Leichtathletik - Der Reutlinger Bernd Gerber ist Laufcoach für Menschen mit Down-Syndrom. Rekord aufgestellt
Der Marathonmacher
Von Gabriela Thoma
REUTLINGEN. Ursprünglich wollte er nur sein eigenes Leben verändern. Etwas abnehmen vielleicht. Den Kopf klar bekommen. Der Reutlinger Bernd Gerber fing an zu laufen. Das machen viele. Doch dann packte ihn die Lust, nicht einfach nur so durch den Wald zu joggen, sondern auf die Langstrecke zu gehen und mit der Distanz von 42,195 Kilometern sogar die Marathonstrecke zu bewältigen. Das wiederum machen schon weniger, auch wenn immer wieder tausende Freizeitsportler ihre Grenzen bei diversen Marathonläufen ausloten.
Jubelnd beendet Christian Hirsch als erster deutscher Sportler mit Down-Syndrom an der Seite des Reutlingers Bernd Gerber (rechts) einen Marathon. FOTO: EHLER
Bernd Gerber, Mitglied beim SV Ohmenhausen, hat dies fünf Mal gemacht und dazu noch einen Sechs-Stundenlauf über 55,55 km und einen Ultramarathon von 50 km absolviert. Seine Bestzeit steht seither bei 3:17 Stunden. Im Dezember vor einem Jahr jedoch entschloss er sich, dem »Laufclub Down-Syndrom Marathonstaffel« anzuschließen.
»Ich kann laufen so wie Du und laufe auf Dich zu«
Dieser Verein wurde von Anita und Thomas Kinle im Jahr 2007 in Fürth gegründet, um den Laufsport für Menschen mit Down-Syndrom zu ermöglichen. Die Initialzündung dafür kam von dem Engländer Simon Beresford, der kurz zuvor den London-Marathon zum ersten Mal gelaufen war. Er hatte dabei als Erster weltweit bewiesen, dass Menschen mit Down-Syndrom richtig ausdauerleistungsfähig sind. Insgesamt beendete er seither noch fünf Mal einen Marathon.
Mittlerweile hat aber auch der bayerische LC, der in diesem Jahr mit dem Welt-Down-Syndrom-Award ausgezeichnet wurde, großen Zuspruch erfahren. Er zählt 150 Mitglieder aus ganz Deutschland. Insgesamt trainieren dort 35 ausschließlich erwachsene Sportler mit Down-Syndrom.
»Für Kinder ist das nichts«, sagt Gründerin Anita Kinle, die selbst ein Kind mit Down-Syndrom hat. »Mein Thomas hat uns aber gelehrt, die Welt mit anderen Augen zu sehen«, erklärt sie ihre Motivation, den Klub zu gründen und diesem einen nachdenklichen Leitspruch zu verpassen: »Ich kann laufen so wie Du und ich laufe auf Dich zu.«
Die Gesellschaft müsse erkennen, dass Sportler mit Down-Syndrom Menschen sind, die genau dasselbe tun können wie alle andere auch, und deshalb die gleichen Rechte verdienen. So ist es für die Fürther »Marathonis« grundlegendes Prinzip, ihren Sport genau dort auszuüben, wo es andere Mitglieder der Gesellschaft auch machen, also bei öffentlichen Sportveranstaltungen. Mittendrin eben und nicht daneben. Nicht immer gehe das ohne Rücksichtnahme der anderen und sowieso nicht ohne jemanden, der Verantwortung übernimmt für Sportler mit Down-Syndrom sie aufmerksam anleitet, erzieht, ausbildet, motiviert und ihnen immer wieder zeigt und sagt: »Du kannst das.« Menschen mit Down-Syndrom - damit wird eine Genommutation bezeichnet, bei der das 21. Chromosom dreifach vorkommt - fehlt etwas Leichtigkeit. Sie brauchen viel Ausdauer, um bestimmte Fähigkeiten zu erlernen.
