Betrieb - Bei Siemens in Tübingen wurde verkündet, dass weit über die Hälfte der Stellen gestrichen werden soll

Tübinger Siemens-Belegschaft unter Schock

VON CLAUDIA HAILFINGER

TÜBINGEN-KILCHBERG. Zögernd tritt einer nach dem anderen aus dem Betriebsgebäude, viele Blicke gehen Richtung Boden, mancher klopft seinem Nebenmann aufmunternd auf die Schulter. Nachdem den Mitarbeitern des Elektrokonzerns Siemens am Standort Tübingen-Kilchberg gestern Vormittag eröffnet wird, dass in den kommenden Jahren 337 der derzeit 586 Stellen gestrichen werden sollen, versammeln sie sich vor dem Gebäude.

Tanja Silvana Grzesch von der IG Metall verkündet den Mitarbeitern, dass man für sie kämpfen werde. Neben ihr (in blauer Jacke) Betriebsratsvorsitzender Ismayil Arslan.
Tanja Silvana Grzesch von der IG Metall verkündet den Mitarbeitern, dass man für sie kämpfen werde. Neben ihr (in blauer Jacke) Betriebsratsvorsitzender Ismayil Arslan. FOTO: Jürgen Meyer
Rote Gewerkschaftsmützen werden verteilt, Banner in Hände gedrückt. Still zieht die Belegschaft als Bandwurm bis zum Werkstor vor – das Trillern der Pfeifen bleibt kraftlos. Zu tief sitzt der Schock über die Hiobsbotschaft.

Seit 30 Jahren arbeitet Johann Scheel als Betriebselektriker bei dem Unternehmen, hat schon einige Krisen miterlebt. »Dieses Mal ist es ernster als sonst«, sagt er. »Man dachte, Siemens hat Geld«, erinnert er sich an 2005, als der Großkonzern die Firma Flender übernahm. Der 56-Jährige zuckt mit den Schultern. »Ich bin alt und abgesichert, aber andere -«

Viele schütteln den Kopf, finden für die vielen Pressevertreter vor Ort keine Worte. »Scheiße« sei das, murmelt einer. »Sehr enttäuschend« ein anderer – drei Kinder habe er Zuhause. Keinem davon werde er raten, bei Siemens in Ausbildung zu gehen. 28 Jahre ist der Schleifer schon im Betrieb, und jetzt das. Das Management habe richtig versagt, findet er. »Und wenn die meinen, man könne uns jetzt mit einem Sozialplan oder so etwas beglücken«, er bricht ab. »Man braucht Arbeit.«

Mucksmäuschenstill sei es im Raum gewesen, als die Folie mit den Stellenstreichungen aufgelegt worden sei, berichtet Tanja Silvana Grzesch, Erste Bevollmächtigte der IG Metall Reutlingen-Tübingen, von der Versammlung. »Jeder wusste, es kann mich oder den Nachbarn treffen.«

Seite an Seite laufen die Mitarbeiter aus Produktion und Verwaltung draußen auf. Auf den gehissten Schildern steht »Wir lassen uns nicht scheibchenweise verspeisen« oder »Wir lassen uns nicht lebendig begraben«. Genau das aber passiert, ist sich Friedrich Schiller sicher. Dass es Maßnahmen geben würde, damit hat man gerechnet – schließlich ist es unter den Mitarbeitern kein Geheimnis, dass schon lange rote Zahlen geschrieben werden. Der Standort kann auf Dauer mit so drastisch reduziertem Personal aber nicht bestehen, prognostiziert Schiller. »Dieses Ausmaß haben wir nie erwartet.«

Sein Betriebsratskollege Athanasios Koutloubasis ist sauer. »Man hat uns vor vollendete Tatsachen gestellt«, erklärt er mit ernster Miene, keinen Dialog habe es gegeben. Und die von ihnen ins Spiel gebrachten Pläne würden jetzt umgesetzt – aber nicht hier, sondern in Tschechien, wohin die Montage der Getriebemotoren verlagert werden soll. Die Stimmung in der Belegschaft sei »katastrophal«, leiden unter dem Arbeitsplatzverlust doch oft ganze Familien, gibt Werner Sailer, ebenfalls Betriebsrat, zu bedenken.

Der Ratsvorsitzende Ismayil Arslan greift zum Megafon. »Wir werden hart in der Sache verhandeln«, sagt er. Versprechen aber könne man nichts. »Ich weiß, es ist schwer, jetzt wieder reinzugehen und zu tun, als wäre nichts gewesen«, fährt die IG-Metallerin Grzesch fort. Etwas anderes aber bleibt den Mitarbeitern nicht übrig. Nach dem kurzen Intermezzo verschwinden sie wieder in dem grauen Gebäude, die Ungewissheit, wen es wann trifft, im Nacken. (GEA)

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