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31.01.2012

Ehrung - Der ehemalige Kugelstoß-Bundestrainer Hansjörg Kofink ist seit 1972 einer der profiliertesten Dopinggegner

Sport

Mahner und Kämpfer für den sauberen Sport

BAD TEINACH. Wie wird man eigentlich Anti-Doping-Kämpfer? Hansjörg Kofinks Weg in die dunklen Kanäle des Sports begann unmittelbar vor Beginn der Olympischen Spiele 1972 in München. Weil drei seiner Kugelstoßerinnen, darunter auch seine Frau Sigrun Kofink, trotz erfüllter Olympianorm nicht für die Spiele im eigenen Land nominiert wurden - es war die einzige Disziplin, die wegen »mangelnder Leistungsstärke« gegenüber den mit Anabolika gedopten Ostblock-Athletinnen unbesetzt blieb - trat Kofink von seinem Posten als Bundestrainer zurück und kämpft seitdem gegen das Damoklesschwert des Sports.

»Ohne Dopingmittel sind die plötzlichen Leistungssteigerungen von bis zu drei Metern nicht möglich«, schrieb Kofink am 5. August 1972, drei Wochen vor Beginn der Spiele an den DLV und das NOK. »Müssen unsere Athletinnen verbotener Weise Anabolika zu sich nehmen, um die Leistungen zu erreichen, an denen sie gemessen werden?« wollte er wissen.

Doch Kofink bekam keine Antworten und lernte vielmehr ein bis heute verbreitetes Prinzip kennen: Wegsehen und Weghören. Die Körper der Kugelstoßerinnen und deren Leistungen explodierten, Kofink quittierte die Entwicklung mit seinem Rücktritt als Bundestrainer. Seine Nachfolger hatten offensichtlich keine Probleme, sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren.

Seit vier Jahrzehnten ist der inzwischen 75-jährige Kofink Kämpfer gegen Doping und Mahner für einen sauberen Sport und hat sich große Anerkennung verschafft. »Hansjörg Kofink ist ein zutiefst humaner Mensch«, charakterisiert der Heidelberger Doping-Experte Werner Franke seinen Mitstreiter und bringt dessen Botschaften auf den Punkt: »Man virilisiert keine Frauen mit Doping«.

Frankes Ehefrau Brigitte Berendonk, die Anfang der siebziger Jahre als Diskuswerferin Kofinks DLV-Kader angehörte, spricht vom »Blick zurück im Zorn, weil wir in einem Verband waren, der nichts unternommen hat um aufzudecken und zu ahnden«.

Über den Anti-Dopingkampf hinaus lieferte der Gymnasialprofessor Kofink Anfang der neunziger Jahre beachtliche Anstöße in der Diskussion um die Wiedervereinigung des Sports in Ost und West. »Kofink hat sich vehement gegen die Verherrlichung und Wiederbelebung des Geistes der Kinder- und Jugendsportschulen gewehrt«, sagt Gerhard Treutlein, der in Heidelberg das Zentrum für Dopingprävention gegründet hat.

»Dank Hansjörg Kofink ist Baden-Württemberg ein Ort des Widerstands gegen Doping geworden«, betont die ehemalige DDR-Sprinterin Ines Geipel (Berlin), die sich wegen Steroid-Dopings aus den Rekordlisten des DLV hat streichen lassen, hervor. Mit Kofink habe sie »eine tiefe Verbindung im Bestreben nach Freisein im Sport«, aus der eine sächsisch-schwäbische Antidopingliaison geworden sei, so die unter dem Zwangsdoping noch immer leidende Professorin und Schriftstellerin.

Ein besonderer Lehrerkollege

Kofinks Einsatz für einen sauberen Sport wäre nicht denkbar ohne sein pädagogisches Wirken. Über 30 Jahre hat er als Präsident im Deutschen Sportlehrerverband die Geschicke des Schulsports in der Bundesrepublik und auf europäischer Ebene gelenkt. Von den Olympischen Spielen 1972 hatte sich Kofink »Schubkraft für den Schul- und freien Sport erhofft«. Heute zieht er einen klaren Strich zwischen den Schul- und den Leistungssport und fordert, »dass junge Menschen, die in den Profisport wollen, gefestigt sein müssen«.

Armin Emrich, langjähriger Handball-Bundestrainer bei den Männern und Frauen, hat Kofink als einen besonderen Kollegen in der Lehrerbildung erlebt. »Er ist für mich die Verkörperung von Fachkompetenz und Leidenschaft für das Berufsbild des Trainers und Sportlehrers, der sich mit den Gefahren des Leistungssports auseinandergesetzt hat«, sagt der frühere Bundesliga-Spieler bei FrischAuf Göppingen und TuS Hofweiher.

Die Auszeichnung mit der Heidi-Krieger-Medaille für engagiertes und mutiges Auftreten gegen Doping sieht Kofink »als ein Symbol, das mich sehr nachdenklich macht«. Wenn man einen Preis für etwas bekomme, was eigentlich selbstverständlich sei, stimme etwas nicht mehr, so Kofink. »Die ganzen Probleme, die wir heute haben, hängen ausschließlich damit zusammen, dass die Spitze des deutschen Sports in der Wendezeit komplett versagt hat«, lautet sein ernüchterndes Credo. Dafür ist er mit seiner Geradlinigkeit und Verlässlichkeit zum Vorbild geworden. (GEA)

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