Kriminalität - Im Kreis Tübingen geschehen vergleichsweise wenig Straftaten. Viele fühlen sich trotzdem bedroht

Der Kreis Tübingen ist viel sicherer als gefühlt

VON GERHARD SCHINDLER

TÜBINGEN. Polizeipräsident Alexander Pick spricht von einer »besorgniserregenden Entwicklung« - und meint damit nicht die Zahl der Straftaten, sondern das Gefühl von Bedrohung, das in Teilen der Bevölkerung vorherrsche. »Eine gewisse Moll-Tonlage« nehme er wahr, berichtete er am Mittwoch dem Tübinger Kreistag. Dabei gebe es »objektiv betrachtet« dafür wenig Anlass: »Uns geht es mit Blick auf die innere Sicherheit gut.«

FOTO: dpa
Verglichen mit Berlin oder dem Ruhrgebiet sei der Kreis Tübingen geradezu ein »Kriminalitätsidyll«, erklärte Pick den Kreisräten mit Blick auf die Zahlen der Kriminalstatistik für 2016. Nach diesen liegt das Polizeipräsidium Reutlingen, das die Landkreise Esslingen, Reutlingen und Tübingen umfasst, bei der »Kriminalitätsbelastung«, also der Zahl der Straftaten pro Einwohner, deutlich unter dem Bundes- und Landesdurchschnitt - und Tübingen ist unter den drei Landkreisen der sicherste.

»Der deutsche Einbrecher ist am Aussterben«
 

9 427 Straftaten verzeichnet die Statistik im Kreisgebiet im Jahr 2016, fast zwanzig Prozent weniger als noch 2009. »Die Aussage 'So schlimm war's noch nie' ist also eine Wahrnehmungsverzerrung«, betonte Pick. 55,8 Prozent der Fälle konnte die Polizei aufklären - diese Quote liege »im Mittel der letzten Jahre«. Mehr als die Hälfte der gezählten Taten geschah im Stadtgebiet von Tübingen, gut ein Fünftel in Rottenburg.

Gegen den Trend zugenommen haben Straftaten nur in Mössingen, Nehren und Ofterdingen.

Insgesamt hat die Polizei 3 830 Tatverdächtige ermittelt. Knapp 23 Prozent sind unter 21 Jahre alt. Der Anteil ohne deutschen Pass ist innerhalb von fünf Jahren von 25 auf fast 36 Prozent stark gestiegen. Dabei müsse man allerdings differenzieren, so Pick: Asylbewerber und Geduldete machen ein Drittel dieser Gruppe aus, also zwölf Prozent aller Tatverdächtigen. Diebstahl und Körperverletzung seien hier die Hauptdelikte, Sexualstraftaten seien dagegen eher selten. »Es gibt also keinen Anlass, hier ein Klischee zu bedienen«, betonte Pick. »Die Menschen in dieser Gruppe differenzieren sich gewaltig aus.«

Unter den gezählten Delikten im Kreis Tübingen insgesamt rangiert Diebstahl nach wie vor an erster Stelle, gefolgt von Sachbeschädigungen und Rohheitsdelikten wie Körperverletzung und räuberischer Erpressung. Ein besonderes Augenmerk legt Pick stets auf Wohnungseinbrüche - sie seien »maßgeblich für das Sicherheitsempfinden der Bevölkerung«: Mit 194 Fällen, einem mehr als im Jahr zuvor, liege die Zahl nach wie vor »unerträglich hoch«, auch wenn es 69 Mal davon beim Versuch eines Einbruchs blieb.

»Wir sind mit Nachdruck dabei, diese Zahl zu drücken«, versprach der Polizeipräsident und prophezeite schon für 2017 einen deutlichen Rückgang: Einer »hoch-professionell agierenden Einbrecherban-de«, die für eine große Serie verantwortlich war, sei inzwischen das Handwerk gelegt worden. Ein Großteil der Tatverdächtigen stamme mittlerweile aus Südosteuropa und der Türkei. Mit Blick auf die Staatsangehörigkeiten konstatierte Pick: »Der deutsche Einbrecher ist am Aussterben.« Nur knapp 30 Prozent habe einen deutschen Pass.

Stark angestiegen ist die Computerkriminalität - ein Sammelbegriff, unter dem die Polizei auch Fälle von Betrug beim Onlinehandel summiert, etwa wenn im Voraus bezahlte Ware nicht geliefert wird. Hier hätten die Strafverfolger allerdings oft einen kurzen Arm, besonders wenn der Server im Ausland steht. Oft handelten Kunden jedoch auch besonders leichtsinnig, deutete Pick an: Eigentlich wäre ein »Internetführerschein für jedermann« erstrebenswert.

»Das sind Täter mit keinerlei Unrechtsbewusstsein«
 

Bei Rauschgiftdelikten ist die Zahl gesunken. Darin sieht Pick allerdings »keinen Grund zum Jubel«: Es gebe »ein gigantisches Dunkelfeld«, das schwer zu fassen sei. Hohe Aktivitäten werden nach wie vor im Tübinger Anlagenpark und im alten Botanischen Garten registriert. Dabei habe es die Polizei mit einer »Täterschaft mit keinerlei Unrechtsbewusstsein« zu tun, viele der Akteure kämen aus Schwarzafrika, so Pick.

Bei Sexualdelikten verzerre die große öffentliche Diskussion häufig das Bild, unterstrich der Polizeichef. Überfallartige Vergewaltigung sei doch eher selten. »Ich will da nichts beschönigen, aber ich muss einem allgegenwärtigen Klischee widersprechen: Auch in Tübinger Parks steht nachts nicht hinter jedem Baum ein Vergewaltiger.«

Deutlich zugenommen hätten dagegen Beschwerden von Frauen wegen »unanständigem Verhalten« - darunter fasste Pick etwa Anstarren und Anfassen, Nachlaufen oder Antanzen in der Disco zusammen. »Da ist jedes Delikt zu viel«, betonte Pick, kündigte mehr Polizeipräsenz in der dunklen Jahreszeit an und ermunterte gleichzeitig dazu, Vorkommnisse anzuzeigen. Sich selbst mithilfe des kleinen Waffenscheins zu bewaffnen, erzeuge dagegen eine Illusion von Sicherheit, die nur einen Placeboeffekt habe.

Große Sorgen bereitet dem Präsidenten die kontinuierlich steigende Gewalt gegen Polizeibeamte. In den vergangenen fünf Jahren haben sich die Körperverletzungen verdoppelt. Statistisch gesehen sei jeder dritte Kollege in seinem Präsidium in dieser Zeit verletzt worden, so Pick. Auch Beleidigungen mit Worten und Gesten zeugten von einem flächendeckenden Autoritätsverfall. Pick sieht darin den Indikator einer gesellschaftlichen Entwicklung. Allerdings sei auch die Ausbildung der Beamten inzwischen so »hochgradig professionell«, dass man lerne, damit umzugehen und einen Schutzpanzer zu bilden.

Pick selbst hat 14 Jahre lang die Polizeihochschule in Villingen-Schwenningen geleitet, bevor er Ende 2016 das neu strukturierte Polizeipräsidium Reutlingen übernahm. Mittlerweile würden vom Neubau in der Kaiserstraße aus täglich rund 600 Einsätze geleitet. »Wir haben zu wenig Personal, aber wir sind nicht falsch aufgestellt«, beantwortete Pick eine Nachfrage aus dem Kreistag. »Die Reform an sich war berechtigt.« (GEA)

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