Machtergreifung - Über 1 200 Demonstranten laufen die historische Route des Mössinger Generalstreiks von 1933 ab

Mössinger Generalstreik: »Erinnerung wach halten«

Von Jürgen Meyer

MÖSSINGEN. Dem achtzigsten Jahrestag des gescheiterten Mössinger Massenstreiks gegen die Machtergreifung Hitlers ist am Samstagnachmittag mit einem Demonstrationszug gedacht worden. Zu dem, von einem breiten regionalen Bündnis linker Parteien und Gruppierungen, Gewerkschaften, antifaschistischen Organisationen und der Friedensbewegung veranstalteten Marsch mit anschließender Kundgebung vor der Langgass-Turnhalle kamen über 1200 Leute.

Mössinger Bürger waren bei der Gedenkveranstaltung in der Steinlachstadt in der Minderheit. GEA-FOTO: JÜRGEN MEYER
Mössinger Bürger waren bei der Gedenkveranstaltung in der Steinlachstadt in der Minderheit. FOTO: Jürgen Meyer
Unter den Teilnehmern der zweistündigen Gedenkveranstaltung waren Mössinger Bürger in der Minderheit. Und entlang der historischen Route der Generalstreikenden von 1933 - wenn auch in entgegengesetzter Richtung wie damals - standen nirgends Zuschauer am Straßenrand. Der Zug, von einer Schalmeiengruppe angeführt, die die vermeintlichen Lieder der Generalstreik-Demo spielten, ging durch eine wie ausgestorben wirkende Stadt; nur vereinzelt von neugierigen Blicken aus Fenstern verfolgt.

»Straße gehört umbenannt«

Jens Rüggeberg von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten (VVN) erläuterte die geschichtlichen Stationen der Demo. Sammelpunkt der mit Transparenten und Fahnen ausstaffierten Teilnehmer war der Jakob-Stotz-Platz, benannt nach einem der Generalstreik-Anführer.

Von dort mit Blick auf das ehemalige Gelände der Trikotwarenfabrik Merz, mit damals 400 Beschäftigten der größte Industriebetrieb Mössingens, forderte der VVN-Sprecher die Stadt auf, auch Jakob Textor zu würdigen. Er war 2010 als Letzter der 1933er-Aktivisten gestorben und hatte das Berühmtheit erlangte Banner »Heraus zum Massenstreik« gemalt. »Des Fabrikanten Otto-Merz, der die Polizei rief, um den Streik aufzulösen, wird heute noch mit einem Straßennamen gedacht - sie gehört umbenannt in Jakob-Textor-Straße«, so Rüggeberg. Der Zug machte auch am alten Standort der Bundweberei Pausa halt (heute Altenwohnanlage). Zuvor hatte Gerhard Bialas (ehemaliges Tübinger DKP-Kreistagsmitglied) kritisiert, dass es nicht sein dürfe, »dass ein paar wenige Mössinger versuchen wollen, die Verdienste der Streikenden herabzuwürdigen.« Er spielte damit auf die FWV- und CDU-Stadträte Marc Eisold, Max Göhner, Elmar Scherer und Andreas Gammel an, die in einer »Interessensgruppe für Mössinger Geschichte« den Generalstreik für »einen politischen Mythos« halten.

Andrea Ayen, deren Vater Paul, Großvater Hermann und Onkel Eugen am Streik von 1933 mitmarschierten, freute sich, dass deren Widerstand »heute eine so große Würdigung erfährt«. Dass ihr Vater, der ins spanische Exil flüchten musste, jetzt der Diffamierung durch ein Gemeinderatquartett ausgesetzt sei, »lasse ich mir nicht gefallen.«

DGB-Landesvorsitzender Niko Landgraf sieht es als Auftrag aller Demokraten, »die Erinnerung an die Frauen und Männer von damals, die Zivilcourage zeigten, wach zu halten.« Der Dußlinger Rechtswissenschaftler Wolfgang Däubler zollte den Streikenden »großen Respekt vor deren Mut - denn die Konsequenzen waren nicht abzusehen.« Schließlich kamen drei jugendliche Mössinger Antifaschisten zu Wort: Lukas und Elisa Hezel und Thorben Meier sagten: »In Mössingen waren es kleine, einfache Leute, und nicht die üblichen großen Männer, die Geschichte geschrieben haben.« (GEA)




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