Natur - Im Herbst ist noch lange nicht Schluss

Gartengestalter spricht in Tübingen über »Wintergardening«

DAS GESPRÄCH FÜHRTE GISELA SÄMANN

TÜBINGEN. So langsam kehrt Ruhe ein im Garten: Im November ist die rauschende Blütenpracht Vergangenheit. Was aber nicht viel zu heißen hat für Peter Janke, einen der renommiertesten Gartengestalter Deutschlands. Sein Credo: Mit der richtigen Herangehensweise und den richtigen Pflanzen kann man gerade auch im Winter wunderbare Gartenbilder haben. Auf seiner 1,4 Hektar großen Anlage in Hilden setzt er alle Jahreszeiten in Szene - so eindrucksvoll, dass die Besucher längst nicht nur aus Europa kommen, sondern auch aus Kanada oder Chile. Am 18. November erklärt Peter Janke im Botanischen Garten in Tübingen, was es mit »Wintergardening« auf sich hat.

Poetische Gartenbilder können entstehen, wenn man nicht alles Verblühte gleich abschneidet. FOTO: JANKE
Poetische Gartenbilder können entstehen, wenn man nicht alles Verblühte gleich abschneidet. FOTO: JANKE
GEA: Herr Janke, Gartenbildbände zeigen üblicherweise viel sommerliche Blütenpracht. In Ihrem Buch »Meine Vision wird Garten« finden sich jede Menge Herbst- und Winter-Fotos. Warum?

Peter Janke: Sommer und bunt kann jeder. Meine Garten-Ästhetik bezieht alle Jahreszeiten ein. Es geht mir darum, den Garten in den verschiedenen Jahreszeiten zu zelebrieren. Für viele Hobbygärtner ist das vielleicht gerade noch erklärlich, was den Herbst angeht: Bunte Blätter, das begeistert die Menschen. Aber sobald die heruntergefallen sind, ist plötzlich die Gartensaison zu Ende. Das will ich ändern. Der Begriff »Wintergardening« stammt aus England und bedeutet, den Garten so anzulegen, dass ich ihn rund ums Jahr genießen kann. Wenn ich an einem trüben Tag im Februar vom Wohnzimmerfenster aus irgendwas blitzen sehe, das mich hinauslockt - das kann die bunte Borke eines Gehölzes sein oder ganz frühe Blüten - dann gehe ich vielleicht nur eine halbe Stunde durch den Garten, aber ich bin draußen.

Sie sagen es ja ziemlich drastisch: Nur wenn ein Garten auch im Winter überzeugt, ist es ein gut angelegter Garten.

Janke: Richtig.



Was müssen Hobbygärtner dafür tun?

Janke: Das Allerwichtigste, aber auch das Schwierigste ist, Pflanzen nicht nur über die Blüte zu definieren. Ich betrachte jede Pflanze, die ich einsetze, immer ganzheitlich: wie sie aus dem Boden kommt, wie sie austreibt, wie sich die Blätter entfalten, dann auch die Blüte. Blüten sind wunderschön - aber für mich sind sie nur ein Teil der Pflanze. Danach kommt das Vergehen der Blüte, die Fruchtbildung, das Eintrocknen der oberen Pflanzenteile, bis im Frühjahr nach dem Rückschnitt der Kreislauf von Neuem beginnt. Diese Herangehensweise Hobbygärtnern zu vermitteln, ist nicht immer ganz einfach. Gartenwünsche kommen oft erst mal über das Sommerbild der Pflanzen zustande.



Blühend lassen sich Pflanzen ja meist auch am besten verkaufen.

Janke: Ja, die Blüte ist ein ganz starker Emotionsträger. Das soll sie auch bleiben. Aber Pflanzen können viel mehr leisten, gerade auch in den kälteren Jahreszeiten.



Welche Pflanzen dürfen in einem winterattraktiven Garten auf keinen Fall fehlen?

Janke: Bei mir sind es als Grundgerüst immergrüne Pflanzen. Es gibt da eine Vielzahl von Gehölzen, ob im Nadelbereich oder im Blattbereich, aber auch immergrüne Stauden, zum Beispiel einige Wolfsmilcharten oder Bergenien. Dann gibt es eine große Gruppe von Gehölzen mit interessanter oder färbender Borke. Das können richtig bunte Farben sein, wie bei manchen Vertretern aus der Gruppe der Hartriegel. Solche Gehölze geben im Sommerbild meist nur den schlichten Hintergrund einer Rabatte ab, weil die grünen Blätter ja die bunte Borke verdecken. Aber im Winter bieten sie dann ein richtiges Farbspektakel in der Rabatte, in der vorne vielleicht noch beige-braune Gräser stehen. Das sind ganz starke Bilder. Die Wintersonne steht ja schräger, und wenn dann ein bisschen Licht reinfällt, kann das für mich genauso farbgewaltig und interessant sein wie eine bunt blühende Sommerrabatte.



Ist es schwer, Ihre Kunden für die Beige-Braun-Töne vergehender Pflanzen zu begeistern?

