Medizin - Die Krankheit Endometriose verursacht bei vielen Frauen starke Unterleibsschmerzen. Die Symptome werden aber oft erst nach etlichen Jahren richtig gedeutet

Krankheit Endometriose: Das stille Leiden der Frauen

VON ANNA-LENA JAENSCH

TÜBINGEN. »Es hieß, als Frau müsse man da durch.« Jahrelang schwieg Karolina Sauter deswegen über ihre Probleme. Erzählte niemandem mehr von ihrem Leiden, das jeden Monat mit ihrer Periode einsetzte. »Wenn es zu schlimm wurde, habe ich Schmerzmittel von meiner Mutter gestohlen«, erinnert sie sich. Doch irgendwann halfen nicht einmal mehr die Tabletten, die Unterleibsschmerzen wurden unerträglich. Eine klinische Untersuchung brachte schließlich Licht ins Dunkle: »Endometriose« lautete die Diagnose.

Experten informierten bei einer Infoveranstaltung über Endometriose. FOTO: ALJ
Experten informierten bei einer Infoveranstaltung über Endometriose. FOTO: ALJ
Erst hier wurde Karolina Sauter klar, dass sie mit ihren Beschwerden nicht alleine ist. Rund zehn Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter leiden unter denselben oder ähnlichen Symptomen, wie Hildegard Kusicka von der Tübinger Frauenklinik erklärt. Starke Schmerzen während der Menstruation, beim Geschlechtsverkehr oder Wasser lassen treten bei dem Krankheitsbild häufig auf, Organe wie die Niere können in Mitleidenschaft gezogen werden, und auch der Kinderwunsch bleibt oft unerfüllt.

Erschreckend unbekannt

Dennoch ist die Krankheit selbst in Fachkreisen teilweise erschreckend unbekannt, Fehldiagnosen sind häufig der Fall. Im Schnitt braucht es sechs Jahre, bis bei einer Frau Endometriose festgestellt wird - eine viel zu lange Zeit, wie Kusicka feststellt. Aus diesem Grund organisierte sie gemeinsam mit der Europäischen Endometriose Liga und der Tübinger Selbsthilfegruppe einen Infoabend, bei dem Experten über die Erkrankung aufklärten und Fragen aus dem Publikum beantworteten.

Endometriose ist eine der häufigsten gutartigen gynäkologischen Erkrankungen im geschlechtsreifen Alter, wie die Leiter des Tübinger Endometriose-Zentrums Bernhard Krämer und Jürgen Andress erklären. Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnlich ist, wächst bei Betroffenen an Stellen im Unterleib, wo es nicht hingehört. Es siedelt sich an den Eierstöcken oder Eileitern, manchmal auch am Darm, an der Blase oder am Bauchfell an.

Unerfüllter Kinderwunsch

Wie die Gebärmutterschleimhaut beginnen die Zellen jeden Monat zu bluten, da sie von den Hormonen, die auch die Menstruation steuern, beeinflusst werden. Hierdurch entstehen zyklisch wachsende Herde, da das Blut nicht abfließen kann und somit Entzündungen, Zysten und Narben hervorgerufen werden. Die starken Schmerzen, die Frauen in dieser Zeit empfinden, haben hier ihren Ursprung.

Um herauszufinden, ob eine Patientin von der Krankheit betroffen ist, wird in den meisten Fällen nach der Verdachtsdiagnose durch den Frauenarzt eine Bauchspiegelung gemacht. »Wir wissen im Vorhinein nicht, wie ausgeprägt die Endometriose ist«, erklärt Krämer. Während leicht entfernbare Herde bereits während der Spiegelung entnommen werden können, kann im Fall einer Endometriose zwischen Darm und Scheide eine schwerwiegendere Operation notwendig sein, so der Experte. Eine weitere Möglichkeit, meist zur Verhinderung weiterer Entzündungsherde, ist eine medikamentöse Therapie: Betroffene nehmen Hormone ein, die entweder eine Schwangerschaft oder die Wechseljahre simulieren und die Monatsblutung unterbinden.

Welche der Behandlungsoptionen gewählt wird, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Eines bleibt aber allen gemein: »Es gibt immer Hoffnung«, so Hildegard Kusicka. Dies zeigte sich auch bei der Endometriose-Patientin Karolina Sauter, die an dem Abend ebenfalls als Gastrednerin eingeladen ist. Indem sie ihre Geschichte erzählt, will sie betroffenen Frauen Mut machen, für ihre Bedürfnisse und Ziele einzustehen und zu kämpfen.

Nachdem klar war, dass sie durch die Endometriose auf natürlichem Weg keine Kinder bekommen würde, entschied sich Sauter gemeinsam mit ihrem Mann für eine In-vitro-Fertilisation. »Unsere Zwillinge sind jetzt vier Monate alt«, berichtet die Mutter stolz. Dass dieser Wunsch trotz ihrer schweren Krankheit eines Tages zur Realität werden könnte, war für sie vor einigen Jahren noch unvorstellbar. »Man darf einfach nicht aufgeben«, lautet ihre Botschaft. (GEA)

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