-Anhänger hält ein Porträt von Hassan Nasrallah hoch: Der Hisbollah-Chef will sich zum ersten Mal seit Ausbruch des Gaza-Kriegs öffentlich äußern.
Foto: Bilal Hussein/DPA

Mit wehenden Hisbollah- und Palästina-Flaggen ziehen Tausende Anhänger der Schiitenorganisation durch die Vororte der libanesischen Hauptstadt Beirut. Seit einem Monat haben sie auf einen Auftritt des Hisbollah-Chefs Hassan Nasrallah gewartet. Freitag ist der Tag nun gekommen. Nasrallah spricht zum ersten Mal nach Ausbruch des Gaza-Kriegs öffentlich zu seinen Anhängern. »Gott segne Nasrallah«, riefen sie dort, wo die Botschaft des Generalsekretärs ausgestrahlt wurde.

Fans des Schiitenführers komponierten gleich ein eigenes Lied. Darin wird ein Angriff auf die israelische Küstenmetropole Tel Aviv gefordert. Um Gäste vor die Fernseher ihrer Lokale zu locken, wurden Falafel-Sandwiches zum Spottpreis angeboten. »Wir brauchen den Auftritt Nasrallahs, um die Dinge auf den Weg zu bringen«, sagte einer seiner Anhänger vor der Rede.

Doch längst nicht alle Menschen jubeln. Die Angst der Libanesen vor einem erneuten Krieg mit Israel sitzt tief. »Wir können keinen weiteren Krieg ertragen«, sagt die Libanesin Fatima, die ihren Nachnamen lieber nicht veröffentlicht sehen will. Sie lebt im Süden Beiruts, dem Teil der Hauptstadt des Libanons, der von der Schiitenorganisation Hisbollah kontrolliert wird. »Ich möchte wirklich nicht vertrieben werden und alles verlieren, so wie 2006«, sagt sie vor der Rede.

Die Sorge wächst

2006 ist das Schlüsselwort, das in diesen Tagen oft als mahnende Erinnerung in den Straßen Beiruts zu hören ist. 2006 war das Jahr, in dem bei heftigen Gefechten zwischen der Hisbollah und dem israelischen Militär mehr als 1500 Zivilisten ums Leben kamen - ein Großteil davon im Libanon.

Seit dem Ausbruch des Gaza-Kriegs wächst mit jedem Tag die Sorge, dass sich der Konflikt auch auf den Zedernstaat ausweiten könnte. Denn die Hisbollah, die unter anderem den Süden des Landes und damit auch die Grenze zu Israel kontrolliert, sieht sich an der Seite des »palästinensischen Widerstands«. Seit dem 7. Oktober kommt es fast täglich zu Gefechten mit der israelischen Armee an der Grenze. Dabei kam es zu Todesopfern auf beiden Seiten, ein Großteil davon waren Hisbollah-Kämpfer.

Nasrallah warnt vor Eskalation

Auf eine Kriegserklärung an Israel verzichtete der Schiitenführer trotz aller Befürchtungen am Ende doch. Denn die brauche es nicht, da die Schiitenmiliz mit den Gefechten im israelisch-libanesischen Grenzgebiet bereits in den Kampf eingestiegen sei. Auch an weiteren Drohungen mangelte es nicht: »Alle Optionen sind auf dem Tisch«, sagte Nasrallah. »Alle Möglichkeiten an unseren libanesischen Fronten sind in Reichweite.« Seine Anhänger jubeln und klatschen. Der eine oder andere verdrückte gar Tränen der Freude.

Eine Eskalation hänge nach Worten Nasrallahs vom Verlauf des Kriegs im Gazastreifen sowie von Israels Verhalten gegenüber dem Libanon ab. Es sei eine »realistische Möglichkeit«, dass sich die »libanesische Front in eine große Schlacht« verwandele. »Manche mögen das, was an unserer Front passiert, als gemäßigt empfinden, aber wir werden uns nicht damit zufrieden geben«, sagte Nasrallah.

Als Teil der vom Iran angeführten »Achse des Widerstands« hört die Hisbollah vor allem auf die Worte aus Teheran. Irans Staatsführung hatte in den Wochen seit Beginn des Gaza-Kriegs dem jüdischen Staat immer wieder gedroht. Das ist eine Linie, der auch die Hisbollah folgt.

Die Hisbollah hat Zehntausende Anhänger, mit denen sie vor allem den Süden an der Grenze zu Israel, von Schiiten bewohnte Viertel von Beirut sowie die Bekaa-Ebene im Norden des Landes kontrolliert. Gleichzeitig gilt die Hisbollah als starke politische Macht im kurz vor dem Kollaps stehenden Libanon.

»Nasrallah kann für sich und seine Anhänger sprechen und nicht für alle Libanesen«, sagt Mohammed, ein 30-jähriger Bankangestellter in Beirut. »Wenn er den Krieg erklären will, kann er aus seinem Versteck hervorkommen, um mit seinen Kämpfern gegen Israel zu kämpfen, anstatt alle Libanesen als Schutzschilde zu benutzen.« Wo der Hisbollah-Chef lebt, ist unbekannt. Auch am Freitag wandte er sich per Video-Botschaft an seine Anhänger. Zuletzt hatte er sich im November 2014 bei einer öffentlichen Veranstaltung gezeigt.

Junge Libanesen wollen ein »letztes Mal Spaß haben«

Der Libanon ist alles andere als in der Lage, einen Krieg zu führen. Derzeit mangelt es an so gut wie allem: Einem Staatsoberhaupt, einer Regierung, einer stabilen Währung. Seit Ende 2019 steckt der Mittelmeerstaat in der schlimmsten Wirtschafts- und Finanzkrise seiner Geschichte. Dem Land gehen die Devisen aus. Die libanesische Währung hat stark an Wert verloren. Die Krise wird auch auf jahrzehntelange Korruption in Politik und Wirtschaft zurückgeführt.

Seit gut einem Jahr scheitert die Wahl eines Präsidenten immer wieder an Machtkämpfen innerhalb der politischen Elite. Zurzeit wird das Land von Ministerpräsident Nadschib Mikati geschäftsführend geführt. Die Regierung ist nur eingeschränkt handlungsfähig. Hinzu kommt der Bürgerkrieg im Nachbarland Syrien. Laut UNHCR leben mehr als 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge im Libanon. Geschätzt wird, dass rund ein Viertel der Bevölkerung von mehr als fünf Millionen Menschen syrische Geflüchtete sind.

Libanesen im ganzen Land befürchten daher, dass eine weitere Eskalation zwischen der Hisbollah und Israel das Ende des Libanons bedeuten könnte. »Wir alle leiden immer noch unter der massiven Explosion im Hafen von Beirut im Jahr 2020«, sagt die 45-jährige Georgette. »Wir sitzen auf gepackten Koffern«, fügt sie hinzu. Viele Libanesen hätten Häuser in den Bergen - außerhalb der großen Städte - angemietet, um im Falle eines Kriegsausbruchs fliehen zu können.

Ein »letztes Mal Spaß haben« lautete die Devise junger Libanesen noch am Vorabend der Rede. »Wir wissen nicht, was ab morgen kommt, deswegen gehen wir heute alle noch mal gemeinsam aus«, sagte der 26-jährige Haydar Dagher. Gemeinsam mit seinen Freunden hatte er sich im Vergnügungspark verabredet: »Wer weiß, was nach Freitag kommt«. Die befürchtete Kriegserklärung, die das Leben der Libanesen schlagartig hätte verändern können, blieb aus.

© dpa-infocom, dpa:231103-99-805536/5