Dieser Aufgabe hat sich nun als Laufcoach der Reutlinger Gerber verschrieben. Seit Dezember 2009 ist der Key-Account-Manager der Gemeinschaft Fernmelde-Technik in Hilden, der sich zum Mentaltrainer und Gesundheitscoach weitergebildet hat, beim »Laufclub Down-Syndrom Marathonstaffel« dabei. »Das war eindeutig die richtige Entscheidung, denn so viel Freude und Glück habe ich bisher beim Laufen nicht erfahren können wie dort«, sagt er. Und er hat seit September auch seinen neuen Spitznamen weg. »Der Marathonmacher« wird er gerufen.
Im September hat Gerber im Rahmen des München Marathons mit dem Bayreuther Christian Hirsch gemeinsam etwas geschafft, was in der deutschen Sportgeschichte bis dahin einmalig war: Der 23-jährige Hirsch erreichte als erster Deutscher und zu diesem Zeitpunkt weltweit als dritter Sportler mit Down-Syndrom das Ziel nach mehr als 42 Kilometern im Münchner Olympia-Stadion.
Bei dieser außergewöhnlichen Leistung war ständig der 38-jährige Gerber an Hirschs Seite. »Ich musste die ganze Zeit während des Laufes für das richtige Tempo, für die Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme, schlicht für das Wohlergehen meines Freundes sorgen«, erklärt Gerber. »Christian hat die Tendenz, zu schnell zu laufen und mir immer wieder zu entwischen.«
Vor dem München Marathon hatten die beiden schon gemeinsam einen Halbmarathon in Freiburg und einen 30-Kilometer-Lauf in Karlsruhe absolviert. Somit wusste Gerber ganz genau, worauf er bei Hirsch, der seit zwei Jahren im Fürther Verein trainiert, achten muss.
»Bei Kilometer 30, der Punkt, an dem viele Marathonläufer in ein Loch fallen, haben wir dann eine Art Begleitschutz von der Spendensammlergruppe um Pumuckl Dietmar Mücke bekommen«, erzählt Gerber im Rückblick. Außerdem hätten dann Freunde, um ihnen die letzten Kilometer etwas zu erleichtern, immer wieder launig Lieder angestimmt und motivierende Fußballparolen von Christians Lieblingsverein, dem 1. FC Nürnberg, in den Münchner Himmel hinausgejubelt.
»So viel Freude und Glück wie dort habe ich bisher noch nicht erfahren«
»Ein großes Lob«, so Gerber, »gehört aber auch dem Veranstalter, der den Zielschluss eigentlich auf 6:15 Stunden festgesetzt hatte, aber dennoch die Strecken für uns noch einmal etwas über eine halbe Stunde länger gesperrt ließ.« Das war gerade in einer Metropole wie München mit all den eingesetzten Sicherheitskräften und Streckenposten mit einem enormen Aufwand verbunden. Am Ende jedoch gab's nur strahlende Gesichter.
Nach 6:46,54 Stunden erreichte Gerber gemeinsam und überglücklich mit Hirsch und unter frenetischem Beifall das Marathonziel. Ein paar Wochen später im Oktober toppte der Schweizer Simon Federer beim Luzern Marathon diese Leistung. Mit 5:35,40 Stunden ist er nun der schnellste und ausdauernste Mensch mit Down-Syndrom weltweit.
Damit könnte für Gerbers Schützling Hirsch schon eine neue Herausforderung feststehen. Doch ehe er die Zeit des Schweizers verbessert, möchte er im nächsten Jahr erst einmal seine eigene Bestzeit steigern. Natürlich mit dem Reutlinger an seiner Seite, dem er vertraut.
Gerber wiederum bietet sich als eingetragener Laufcoach des Fürther Klubs ab sofort als Betreuer für Menschen mit Down-Syndrom nun auch für die Region Reutlingen und Tübingen an (Telefon: 0 7 121/50 30 93 - Mail: bg@berndgerber.de). Ein möglicher Wettkampftermin steht auch schon fest, denn immerhin veranstaltet Gerbers Laufklub im nächsten Jahr am 21. März in Fürth aus Anlass des sechsten Welt-Down-Syndrom-Tages auch den ersten Welt-Down-Syndrom-Tag-Marathon. (GEA)