Seuche - Deutschland ist seit 2008 tollwutfrei. Weltweit soll die gefährliche Seuche bis 2030 eliminiert sein

Welt-Tollwuttag: Schluckimpfung für Füchse

VON JULIE-SABINE GEIGER

MÜNSINGEN/STUTTGART. Deutschland ist tollwutfrei. Auf diese Nachricht haben nicht nur Veterinäre im Dezember vor neun Jahren angestoßen. Wobei Baden-Württemberg die Warnschilder »Tollwutgefährdeter Bezirk« schon früher von den gelben Ortsschildern abschrauben konnte. Am 28. Februar 2005 wurde im Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart der letzte Fuchs mit Tollwut festgestellt. Im Landkreis Reutlingen konnten Dr. Thomas Buckenmaier, dem Leiter des Kreisveterinäramts, zufolge die Schutzmaßregeln schon zum 15. Juli 1996 aufgehoben werden. Nachdem im Dezember 1995 der letzte an der Virusinfektion verendete Fuchs auf einer Viehweide gefunden worden war.

Die Tollwut gab es schon immer. Doch nur der  Rotfuchs galt als  Virusreservoir für die gefährliche Zoonose, die bekämpft werden musste. Durch aufwendige Impfaktionen konnte die Seuche  in Deutschland getilgt werden, weltweit grassiert sie immer noch. FOTO: PULVERMÜLLER
Die Tollwut gab es schon immer. Doch nur der Rotfuchs galt als Virusreservoir für die gefährliche Zoonose, die bekämpft werden musste. Durch aufwendige Impfaktionen konnte die Seuche in Deutschland getilgt werden, weltweit grassiert sie immer noch. FOTO: PULVERMÜLLER
Um die für Menschen, Haus- und Wildtiere gefährliche Krankheit auszurotten, hat alleine das Land Baden-Württemberg im Zeitraum 2002 bis 2007 rund 1,3 Millionen Euro in Impfaktionen gesteckt, informiert das Ministerium für den Ländlichen Raum. Seither wird mit Argusaugen über fortwährende Ausbrüche in den osteuropäischen Ländern gewacht. Deshalb wird nach wie vor Impfstoff vorgehalten und werden nach wie vor Indikatortiere untersucht.

»Die Tollwut war für uns ein großes Thema«
 

In anderen Ländern der Welt grassiert die Tollwut nach wie vor. Jährlich sterben etwa 55 000 Menschen an der Krankheit, hauptsächlich in Asien und Afrika, meldet die gemeinnützige Initiative »Alliance for Rabies Control«, die am Welt-Tollwuttag, dem 28. September, auf die gefährliche Zoonose aufmerksam macht. Die meisten Menschen sterben nach Bissen von streunenden, nicht geimpften Hunden. Bis zum Jahr 2030 soll Lyssa oder auch Rabies, wie die Tollwut in Fachkreisen nach ihrem Erreger heißt, weltweit eliminiert sein. Es ist ein ehrgeiziges Ziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

»Die Tollwut war für uns ein großes Thema«, blickt Dr. Janosch Arnold, Leiter der Wildforschungsstelle Aulendorf, in die achtziger Jahre zurück. 1983 begann in Baden-Württemberg die Tollwutimpfung der Füchse. Davor hatte, wie der Spiegel 1972 berichtete, das Bonner Landwirtschaftsministerium bereits 1970 »einen drakonisch anmutenden Befehl zur Dezimierung der Füchse« herausgelassen. Zum Schutz gegen die Tollwut, die nicht nur Menschenleben gekostet hatte, sondern auch für Verluste bei den Weidetieren gesorgt hatte, sollten die Rotpelze durch vermehrten Abschuss und durch Begasung der Baue getötet werden.

Der Spiegelautor weiter: »Als günstigsten Zeitpunkt zum Ausräuchern der Reineke-Röhren wählten die mit Blausäure- und Phosphorpatronen ausgerüsteten Begasungstrupps die beiden Frühlingsmonate April und Mai.« Da sich Familie Fuchs tagsüber bevorzugt unter Tage aufhält, versprach man sich einen großen Effekt. Tödlich getroffen wurde damals allerdings auch eine andere Spezies: der ebenfalls Höhlen bewohnende Dachs.

