Landkreis Reutlingen - Wie und von wem die Wälder im Landkreis künftig bewirtschaftet werden, muss 2018 entwickelt werden

Folgen der Forstreform: Auf Suche für den Gemeindewald

VON CHRISTINE DEWALD

HOHENSTEIN/REUTLINGEN. Hier ein Stück Staatswald, dort ein Flecken kommunaler Forst, dazwischen die handtuchbreiten Grundstücke privater Waldbesitzer: Der Wald im Kreis Reutlingen ist keine zusammenhängende Einheit - son- dern ein Flickenteppich.

Hier Buche, dort Fichte, hier Staatswald, dort kommunaler Forst: So wie hier in Gomadingen finden sich im Landkreis ganz unterschiedliche Waldarten und verschiedene Besitzverhältnisse direkt nebeneinander.
Hier Buche, dort Fichte, hier Staatswald, dort kommunaler Forst: So wie hier in Gomadingen finden sich im Landkreis ganz unterschiedliche Waldarten und verschiedene Besitzverhältnisse direkt nebeneinander. FOTO: Christine Dewald
So unterschiedlich wie die Besitzstruktur, so verschieden sind Waldcharakter und Bewirtschaftungsziele. Für waldreiche Albkommunen wie Trochtelfingen bringt der Forst verlässlich Einnahmen: Mit knapp 215 000 Euro rechnet die Stadt im Jahr 2018. Manche Städte und Gemeinden im Albvorland leisten sich ihr bisschen Wald dagegen eher als Erholungsraum. Und Kommunen wie Lichtenstein oder Bad Urach, deren große Waldflächen vor allem am schwierig zu bewirtschaftenden Albtrauf liegen, müssen sich von der Hoffnung, am Forst zu verdienen, Jahr für Jahr verabschieden.

»Es gibt nicht DEN Gemeindewald.« Hohensteins Bürgermeister Jochen Zeller ist einer von sieben kommunalen Vertretern, die zusammen mit Landkreis und Forstverwaltung in den kommenden Monaten in einer kreisweiten Steuerungsgruppe neue Strukturen schaffen müssen, damit der Wald im Kreis Reutlingen auch in Zukunft nachhaltig, umweltschonend und möglichst effektiv bewirtschaftet werden kann.

Niederlage im Kartellverfahren

Die Aufgabe haben sich Forst und Kommunen nicht selbst gestellt - sie hatten die für sie optimale Struktur bereits. Doch die zentrale Forstverwaltung in Baden-Württemberg, die sich gleichermaßen um Staats-, Gemeinde- und Privatwald kümmert, muss aufgegeben werden. Das schreiben das Bundeskartellamt und das Oberlandesgericht Düsseldorf vor. Dessen Entscheidung hatte den Schlussstrich unter ein mehrere Jahre strittiges Kartellverfahren gesetzt.

An seinem Anfang stand eine Klage der Sägeindustrie, die gegen den zentralen Holzverkauf in Baden-Württemberg vorgegangen war. Das Kartellamt sieht darin einen Verstoß gegen das Wettbewerbsrecht. Dass das Land für Gemeinden und Privatleute in Zukunft nicht bloß kein Holz mehr verkaufen, sondern deren Wald auch nicht mehr bewirtschaften darf, ist quasi ein Nebeneffekt. Aber einer mit großen Auswirkungen: Das bisherige Einheits-Forstamt muss bis Mitte 2019 Geschichte sein. Künftig wird es im Landkreis zwei Forstverwaltungen geben - eine für den Staatswald, eine für die Kommunen. »Da wurde das Kind mit dem Bade ausgeschüttet«, kritisieren Vertreter von Forst und Kommunen.

Gemeinden gemeinsam

Dass nun nicht jede einzelne Gemeinde ihren eigenen Förster anstellen und bezahlen kann, liegt auf der Hand. Nur eine gemeinsame Lösung ist denkbar, wie die Bürgermeister im Landkreis übereinstimmend entschieden haben. Wie sie aussehen könnte, wird in der Steuerungsgruppe entwickelt, in der Jochen Zeller als Vorsitzender des Kreisverbands Reutlingen des Gemeindetags und Chef einer waldreichen Kommune mitarbeitet.

Der Blick auf die Hohensteiner Flurkarte zeigt deutlich, wo die Probleme liegen: Der Gemeindewald ist keine zusammenhängende Fläche, sondern klein parzelliert - mit Feldflur, Staatswald, privaten Grundstücken dazwischen.

Von den rund 6 180 Hektar Markungsfläche in Hohenstein sind fast 2 300 Hektar Wald. Nicht einmal die Hälfte davon gehört der Gemeinde: etwas über eintausend Hektar. Dazu kommen rund 240 Hektar Staatswald und etwa 1 050 Hektar Privatwald, eine Gesamtfläche, die sich auf weit mehr als eintausend Flurstücke und fünfhundert verschiedene Eigentümer verteilt. Der größte private Waldbesitzer Hohensteins ist die Holzkasse Oberstetten - ihrerseits wieder ein Zusammenschluss vieler Privatleute.

