Kunstfest - Andreas Hoffmann ist als einziger Deutscher beim ersten Performance-Festival in Yangon/Myanmar dabei

Symbolisches Ringen um Freiheit

VON ARMIN KNAUER

YANGON. Es ist nicht irgendein Performance-Festival, das in Yangon, der einstigen Hauptstadt Myanmars über die Bühne geht. Sondern das erste überhaupt, das in dem lange Zeit abgeschotteten, noch immer autoritär regierten Land in Asien genehmigt wird.

Andreas Hoffmann bei seiner Performance: Aus Mehl und Wasser wird via Selbsttaufe ein Teig und  aus diesem eine Maske auf dem Gesicht des Künstlers. Am Ende verteilt Hoffmann kleine Stücke des Teigs, in die er Gesichter geformt hat, im Publikum. Foto: Roland Frick
Andreas Hoffmann bei seiner Performance: Aus Mehl und Wasser wird via Selbsttaufe ein Teig und aus diesem eine Maske auf dem Gesicht des Künstlers. Am Ende verteilt Hoffmann kleine Stücke des Teigs, in die er Gesichter geformt hat, im Publikum. Foto: Roland Frick
Mit dabei ein Künstler aus der Region: Andreas Hoffmann, einst Reutlinger, mittlerweile in Pfäffingen bei Tübingen ansässig.

Er, der im vergangenen Jahr selbst in Reutlingen und Tübingen ein mit vielen Künstlern aus Asien bestücktes Performance-Fest organisiert hatte, war im Dezember Teil dieses für Myanmar historischen Geschehens. Als einziger Deutscher in einem Feld von Kollegen aus Serbien, Finnland, Polen, Belgien, Thailand, Vietnam, den Philippinen - und natürlich Myanmar. So wurde er Teil eines kleinen, aber symbolisch wichtigen Schritts zur Öffnung. Einer Öffnung, die oft von Rückschlägen begleitet ist - zuletzt durch die brutale Vertreibung von Muslimen der Volksgruppe der Rohingyas.

Genehmigung kurz vor knapp

Insgesamt jedoch haben die Generäle den Griff gelockert. Haben seit 2011 einen zivilen Präsidenten akzeptiert (seit 2016 Htin Kyaw) und Aung San Suu Kyi, die Ikone der Opposition, als Regierungschefin. Ein Festival mit künstlerischen Performances in einem öffentlichen Park - das war bis vor Kurzem undenkbar. Heute ist es nur noch fast undenkbar. Noch immer gibt es kein Recht auf Kunst-, Meinungs-, Versammlungsfreiheit; aber inzwischen kann man verhandeln, ohne gleich hinter Gittern zu verschwinden.

Also verhandelten sie, Aye Ko, der Leiter des einzigen zeitgenössisch orientierten Kunstzentrums in Myanmar, New Zero Art Space, und seine beiden jungen Mitstreiterinnen Haymann Oo und Amon. Erst zwei Tage vor dem Festival gaben die Behörden grünes Licht. Umso erstaunlicher, so Hoffmann, wie daraufhin aus dem Nichts zahllose Helfer erschienen und das Equipment herankarrten in den Tha Khin Mya Park in Yangon, von Scheinwerfern bis zur Tonanlage.

Eine ganze Generation junger, angehender Künstler hatte sich hinter Aye Ko und seinem Vorhaben geschart, darunter, bemerkenswert für ein tief traditionell-patriarchalisch geprägtes Land, sehr viele junge Frauen. Für die Kunst viel mehr ist als bloß ästhetischer Diskurs. Für sie ist Kunst Lebenseinstellung und Daseinsphilosophie - und der Schlüssel zur Öffnung des Landes. Ihre Haltung hat Hoffmann tief beeindruckt.

Nicht wenige ihrer Performances drücken denn auch die Sehnsucht nach mehr Freiheit aus. Einer der jungen Teilnehmer zwängt sich, den Kopf unter einer Kapuze verborgen, durch einen Tunnel aus Autoreifen. Die Künstlerin Hnin Ei fesselt sich in ihrer Performance an einen dicken Strick, Pillenpackungen als Zeichen der Krankheit des gesellschaftlichen Zustands an ihren Körper geheftet. Die Künstlerin Thyitar, im vergangenen Jahr zu Gast bei dem von Hoffmann organisierten Performance-Festival in Reutlingen/Tübingen, thematisiert ihre Rolle als Frau und Muslima in der buddhistisch geprägten Gesellschaft Myanmars.

Luftballons und Papierflieger

Myat Kyawt bestreicht sich und Freiwillige wie die Künstlerin Hnin Ei über und über mit blauer Farbe - für ihn die Farbe der Freiheit. In anderen Performances verkörpern Papierflieger die Sehnsucht nach der Ferne. Luftballons, aus deren Inneren Häkelpüppchen auftauchen, verbildlichen die Neugeburt einer sich selbst suchenden Nation.