In den Anfängen der Tollwutimpfaktionen wurden die Jäger mit in den Veterinärämtern von Hand präparierten Hühnerköpfen losgeschickt, in denen sich der Impfstoff befand. Ab 1986 wurden die Impfaktionen vom Flugzeug aus auf die Fläche ausgedehnt. Die Erfindung des sogenannten Tübinger Köders machte die Schluckimpfung für Füchse aus der Luft möglich. Wissenschaftler der damals noch in Tübingen ansässigen Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere, dem 2012 auf die Ostseeinsel Riems verlegten Friedrich-Loeffler-Institut (dem WHO-Kooperationszentrum für Tollwut-Überwachung und -Forschung), hatten einen Fischmehlhappen mit Impfstoffampulle entwickelt, der nur streichholzschachtelgroß maschinell hergestellt werden konnte. Tiefgekühlt angeliefert, wurden die Köder von kleinen Flugzeugen aus über Waldgebieten und Feldern abgeworfen. Der Gestank der sich im Flugzeug erwärmenden Köder erzeugte Übelkeit.

»Die Impfaktionen waren nicht unumstritten«
 

»Am 19. und 20. Juli 1991 sind in einer Sonderaktion im Kreis Reutlingen auf etwa 800 Quadratkilometer Fläche 16 000 Impfköder zur oralen Immunisierung der Füchse gegen Tollwut per Flugzeug ausgelegt worden«, steht in einer damals noch vom Staatlichen Veterinäramt Reutlingen herausgegebenen Pressemitteilung aus der Zeit zu lesen. Die sogenannte »Auslegungsaktion aus der Luft« betraf die Gemeinden Trochtelfingen, Engstingen, Lichtenstein, St. Johann, Bad Urach das östlich davon liegende Kreisgebiet.

Grund war das Wiederaufflackern der Tollwut mit 183 Fällen in Baden-Württemberg, die das Landwirtschaftsministerium zu dieser Aktion veranlasst hat. 1980 waren im Land 1 965 Tollwutfälle registriert worden, die Zahl hat der damalige Leiter des Staatlichen Veterinäramts Dr. Klaus Eppinger der Kreisjägervereinigung Reutlingen damals bekannt gegeben. Zu der Zeit wurde intensiv Jagd auf Meister Reinekes Sippe gemacht, die sich immunisiert gegen die tödliche, das Zentralnervensystem schädigende Krankheit munter vermehrte. Die Fuchsstrecken schnellten von 1972/73 mit 20 000 erlegten Tieren auf 60 000 im Jahr 1990/91 hoch.

»Die Impfaktionen waren nicht unumstritten«, gibt Janosch Arnold zu bedenken. Zum einen war es der Medikamenteneinsatz in der Natur, der kritisiert wurde. Der zudem von Hunde- und Katzenhaltern mit Unbehagen beäugt wurde, obwohl in den Informationen über die Köderauslegungsgebiete immer wieder die Unschädlichkeit des Impfstoffs versichert worden war. »Diese orale Immunisierung war natürlich auch ein Eingriff in den Naturhaushalt«, erklärt der Wildforscher. »Die Tollwut war für die Fuchspopulation ein natürliches Regulativ.« Da die sogenannte terrestrische Tollwut, im Gegensatz zur Fledermaustollwut, für den Menschen große direkte und zudem wirtschaftliche Risiken barg, habe man sich zu dieser drastischen Maßnahme, der flächendeckenden Immunisierung, entschlossen. »Tollwut ist eine gravierende Krankheit«, betont Arnold. »Sie gefährdet Menschen, Haus- und Nutztiere.«

Und sie ist immer noch da. »Auch wenn Baden-Württemberg wie ganz Deutschland seit Jahren als tollwutfrei gilt, müssen wir die Situation im Auge behalten, um im Notfall reagieren zu können«, erklärte Peter Hauk, der Minister für den Ländlichen Raum, dazu. Und weiter: »Um die Gefahr eines erneuten Seuchenausbruchs frühzeitig zu erkennen, untersuchen wir nach wie vor stichprobenhaft und risikoorientiert die für die Tollwut hochempfänglichen Wildtierarten Fuchs, Waschbär und Marderhund.«