Ähnlich kompliziert ist der Flickenteppich auf Kreisebene, wo von insgesamt 43 500 Hektar Wald gut die Hälfte - 22 500 Hektar - den Städten und Gemeinden gehören. Rund 10 000 Hektar sind Staatswald, 8 500 Hektar sind in Privatbesitz. Dazu kommen - auf dem früheren Truppenübungsplatz Münsingen - Waldflächen unter der Verwaltung des Bundesforsts. Unter den Kommunen gibt es »Großgrundbesitzer« wie die Stadt Münsingen, mit rund 2 800 Hektar mit Abstand an der Spitze, gefolgt von der Stadt Reutlingen und Trochtelfingen, das etwas weniger als 2 000 Hektar Waldfläche hat. Am wenigsten Wald - noch unter hundert Hektar - haben die Gemeinden Grafenberg, Wannweil und Hülben. Ganz unterschiedliche Gemeindewälder haben höchst verschiedene Anforderungen an die Bewirtschaftung. Und auch die vielen privaten Waldbesitzer, die die Dienstleistung des Kreisforstamts in Anspruch nehmen, haben nicht die gleichen Bedürfnisse. Die einen wählen das »Rundum-sorglos-Paket«: Der Revierförster kümmert sich um alles. Andere brauchen bloß hin und wieder mal Beratung und machen Waldpflege und Holzernte selbst.

Wie die kommunale Forstverwaltung ab Mitte 2019 aussehen wird? Noch weiß es keiner. Was Jochen Zeller allerdings bereits absehen kann: Die Beförsterung wird für die Gemeinden teurer werden. Hohenstein etwa zahlt bislang 56 000 Euro im Jahr, eine Summe, die sich aus einem größeren Betrag für die bewirtschaftete Fläche und einem kleineren für die verkaufte Holzmenge berechnet.

Ein solches oder ähnliches Umlagesystem wird auch die künftige Forst-Organisation brauchen, die entweder ein Zweckverband oder eine Kommunalanstalt werden kann, je nachdem, ob und wie auch die Betreuung des Privatwalds hier mit angesiedelt wird. Wo sie sitzt, wer sie leitet, wie viel überhaupt an Verwaltung und Personal gebraucht wird - alles noch offen. Dass künftig kreisweit zwei übergeordnete Forstverwaltungen nötig sind, wird die Sache auf jeden Fall verteuern.

Dazu kommt, dass die Gemeinden bald für forstliche Zusatz-Leistungen des Landes extra bezahlen müssen. Für die alle zehn Jahre nötige Forsteinrichtung beispielsweise, die Bewirtschaftungsziele im Wald nach den Grundsätzen der Nachhaltigkeit festlegt.

Weiter mit dem Revierförster?

Auch über die Forstteams an der Basis ist noch nicht entschieden: die Revierförster oder die Waldarbeiter. Viele Gemeinden haben großes Interesse daran, mit ihrem Revierförster weiterarbeiten zu können, wie Jochen Zeller berichtet: Auch die Hohensteiner wünschen sich »ihren« Stefan Hägele. Die Förster werden aber entscheiden dürfen, ob sie »ihren« Wald behalten und einen neuen Arbeitgeber bekommen wollen.

Für die Waldarbeiter sind verschiedene Lösungen möglich. Zeller könnte sich zum Beispiel einen gemeinsamen Waldarbeiter-Pool vorstellen, der gemeindeübergreifend mehr Kooperation und Flexibilität ermöglichte. Hohenstein hat in dieser Hinsicht gute Erfahrungen ge-macht: Die seit einigen Jahren bestehende gemeinsame Waldarbeiter-Partie mit der Gemeinde Engstingen bewähre sich, betont Zeller, nicht zuletzt unter dem Aspekt der Sicherheit: »So können immer mindestens drei Leute zusammen im Wald arbeiten. Eine Gemeinde allein kann das nicht leisten.« Auch für die Abrechnung eines solchen Waldarbeiter-Modells taugt das Beispiel Engstingen-Hohenstein: »Jede Stunde Waldarbeit wird der jeweiligen Gemeinde berechnet.«

Holzpreise unter Druck

Die Kosten in den kommunalen Wäldern werden steigen - die Erlöse dagegen nicht. Im Gegenteil. »Weil auf dem Markt mehr verschiedene Holzverkäufer auftreten, wird der Wettbewerb steigen«, rechnet Hohensteins Bürgermeister mit eher sinkenden Holzpreisen, noch über die üblichen Schwankungen hinaus. Dass das bisherige Netz von zum Teil langjährigen Geschäftsbeziehungen völlig aus den Fugen gerät, glaubt Jochen Zeller dagegen nicht. Schon deshalb, weil beim Holzhandel die Transportkosten ein wichtiger Faktor sind - die Sägewerke also nach wie vor daran interessiert sein werden, möglichst in der Umgebung einzukaufen.

Es wird also - so Zellers Prognose - am Wald weniger zu verdienen sein, auch dort, wo die Erlöse bislang gut sind. Und vielleicht wird für noch mehr Gemeinden als bisher der Forst künftig kein mehr oder weniger rentabler Wirtschaftsbetrieb sein, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe unter Überschriften wie Erholungsfunktion, Luftreinhaltung, Wasser- und Umweltschutz.

Diese weiteren Waldfunktionen sind ebenso wie der Grundsatz der Nachhaltigkeit im Landeswaldgesetz verankert. Es verpflichtet jeden Waldbesitzer dazu, seine Flächen pfleglich, nachhaltig und sachkundig zu bewirtschaften. Aus der Verantwortung kommen die Gemeinden in Sachen Wald also nicht. Es sei denn, sie würden ihn verkaufen. (GEA)

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