Über die Alb
Bildung - Eine Trailfinger Familie hat sich dafür entschieden, ihre Kinder nicht zur Schule zu schicken

Die Dynamik freien Lernens

Von Christine Dewald

MÜNSINGEN-TRAILFINGEN. Neulich hat Kolja sich eine Vogelfeder gespitzt und mit Tinte zu schreiben begonnen. Buchstaben findet er interessant. Sein Bruder Jaromir hat sich mit kleinen Stapeln von Cent- und Fünf-Cent-Stücken eine sehr konkrete Vorstellung von geraden und ungeraden Zahlen verschafft.

Draußen spielen: Für Jaromir (rechts) und seinen Bruder Kolja ist das Alltag und wichtige Lernerfahrung. GEA-FOTO: DEWALD
Draußen spielen: Für Jaromir (rechts) und seinen Bruder Kolja ist das Alltag und wichtige Lernerfahrung. FOTO: Christine Dewald
Kleine Lernschritte sind das. Sie passieren im Alltag der beiden Jungen, fast nebenbei. Die Impulse gehen dabei von den Kindern aus, werden nicht gesteuert und schon gar nicht zeitlich getaktet. Wann Jaromir sich mit geraden Zahlen beschäftigt, das entscheidet der Achtjährige selbst. Die Neugier darauf kam von allein und kommt immer wieder, und irgendwann - da sind seine Eltern sicher - wird Jaromir das Rechnen beherrschen, so selbstverständlich, wie er laufen gelernt hat.

Neugierig und lernbegierig

Kinder sind neugierig und lernbegierig. Und sie lernen am besten, wenn sie das anschaulich, konkret und in ihrem eigenen Tempo tun dürfen. Das sind eigentlich pädagogische Binsenweisheiten. Jaromirs und Koljas Eltern haben sie zu der Entscheidung geführt, ihre Kinder nicht in die Schule zu schicken, sondern der Dynamik des freien Lernens zu vertrauen. Jaromir übt das Rechnen dann, wenn das Thema für ihn Relevanz bekommt - »nicht morgens von halb zehn bis viertel elf«.



Das im Münsinger Stadtteil Trailfingen lebende Ehepaar Christiane Ludwig-Wolf und Andreas Jannek ist mit seiner Entscheidung, die beide Jungen außerhalb des staatlich anerkannten Schulsystems aufwachsen zu lassen, in Konflikt mit den Behörden geraten. Das Amtsgericht Münsingen hat einen Bußgeldbescheid bekräftigt, der den Eltern wegen des Verstoßes gegen die Schulpflicht zugegangen war. Dagegen wollen sie Rechtsmittel einlegen. Das Regierungspräsidium hat Schritte angekündigt, um die Schulpflicht durchzusetzen.

Was die Schulbehörden als fragwürdigen Sonderweg einstufen, ist für Jaromir und Kolja schlicht Normalität. Wenn jemand von ihnen wissen will, wie es denn in der Schule ist (und das ist die Frage, die Kinder von Erwachsenen am häufigsten gestellt bekommen), dann geben sie freimütig Auskunft: Sie sind in einer Schule, in der immer und überall gelernt werden kann.

Jaromir (acht) und Kolja (bald sieben) lernen zu Hause und bei regelmäßigen Aktivitäten im Freien, zum Teil mit anderen Familien. Sie lernen von ihrem Vater, dem Naturkostfachverkäufer, Natur- und Landschaftsführer, ihrer Mutter, der Filzerin, von Großeltern, von drei großen Brüdern und den vielen Besuchern der Familie, die in Freilerner-Netzwerken bundesweit aktiv ist.

Distanz zum Schulsystem

Sie lernen bei monatlichen Besuchen in der Wilhelma, bei den regelmäßigen Begegnungen mit weiteren Freilerner-Familien in Baden-Württemberg, die oft aus anderen Motiven - etwa aus religiösen Gründen - zu der gleichen Entscheidung gekommen sind. Was die Vielfalt sozialer Kontakte angeht, die Begegnung mit unterschiedlichen Menschen, erlebten ihre Kinder nicht weniger als die Schule besuchende Gleichaltrige, da ist Christiane Ludwig-Wolf sicher - sondern mehr. Auch »ganz normale« Aktivitäten gehören zum Wochenprogramm der beiden Buben. Sonntags gehen sie in die Kinderkirche, freitags in den evangelischen Kinderchor. Bei den Veranstaltungen der Naturschutzjugend sind sie ebenfalls meistens dabei. Im Sommer besucht die Familie mehrwöchige Themen-Camps.

Vor allem aber nehmen die Eltern die Fragen auf, die die Kinder interessieren. Jaromir war es, der den Einführungskurs in die Bienenhaltung besuchen wollte und mit Ausdauer dabei war. Jetzt leben zwei Jungvölker im Garten. »Echte Lernprozesse setzen einen inneren Impuls voraus«, ist Jaromirs Mutter überzeugt davon, dass ihr Sohn auf diese Weise weit mehr Verständnis und Wissen verinnerlichen konnte, als wenn er das Thema im Biounterricht vorgesetzt bekommen hätte.

Auf Distanz zum Schulsystem ging Christiane Ludwig-Wolf schon in der Kindheit ihres heute 23-jährigen Ältesten. Der war zunächst in der Waldorfschule, hatte dann aber den Schulbesuch »massiv verweigert«, wie seine Mutter berichtet. Sechs Jahre lang hat die Familie in der Folge ihre drei Söhne frei lernen lassen, unter zunehmendem Druck der Behörden bis hin zum drohenden Entzug des Sorgerechts. Am Ende wurden die Jungen eingeschult. Nach einer kurzen Phase in der Hauptschule wechselten sie in die Realschule. Juri, mit 19 Jahren der jüngste der Großen, lebt heute bei seinem Vater in Bremen und macht an einem beruflichen Gymnasium Abitur.

Die Ergebnisse der Tests, die die Jungen vor der Aufnahme in die Schule absolvieren mussten, haben Christiane Ludwig-Wolf in ihrer Position nur bestärkt: »Sie hatten keine Nachteile durch das freie Lernen, eher Vorteile.« Rechtschreibung hatte die Jungen zwar nicht interessiert, doch seien sowohl ihr Allgemeinwissen als auch ihre mathematischen Verständnisstrukturen überdurchschnittlich gewesen. Einen anerkannten Schulabschluss zu machen, ist für Freilerner-Kinder nicht Ungewöhnliches, betont Christiane Ludwig-Wolf. (GEA)



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