Jahreswechsel - Benjamin Maier und Felix Mayer fahren am Silvesterabend den DRK-Rettungswagen in Münsingen

Reportage: Eine Nacht in der Münsinger Rettungswache

VON MARKUS HEHN

MÜNSINGEN. »Urach ist weg und Reutlingen jetzt schon komplett ausgebucht - die müssen doch auch irgendetwas für uns haben«, wundert sich Benjamin Maier, dass es für ihn und seinen Kollegen Felix Mayer in dieser Silvesternacht auf der Münsinger Rettungswache bislang noch nichts zu tun gegeben hat. Und dabei ist es schon halb zwölf. Nur noch 30 Minuten bis 2018.

Benjamin Maier und Fahrer Felix Mayer (rechts) starten in der Silvesternacht von der Münsinger Rettungswache aus zu ihrem nächsten Einsatz. FOTO: HEHN
Benjamin Maier und Fahrer Felix Mayer (rechts) starten in der Silvesternacht von der Münsinger Rettungswache aus zu ihrem nächsten Einsatz. FOTO: HEHN
Der Jahreswechsel zieht vorüber, was recht unspektakulär ist für Leute, die sich extra nichts dafür vorgenommen haben. Maier ist Rettungsassistent und sein Kollege Notfallsanitäter in der Ausbildung, Erstgenannter 26 und Felix Mayer 22 Jahre alt. Und während insbesondere Leute aus ihrer Generation dafür sorgen, dass im Klinikum am Steinenberg in dieser Nacht reger Betrieb herrscht, blicken die beiden Münsinger gezwungenermaßen untätig auf die Geschäftigkeit zu Tale.

Jetzt ist es schon fast 1 Uhr und noch immer bleibt der Melder still. Haben sich die beiden völlig umsonst die Nacht um die Ohren geschlagen, während sie andere vergnügt oder gar ausgelassen feiern? Nein. Sie werden noch gebraucht.

Um genau 0.56 Uhr starten sie ihren Rettungswagen mit Blaulicht. Vollgas zu geben wäre jedoch fatal, denn die Straßen sind glatt. Mit leichter Verspätung treffen die Helfer dort ein, wo ihr Patient von eben diesem Schicksal ereilt wurde: Auf Eis ausgerutscht und deswegen auf den Kopf gefallen.

Zu viel Alkohol im Spiel

Benjamin Maier versucht herauszufinden, wie viel Gedächtnis bei dem Mann noch da ist. »Können Sie mir sagen, welcher Wochentag heute ist?« - »Nein.« - »Wissen Sie denn, was für ein besonderes Datum wir haben?« - »Nicht wirklich, aber wir müssten auf das Jahresende zugehen.« - »Ja genau, und jetzt haben wir sogar schon Neujahr.« - »Ach, tatsächlich?« Knapp zwei Stunden brauchen Maier und Mayer für diesen Einsatz, denn für die weitere Untersuchung des Mannes werden Geräte benötigt, die es zu diesem Zeitpunkt nur in Reutlingen gibt. Der Münsinger Rettungswagen tritt also die Fahrt ins Tal an und wird dort auch prompt wieder gebraucht.

Die beiden Rettungswagenfahrer erleben jetzt das Kontrastprogramm zu ihrem bis dahin ruhig verlaufenen Abend. Mit dem Hinweis der Einsatzzentrale »Es geht um Alkohol« treffen die Retter aus Münsingen acht Minuten später auf einen jungen Menschen, der sich beim Feiern offenbar überschätzt hat. Schnell wird jedoch klar, dass hier kein echter Notfall vorliegt: Dem jungen Mann dürften eine Portion Schlaf und viel Wasser bereits helfen. Mit den noch verbliebenen Party-Gästen wird noch ein knappes »Frohes Neues« ausgetauscht. Dann geht die Fahrt im Blaulichtfahrzeug wieder zurück auf die Alb nach Münsingen.

Es ist kurz nach 3 Uhr und mittlerweile fordert nicht nur die Müdigkeit ihren Tribut, sondern auch die Erschöpfung nach zwei Einsätzen. Kaffee soll den beiden Männern über die nächsten Stunden helfen und sie schaffen tatsächlich einen einzigen Schluck, bevor der Melder am Gürtel wieder piept. Ihr letzter Einsatz in dieser Silvester-Schicht endet als einziger dort, wo er begonnen hat: in der Münsinger Albklinik. Hier müssen sie eine etwa 50 Jahre alte Frau einliefern, die in dieser Nacht in einer Albgemeinde viel zu tief ins Glas geschaut hatte.

Schichtende am Spülbecken

Wieder zurück in ihrer Rettungswache, blicken Maier und Mayer jetzt doch noch auf eine erfolgreiche Nacht zurück. Oder besser: Sie blicken direkt drauf. Auf Berge von Geschirr und Essen nämlich, rund um den von ihnen angeheizten Raclette-Grill. So also endet die Schicht für die beiden zwar mit Spülen, aber auch mit der Gewissheit, dass sie in den zurückliegenden zwölf Stunden einen guten Mix erlebt haben aus einerseits selbst Silvester zu feiern und andererseits das Silvesterfest von anderen zu retten. (GEA)



Das könnte Sie auch interessieren
Regionen

Wählen Sie Ihre Region

Karte mit einzelnen Regionen Tübingen Reutlingen Pfullingen Eningen Lichtenstein Über der Alb Neckar und Erms
Mitarbeiter gesucht!
  • Stellenanzeigen werden geladen...


Einbruchsserie im Ortsteil Sondelfingen

REUTLINGEN-SONDELFINGEN. In der Nacht von Freitag ... mehr»

Sachsens Innenminister warnt vor «zweiter Zuwanderungswelle»

Im EU-Parlament gibt es Pläne, die sogenannten Dublin-Regeln zu ändern. Foto: Daniel Karmann

Dresden (dpa) - Angesichts einer vom Europaparlame... mehr»

Ed Sheeran ist verlobt: «Wir sind sehr glücklich»

Ed Sheeran hat sich mit seiner Freundin Cherry verlobt. Foto: Isabel Infantes

London (dpa) - Popstar im siebten Himmel. Der brit... mehr»

«Best of the rest»: Bundesliga spannend wie selten

Die Gladbacher Spieler mischen im Kampf um die Königsklassenplätze mit. Foto: Federico Gambarini

Hannover (dpa) - Dieter Hecking hatte schon vor de... mehr»

«Ohne Angst, ohne Scheu»: Schulz wirbt für große Koalition

Gefüllte Stuhlreihen beim SPD-Sonderparteitag in Bonn. Foto: Oliver Berg

Bonn (dpa) - SPD-Chef Martin Schulz hat auf dem SP... mehr»

Aktion

Zeitungspaten gesucht

Zeitung lesen macht schlau! Setzen Sie sich als Zeitungspate dafür ein, dass alle Kinder und Jugendlichen einen kostenlosen Zugang zur Tageszeitung haben.
lesen »
Aktuelle Beilagen