Verkehr - Nach Reutlingen diskutiert nun auch Tübingen über die Möglichkeiten einer innerstädtischen Seilbahn

Seilbahn über Tübingen: Heilmittel oder Luftschloss?

VON DENIS RAISER

TÜBINGEN. Wie ist das tägliche Verkehrschaos in den Städten in den Griff zu bekommen? In Reutlingen wird auf diese Frage derzeit eine exotische Lösung diskutiert: eine innerstädtische Luftseilbahn. Die WiR-Fraktion hat einen Antrag für eine Machbarkeitsstudie im Doppelhaushalt mit überraschend großer Mehrheit durchbekommen. »Reutlingen hat uns damit überholt«, meint Tübingens Stadtrat Markus Vogt, für den das die Initialzündung war, diese Diskussion auch in seine Stadt zu bringen. Neu ist die Idee nicht.

Eine Seilbahn als  Transportmittel ist   in Grenoble schon seit 1934 Alltag, in Tübingen noch Utopie. FOTO: FOTOLIA
Eine Seilbahn als Transportmittel ist in Grenoble schon seit 1934 Alltag, in Tübingen noch Utopie. FOTO:  Fotolia
Helmut Palmer, der 2004 verstorbene Vater des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer, hat schon beim OB-Wahlkampf 1998 eine Seilbahn als Transportmittel vorgeschlagen. 2014 hat Vogt als OB-Kandidat für die Spaß-Partei »Die Partei« versucht, die Idee ernsthaft aufzugreifen. Der Vorschlag des auch als »Häns Dämpf« bekannten Vogt wurde als Scherz abgetan. Das hat sich jetzt geändert.

Vogt hat am Mittwochabend mehrere Seilbahnexperten ins Gemeindehaus Lamm nach Tübingen eingeladen. Im Publikum saßen Vertreter aller Gemeinderats-Fraktionen (bis auf die FDP), um sich über die Möglichkeiten dieses Transportsystems zu informieren. Für WiR-Fraktionschef Professor Jürgen Straub, der die urbane Seilbahn in Reutlingen ins Gespräch gebracht hat, liegen die Vorteile auf der Hand. In der »dritten Dimension« könnte man über Hindernissen hinwegfahren, und das umweltfreundlich, barrierefrei und mit touristischer Strahlkraft. In Reutlingen ist die Seilbahn vor allem als Alternative für die innerstädtische Regionalstadtbahn-Strecke in der Gartenstraße gedacht, wo eine Bahn laut Straub zu viel Platz auf dem Boden bräuchte. »Außerdem wäre eine Seilbahn um die Hälfte günstiger.«

In Tübingen ist die Verkehrssituation etwas anders als in Reutlingen. Hier fahren meist Auswärtige mit dem Auto in die Stadt. Das größte Verkehrsproblem gibt es laut Vogt am Nadelöhr Mühlstraße. Wer vom Hauptbahnhof auf den Schnarrenberg, etwa zur Universitätsklinik, will, ist da mit dem Auto oder dem Bus eine Weile unterwegs. Eine direkte Seilbahn-Verbindung könnte Abhilfe schaffen, ist Vogts Hoffnung. Das Konzept Regionalstadtbahn will keiner der Experten infrage stellen, sie sei für eine nachhaltige Verbesserung des Verkehrssystems unabdingbar. »Die Seilbahn muss dann auf den öffentlichen Personennahverkehr abgestimmt werden«, stellt Straub klar.

Bedenken nicht ausgeräumt

Nicht alle Zuhörer haben diese Argumente restlos überzeugt. Problematisch sei, dass die Seilbahn eine Punkt-zu-Punkt-Verbindung darstellen würde, die meisten Tübinger müssten erst einmal eine der Stationen mit dem ÖPNV erreichen. Weitere Kritikpunkte: Umsteigezeiten, Auswirkungen auf das Stadtbild und die ungeklärte juristische Situation beim Bau über privates Wohngebiet. Die Bedenken sind groß, weil in Deutschland Erfahrungswerte fehlen, erklärt Max Reichenbach, der zu diesem Thema am KIT in Karlsruhe forscht.

»Die Seilbahn ist kein Allheilmittel«, stellt auch Straub klar. Ob sie in Tübingen überhaupt realistisch ist? Bleibt nach der Veranstaltung weiter fraglich. Im Gegensatz zu Reutlingen fehlen noch belastbare Zahlen, wer wann wohin mit welchem Verkehrsmittel fährt. Selbst Günter Troy, Vertriebsleiter beim Seilbahn-Hersteller Doppelmayr, empfiehlt deshalb, »erst einmal diese grundsätzlichen Dinge« zu klären. Für Vogt hat sich der Abend dennoch gelohnt. Die Diskussion ist in Gang gebracht - auch bei den Stadträten. Er strebt nach dem Reutlinger Vorbild jetzt ebenfalls an, eine Machbarkeitsstudie auf den Weg zu bringen. Anfang Januar wird im Tübinger Gemeinderat der Haushalt verabschiedet. (GEA)

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