»Die Tollwut war für die Fuchspopulation ein natürliches Regulativ«
 

Aus gutem Grund: In Osteuropa, wo die Biosicherheit eher lax gehandhabt wird, ist die Tollwut in den genannten Populationen sehr präsent. Nichts fürchten Experten wie Janosch Arnold oder die Veterinärin Dr. Susanne Brinkmann vom Ministerium für den Ländlichen Raum mehr als die illegalen Welpen-Urlaubsmitbringsel aus den osteuropäischen Ländern oder der Türkei, die weder registriert noch geimpft sind noch Heimtierpässe haben. »Die Tollwut hat eine unkalkulierbar lange Inkubationszeit«, schildert Brinkmann das unterschätzte Gefahrenpotenzial. Je nachdem, wo ein Tier gebissen wurde, könne es bis zum Ausbruch der Krankheit Monate dauern. »Wenn sich ein Tollwutverdacht herausstellt, kann die Veterinärbehörde die Tötung des Tieres anordnen«, rät Brinkmann zum Hund mit Pass und Impfausweis.

»Im Zeitalter der Globalisierung und einer großen Reisefreudigkeit der Bevölkerung wird der Aspekt der Tiergesundheit immer wichtiger«, warnt auch Agrarminister Peter Hauk vor den illegalen Mitbringseln unbekannter Herkunft. »Krankheiten wie die Tollwut machen vor den Ländergrenzen nicht halt. Daran orientieren sich unsere Konzepte zu Krankheitsvorbeugung und Krankheitsbekämpfung.«

»Wir müssen immer mit dem Ausbruch von Tierseuchen rechnen«
 

»Wir müssen immer mit dem Ausbruch von Tierseuchen rechnen«, lenkt Hauk das Augenmerk auf eine andere, aktuelle Bedrohung, die den Veterinärbehörden Kopfzerbrechen bereitet, weil enormer wirtschaftlicher Schaden droht. »Derzeit sind die heimischen Haus- und Wildschweinbestände durch die Afrikanische Schweinepest bedroht«, macht der Landwirtschaftsminister aufmerksam. Diese hochansteckende und für die Tiere tödlich verlaufende Viruserkrankung breitet sich seit 2014 in Europa aus. Die Seuche kommt seit Längerem in Weißrussland, der Ukraine und Russland vor. Seit 2014 tritt sie auch in den baltischen Staaten und in Polen auf. Seit diesem Sommer melden auch Tschechien und Rumänien Feststellungen, informiert das Landwirtschaftsministerium.

Der Welt-Tollwut-Tag erinnert an Louis Pasteur

Der 28. September ist Welt-Tollwut-Tag. Am Todestag Louis Pasteurs, der 1895 gestorben ist, wird zugleich an die Verdienste des Chemikers, Mikrobiologen und Tollwutforschers, der 1885 den ersten Impfstoff angewendet haben soll, erinnert.

Die Tollwut unterliegt dem Infektionsschutzgesetz als meldepflichtige Krankheit. Auch tote Tiere müssen gemeldet werden.

Die Tollwut gilt als eine der gefährlichsten Infektionskrankheiten für den Menschen, die beinahe immer tödlich verläuft. Die wenigen Überlebenden haben schwere Gehirnschädigungen davongetragen.

Die Erkrankung des Zentralnervensystems wird durch ein Rhabdovirus, das Rabiesvirus, hervorgerufen, dass durch Biss übertragen wird. Impfungen können vorbeugen, beim Menschen sogar noch unmittelbar nach dem Biss eines Tieres.

Unterschieden wird die terrestrische Tollwut, die der Wild- und Nutztiere, und die Tollwut der europäischen Fledermäuse, die seit 2007 von den Veterinäruntersuchungsämtern beobachtet wird.

Die Erreger der Fledermaustollwut, das European Bat Lyssa Virus (EBL-Virus) unterscheidet sich von dem klassischen Tollwutvirus (Rabies-Virus). Andere Tiere infizieren sich einem Bericht des Veterinäruntersuchungsamts Stuttgart selten. Menschen oder Tiere können sich dennoch durch Biss oder Kratzer infizieren, weshalb mit Fledermäusen arbeitenden Tierschützer gegen Tollwut geimpft sein sollten. Die klassische Tollwutimpfung schütze auch gegen das Virus der Fledermaustollwut. (jsg)

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