Medizin - Ärzte von der Tübinger Uniklinik zeigen in Moshi, wie man aus Bananenblättern Verbandsmaterial macht

Keimfrei aus dem Schnellkochtopf

Von Brigitte Gisel

Peter Heeg (zweiter von links) zeigt den Ärzten in Tansania, wie Bananenblätter im Schnellkochtopf sterilisiert werden. FOTOS: MÖHRLE
Peter Heeg (zweiter von links) zeigt den Ärzten in Tansania, wie Bananenblätter im Schnellkochtopf sterilisiert werden. FOTO: MÖHRLE
TÜBINGEN. Ausgerechnet Bananen. Matthias Möhrle und Peter Heeg setzen große Hoffnung auf die tropische Staude. Nicht wegen der Früchte, ihr Interesse gilt den Blättern. Sie sind zuversichtlich, dass Bananenblätter in Entwicklungsländern als sicherer und kostengünstiger Verband dienen können. Man braucht dazu nur einen Schnellkochtopf.

Für die ersten Versuche haben sich die beiden Professoren der Tübinger Uniklinik, noch im benachbarten Botanischen Garten bedient. »Wir haben mit der Leiterin verschiedene Bananenblätter geholt«, erzählt der Dermatologe Möhrle. Anschließend hat er gemeinsam mit Peter Heeg, dem Leiter der Krankenhaushygiene, das Grünzeug auf verschiedene Arten gekocht und in Dampf gegart. »Dann waren wir ziemlich begeistert«, sagt Möhrle. »Die Bananenblätter waren nicht nur keimfrei, sie fühlen sich auch an wie eine Latexfolie.«

In Händen hielten sie ein Verbandsmaterial, das in Entwicklungsländern riesiges Potenzial für die Behandlung großer Wunden, Verbrennungen und Operationswunden bekommen kann. Denn sterile Verbände, wie sie in Europa Standard sind, gibt es dort selbst in Hospitälern nicht immer. Umgekehrt ist der Bedarf groß, da sich vor allem Kinder oft an offenen Kochstellen verletzen.

Ein Topf vom Markt

Mittlerweile haben die beiden Tübinger Mediziner gemeinsam mit dem Oberarzt Wilfried Schippert ihr Projekt in Tübingens neuer Partnerstadt Moshi in Tansania vorgestellt. Möhrle, der seit 2009 für die Tübinger Hautklinik eine Kooperation mit dem Kilimanjaro Christian Medical Center unterhält, hat dort gemeinsam mit Heeg im November Ärzten aus mehreren afrikanischen Ländern gezeigt, wie sich großflächige Wunden mit Bananenblättern einfach und sicher verarzten lassen.

Eigentlich braucht man dazu einen Dampfsterilisator. Den hatten die Kollegen in Moshi aber nicht. »Dann haben wir uns einen Schnellkochtopf vom Markt bringen lassen«, erzählt Heeg. Das Haushaltsgerät aus chinesischer Produktion erfüllte seinen Zweck. »15 Minuten auf dem zweiten Ring«, so Heegs Gebrauchsanweisung zur Sterilisation. Ein Bar Überdruck killt Keime zuverlässig. Angenehmer Nebeneffekt: »Man hat auch noch ein bisschen steriles Wasser, um Wunden auszuwaschen.«

Im Tierversuch erfolgreich

Bananenblätter haben als Verbandsmaterial viele Vorteile. Sie verkleben nicht mit der Wunde, der Verbandswechsel ist vergleichsweise schmerzarm. Außerdem sind sie überall verfügbar, die Stauden wachsen in warmen Ländern in jedem Hinterhof. Zur Sterilisation im Dampfkochtopf reicht eine Feuerstelle in der Hütte aus.

Im Institut für medizinische Mikrobiologie und Hygiene an der Tübinger Uniklinik hatten die Blätter im Tierversuch bereits zuvor ihre Bewährungsprobe bestanden. Die erste Studie an Patienten werden die afrikanischen Kollegen von Möhrle und Heeg in Moshi beginnen.

Die Idee für den Wundverband aus Bananenblättern kommt übrigens aus Indien. Möhrle hatte bei seinem ersten Aufenthalt in Moshi in der Zeitschrift Community Dermatology einen Aufsatz über Wundbehandlung mit traditionellen Mitteln gelesen. Dann ließ ihn die Idee mit den Blättern nicht mehr los.

Geld wollen die beiden Mediziner mit ihrer Idee nicht verdienen. Statt das Verfahren patentieren zu lassen, sorgen sie dafür, dass es möglichst bekannt wird - auch so ist es vor kommerzieller Nutzung geschützt. Interessenten gibt es durchaus. Möhrle erzählt von Beatrice Etemesi, einer Ärztin aus Kenia, die auch an dem Kurs in Moshi teilnahm. Sie will die Studie dem kenianischen Gesundheitsminister vorstellen. »Dann muss auch für jede Gesundheitsstation ein Dampfkochtopf angeschafft werden«, hat die resolute Frau die Tübinger wissen lassen. (GEA)

Der Draht nach Moshi


Schon bevor der Tübinger Gemeinderat 2009 die Partnerschaft mit dem tansanischen Moshi besiegelte, gab es enge Beziehungen zwischen dem Krankenhaus in Moshi und der Tübinger Hautklinik. Heute sondieren dort fünf weitere Abteilungen der Uniklinik die Möglichkeiten. Im vergangenen Jahr hospitierten fünf Ärzte aus Moshi in der Tübinger Hautklinik, die Tübinger Mediziner boten in Tansania Operationskurse an. In diesem Jahr sollen vier Ärzte aus Moshi nach Tübingen kommen. (sel)

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