Flüchtlinge - Für eine Geschichte mit Happy End: was sich aus dem Fall der Gomaringer Familie Avdijaj lernen lässt

Solidarität als Erfolgsfaktor

VON PHILIPP FÖRDER

GOMARINGEN. Wer in diesen Tagen in der Mediathek auf der Internet-Seite des Südwestrundfunks das Suchwort »Kosovo« eingibt, erhält zwei Treffer. Der eine ist der Film vom 5. Dezember über die Gomaringer Flüchtlingsfamilie Avdijaj, der andere ein Film von Report Mainz vom 24. Januar über den jugendlichen Roma Avdil.

Der eine erzählt eine Geschichte mit Happy End: wie die Flüchtlingsfamilie vor acht Jahren in das Kosovo ausreisen musste, wie Gomaringer für sie gekämpft und sie unterstützt haben, wie zwei Kinder jetzt zurückkehren konnten für ein Master-Studium in Sigmaringen. Der andere erzählt eine Tragödie: wie ein 14-Jähriger nach elf Jahren in Deutschland mit seiner Familie in das Kosovo abgeschoben wird mit fatalen Folgen.

Zwei ähnliche Fälle, aber zwei Geschichten, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Warum gibt es ein glückliches Ende hier und ein trauriges dort? »Die Erfahrung von Solidarität, Kontakte, Geld.« Das, sagt Andreas Foitzik, sind die drei Erfolgsfaktoren für das Happy End in Gomaringen. »Die kann man nicht voneinander trennen.«

Wobei es nicht von vorneherein das Ziel der Unterstützer war, den Kindern eine Rückkehr nach Deutschland zu ermöglichen. Diese Möglichkeit hat sich erst in den vergangenen zwei, drei Jahren abgezeichnet. »Wir wollten«, erzählt der Sprecher des Unterstützerkreises, »der Familie dort ein menschenwürdiges Leben ermöglichen. Insofern wäre es auch kein Scheitern gewesen, wenn es mit dem Studium in Deutschland nicht geklappt hätte.«

Der erste Erfolgsfaktor war Solidarität. »Es gab eine Gruppe von Lehrerinnen, die mit Rückendeckung durch die Schulleitung laut und deutlich Nein gesagt hat. Das hat den Schülern signalisiert: Die wollen nicht, dass wir gehen müssen.« Andreas Foitzik weiß, wie wichtig diese Solidarität ist. Er ist Leiter des Fachdiensts Jugend, Bildung, Migration bei der Bruderhaus-Diakonie in Reutlingen und gibt freiberuflich Seminare in Migrationspädagogik.

»Was macht es mit einem Kind, wenn es nur geduldet ist?« Dieser Frage muss er sich oft stellen und auch der Situation, wenn es mit der Duldung vorbei ist: »Abschiebung ist eine traumatische Erfahrung, wenn alles, was Kindern wichtig war, plötzlich weg ist und sie die Hilflosigkeit der Eltern erleben.« Seine These: Elvira und Edwin Avdijaj wären ohne diese Erfahrung von Solidarität nicht dort, wo sie heute sind.

»So viel Arbeit war das nicht«

Der zweite Faktor für den Erfolg war eine politische Struktur mit Kontakten und Erfahrungen. Nach den Anschlägen gegen Asylbewerber gründeten Gomaringer Anfang der neunziger Jahre die Initiative gegen Fremdenhass. Die organisierte Veranstaltungen zum Thema Rassismus - und war zur Stelle, als es für die Avdijajs ernst wurde: mit Kontakten zu Anwälten, mit der Organisation der Unterstützer wie etwa der evangelischen Kirchengemeinde und der Öffentlichkeit.

Erfolgsfaktor Nummer drei: Geld. Rund 60 000 Euro hat der Unterstützerkreis der Familie in den vergangenen acht Jahren zukommen lassen, für den Kauf eines bescheidenen Hauses, vor allem aber für die Ausbildung der Kinder. Jedes Jahr wurden diese von ihren alten Freunden nach Gomaringen eingeladen - ein Zeichen, dass sie nicht vergessen waren.

Angesichts des Erfolgs sieht Andreas Foitzik ein Problem: dass der Sockel, auf den ihr Einsatz für die Familie Avdijaj gestellt wird, zu hoch ist und eher abschreckend wirkt. »So viel Arbeit war das nicht. Wir haben uns auch nicht ständig getroffen, zuletzt nur noch einmal im Jahr, um unsere Veranstaltung vorzubereiten.« Schließlich hofft er darauf, dass das Beispiel Gomaringen Schule macht, denn die Abschiebungen gehen weiter: »In den nächsten Jahren sollen mehr als 10 000 Roma, die schon viele Jahre in Deutschland leben, in das Kosovo abgeschoben werden.«

Im Moment herrscht in Baden-Württemberg Ruhe. »Die Abschiebung ist seit August aufgrund eines Berichts von Amnesty International gestoppt«, bestätigt Günter Loos, ein Sprecher des Stuttgarter Innenministeriums. Von 18. bis 22. Januar reist der Petitionsausschuss des Landtags in das Land, um sich selbst ein Bild von den Zuständen dort zu machen. Von seinem Bericht hängt es ab, ob die Abschiebungen wieder aufgenommen werden.

Verantwortung der Pädagogen

In einem »Netzwerk rassismuskritische Migrationspädagogik« arbeitet Foitzik mit Anderen aus der Gomaringer Erfahrung heraus gerade an einem Aufruf, mit dem sich vor allem Pädagogen gegen die Abschiebungen aussprechen sollen. »Wenn ich als Lehrer für ein Kind verantwortlich bin, dann ist es Teil meiner Fürsorgepflicht aus einem pädagogischen Ethos heraus, die Kinder und ihre Familien zu unterstützen.«

Ganz schlimm findet der Gomaringer die Regelung, dass Kinder, die in der Schule erfolgreich sind, damit eine Aufenthaltsberechtigung für die ganze Familie erreichen können. »Das bürdet den Kindern eine ungeheuere Last auf und auch den Lehrern, die möglicherweise Schuld an einer Abschiebung sind, wenn sie den Kindern schlechte Noten geben.« Migration ist für Andreas Foitzik eine Frage der Menschenrechte und nicht der Nützlichkeit: »Ein Aufenthaltsrecht kann nicht nach der Frage des Nutzens eines Menschen definiert werden.« (GEA)



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