Janke: Als ich vor 20 Jahren anfing damit, musste ich viel mehr reden als heute. Ich war ganz erstaunt, als ich jetzt in einer großen exklusiven Modezeitschrift ein Fotoshooting entdeckte, wo die Models durch braun gewordene Gräserlandschaften gingen. Ein ganz starkes Bild - das hätte es, glaube ich, so vor 20 Jahren nicht gegeben. Die Ästhetik des Winterbildes infiltriert natürlich auch über die Medien den Geschmack der Gartenbesitzer. Somit ist es heute etwas einfacher.



Es hat ja auch einen hohen ökologischen Nutzen, wenn man den Garten im Herbst nicht komplett abräumt.

Janke: Mit dieser ästhetischen Herangehensweise gerade an das Winterbild ist ein grandioser, sehr wichtiger ökologischer Nebeneffekt verbunden. Es ist für mich vollkommen unverständlich, wenn man diesen heutzutage außer Acht lässt. Wir alle sind berührt, wenn wir vom Rückgang der Insekten um 80 Prozent erfahren - und trotzdem geben viele im eigenen Garten den Insekten keine Chance. Wenn ich den Garten auch im Winter mit Pflanzenstrukturen möbliert lasse, habe ich nicht nur schöne Bilder, sondern auch Nahrungsquellen und Überwinterungsmöglichkeiten für Insekten.



»Ich arbeite auch im Winter immer wieder an meinem Gartenbild«
 
Also mit dem Zurückschneiden bis zum Frühjahr warten?

Janke: Bitte nicht den Garten »winterfest« machen, was auch immer das heißen soll. Sondern Pflanzen selektiv stehen lassen. Man muss ja nicht von jetzt auf gleich alles verändern in der gärtnerischen Herangehensweise. Man kann ja einfach mal spielen und ausprobieren, vielleicht auch nur in Teilbereichen. Ein paar Gräser, ein paar Fruchtstände von Purpursonnenhut, der dann so ganz dunkel wird im Winter: Das gibt wunderschöne Bilder. Wenn die Vögel die Fruchtstände kahl gefressen haben, können Sie sie ja auch herausnehmen. Meine Herangehensweise ist nicht, alles stehen zu lassen. Ich arbeite auch im Winter immer wieder an meinem Gartenbild. Ich stelle mich davor und überlege: Was ist gut und was muss gehen?



Sie haben im Übrigen auch eine gute Nachricht für Hobbygärtner: Sie sagen, es gibt keine Problem-Ecken im Garten.

Janke: So ist es. Die Problem-Ecken gibt es nur in den Köpfen der Menschen. Wir sind ja hier in einer komfortablen Lage, was das Klima angeht - unsere »gemäßigten Breiten« heißen nicht umsonst so. In diesem Klima ist in der Natur jeder freie Ort mit Pflanzen belegt. Und wenn das in der Natur so ist, warum soll das nicht auch im Garten funktionieren? Man muss sie nur finden, die Pflanzenspezialisten, die für bestimmte Standorte geeignet sind. Will meinen: Ein »zu trocken und zu heiß«, ein »zu trocken und zu schattig«, ein »zu schattig und zu nass« gibt es nicht, wenn ich in die vergleichbaren Naturräume schaue und sehe: Aha, diese und jene Pflanzen wachsen da. Je extremer ein Standort ist, desto geringer ist natürlich die Pflanzenpalette. Aber es gibt immer ausreichend Gewächse für ein spannungsgeladenes, gutes Gartenbild.



Aber dafür muss man weg vom Standardsortiment und sich mit den Lebensbereichen und Ansprüchen der Pflanzen beschäftigen, oder?

Janke: Wenn man Erfolg haben will, ja. Sie haben vorhin die Handelsstrukturen angesprochen. Die Verkaufsschiene funktioniert besonders gut mit vielen bunten Blüten, damit wird dem Verbraucher suggeriert: So kann es bei Ihnen aussehen. Und dann fährt er vielleicht im Herbst in ein Gartencenter und kauft alles ein, was da gerade so blüht - in der Hoffnung, dass dann sein Garten in den Folgejahren zu dieser Jahreszeit auch so blühen wird. Das ist aber oft ein Trugschluss, weil die Pflanzen teilweise mit komplizierten Produktionsmechanismen darauf getrimmt werden, zu einer Zeit zu blühen, zu der sie normalerweise gar nicht blühen würden.



Sie setzen auch Pflanzen wie »Haarstrang« oder »Strauchiges Hasenohr« ein - nicht gerade gängige Namen. Sind Hobbygärtner zu sehr auf die bekannten Pflanzen fixiert?

Janke: Das ist wie in vielen anderen Lebensbereichen auch: Wenn ich mich nicht tiefer in die Materie hineinbegebe, dann werde ich natürlich bei dem bleiben müssen, was landläufig möglich ist. Die Bereitschaft, tiefer einzusteigen: Das ist für mich der Schlüssel zum erfolgreichen Gärtnern. (GEA)

Zur Person

Peter Janke (47) zählt zu den führenden Garten- und Landschaftsgestaltern in Deutschland und steht gleichermaßen für poetische Gartenbilder wie für eine standortgerechte, über viele Jahre funktionierende Pflanzenauswahl. Er ist Autor etlicher Bücher. Gelernt hat Janke unter anderem in England bei Beth Chatto. Sein Garten in Hilden (er betreibt dort auch eine Staudengärtnerei), kann besichtigt werden. (GEA)

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