Und Cheforganisator Aye Ko? Der setzt in seiner Performance auf das universale Symbol von Frieden und Freiheit, auf die weiße Taube. Die bei ihm am Ende aus einem globusförmigen Drahtkäfig entlassen wird. Von wo aus sie schnurstracks zurück in die heimische Voliere des Künstlers fliegt. Dort wird Hoffmann sie am nächsten Tag wieder treffen.

Maske aus Teig

All das geht in einem idyllischen Park vor sich, dessen akkurat gestutzter Golfrasen und peinlichst gepflegtes Gehölz vom Erbe der britischen Kolonialzeit erzählen. Zu Beginn, als die junge, dynamische Organisatorin Haymann Oo ihre Begrüßung per Mikro über die Wiese schickt, flott in Jeans und schwarzem T-Shirt, sind die Teilnehmer fast noch unter sich. Nach und nach sammeln sich jedoch bis zu 200 Menschen um die Rasenfläche, auf der die Performances eine nach der anderen über die Bühne gehen.

Seinen eigenen Beitrag hat Hoffmann vieldeutiger und weniger plakativ politisch gehalten. Auf einem runden Metalltablett, wie man es in Myanmar oft auf den Märkten sieht, hat er Mehl geschichtet und darauf einen Krug Wasser gestellt. Das Wasser gießt er sich über den Kopf und lässt es auf das Tablett rinnen, wo es sich mit dem Mehl zu einem Teig verbindet. Den aus dieser »Taufe« erwachsenen Teig legt er sich über das Gesicht, sodass eine Maske daraus entsteht. Mehl und Wasser als Grundlagen des Lebens verbinden sich zu einem Abbild des Kulturwesens Mensch.

Am Ende verknetet Hoffmann die Maske wieder zum Teig, geht herum und verteilt an die Zuschauer Klümpchen davon, in die er angedeutete Gesichtszüge presst. »Es war interessant zu sehen, wie die Leute reagierten«, schmunzelt Hoffmann. »Manche wussten nicht, was sie mit dem Teigbällchen tun sollten. Einige warfen es weg; manche, vor allem die Kinder, steckten den Teig in den Mund und aßen ihn einfach auf.« Auch so kann man sich Kunst einverleiben.

Jeweils von 16 bis 20 Uhr reihen sich die Performances, anfangs noch im Schein der tropischen Sonne, in der zweiten Hälfte, nach der kurzen tropischen Dämmerung, im Lichtkegel von Scheinwerfern. Die Beiträge der europäischen Kollegen erweisen sich dabei oft als mehrdeutiger und weniger kämpferisch politisch als die der Kollegen aus Myanmar. Wie etwa jener der Serbin Snežana Golubovic´, die in der brütenden Tropenhitze über Stunden hinweg wie in einem Zeremoniell die Wege des Parkes abschreitet.

Am Wichtigsten sei für ihn aber gerade die Begegnung mit den jungen Künstlern aus Myanmar gewesen, so Hoffmann. Für sie habe das Schaffen von Kunst noch eine existenzielle Dringlichkeit. Anders als in Europa, wo sich jeder fast überall künstlerisch frei äußern kann - und dem Kunstschaffen gerade deshalb das Selbstverständnis als emanzipatorischer Akt oft abhandengekommen ist. Insofern hat Hoffmann den Elan seiner oftmals noch sehr jungen Kollegen aus Myanmar als frisch und belebend erfahren.

Dass ausgerechnet Andreas Hoffmann zu dem Festival eingeladen war, hat natürlich seine Vorgeschichte. Einerseits hat seine Kunst schon immer bildhauerische Elemente mit Performances verwoben. Andererseits ist es nun schon sein dritter Besuch in Asien. In vorherigen Arbeits- und Studienaufenthalten in den vergangenen Jahren hat er gemeinsam mit seiner Frau Monika Weber Kontakte zur zeitgenössisch orientierten Kunstszene in Thailand, Vietnam und Myanmar aufgebaut. Eine Erkenntnis war, dass sich im Bereich der Performance die fruchtbarsten Berührungspunkte fanden.

Festival in der Region geplant

Die Erfahrungen aus dem Festival in Myanmar will Hoffmann in eine weitere Ausgabe des Performance-Festivals in Reutlingen und Tübingen einfließen lassen. Die erste Ausgabe war zu Beginn des vergangenen Jahres im Sudhaus Tübingen und an der LAG Theaterpädagogik in Reutlingen zu erleben, auch damals schon mit starker Beteiligung von Künstlern aus Asien. Die nächste Ausgabe soll im Juni oder Juli 2019 in Reutlingen und Tübingen steigen. Dann werden wohl auch einige der jungen Künstler dabei sein, die er nun in Myanmar kennengelernt hat. Und weil es dann Sommer ist, ginge es sogar im Park. Das wäre dann fast so lauschig wie in Myanmar. (GEA)

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