Tübingen
Waldkindergarten - Seit drei Jahren: Zwischen Bäumen rutschen, auf Wiesen herumtollen, im Tipi am Feuer sitzen

Da sein und den Moment leben

KIRCHENTELLINSFURT. Klirrend kalte Luft. Fünf Grad unter Null. Die Streuobstwiesen hinter dem Kirchentellinsfurter Schützenhaus liegen unter einer pudrigen Schneedecke. Das Licht ist um kurz vor acht Uhr noch fahl. Unten im Tal breitet sich der im Uferbereich gefrorene Baggersee mit blauen und grauen Farbtönen aus. Außer dem fernen Rauschen der B 27 ist kaum etwas zu hören.

Die Natur ganz nah erfahren und im Einklang mit den Jahreszeiten leben: Für derzeit 21 Kinder ist dies im Kirchentellinsfurter Waldkindergarten möglich.  FOTO: MWM
Die Natur ganz nah erfahren und im Einklang mit den Jahreszeiten leben: Für derzeit 21 Kinder ist dies im Kirchentellinsfurter Waldkindergarten möglich. FOTO: MWM
Im Tipi des Kirchentellinsfurter Waldkindergartens »Kleine Wiesel« ist die Leiterin Kerstin Romminger zusammen mit Theresa und Samuel dabei, ein Feuer zu machen. Als die dünnen Holzscheite endlich Feuer gefangen haben und größere Stücke nachgelegt werden können, müssen die drei schon wieder durch das steifgefrorene Eingangstuch raus.

Spielen mit viel Phantasie



Vorne beim Schützenhaus warten Kerstins Kollegin Biggi Ferencak und die anderen Kinder darauf, abgeholt zu werden. Nach dem morgendlichen Begrüßungsritual geht es über einen schmalen Pfad auf einem Erdwall direkt zur Waldrutsche. Ein Kind nach dem anderen stürzt sich auf dem glatten, gefrorenen Boden auf dem Hintern über Wurzeln holpernd nach unten.

Als die Mädchen und Jungen weiterziehen, kommen sie an einer Quelle vorbei, an der sie im Sommer schon Frösche und Salamander beobachtet haben. Die nächste Station: ein großer Fels am Abhang. Der wird in der Phantasie schnell zu einem Schiff, das im Hafen die Leinen los macht und gleich nach Afrika fährt. Unterwegs läuft es sogar auf Grund und muss erst mal auf die Flut warten.

Die Natur ganz nah erfahren

»Kindergarten ist nicht das Gebäude. Die Kinder machen es aus«, geht Kerstin Romminger auf die Philosophie des Waldkindergartens ein, der am 1. März seinen dritten Geburtstag feierte. Hier könnten die Kinder ganz nah die Natur erfahren und im Einklang mit den Jahreszeiten leben. Jetzt im Winter kann draußen Kälte und im Tipi Wärme gefühlt werden.

Alles was die derzeit 21 Kinder zum Spielen brauchen, finden sie in ihrer unmittelbaren Umgebung. Da sind die vielen Stellen im Wald, am Waldrand und auf den Wiesen mit ihren ganz eigenen Reizen und Nutzungsmöglichkeiten. Da ist das Waldsofa, eine aus geflochtenen Ästen gebaute, runde Sitzgruppe. Da ist auch die Hütte, vor der auf einem Tisch gebastelt und gemalt werden kann.

Als alle am Tipi angekommen sind, macht jeder das, worauf er gerade Lust hat. Lena sitzt in einem Erdloch und buddelt vor sich hin (»Da kann man Lava machen«), Theresa und Isabel sammeln Eis in einem Kochtopf. Valentin und Christian spalten zusammen mit Biggi Ferencak Holz. »So, jetzt kannst du noch mal kräftig draufhauen.« Drinnen im Tipi schmelzen David und Samuel Eisstücke auf den Steinen am Rand des Feuers.

Und da zeigt sich dann das, was Kerstin Romminger zuvor theoretisch erläutert hatte. »Was hier im Vordergrund steht, ist das Soziale. Das Spiel findet hier in der Beziehung statt.« Langweilig ist es niemand. Zu viel gibt es zu entdecken. Und Spielsachen? Die Natur liefert alles. Auch Holzstücke mit einem kleinen Loch, die ein Fotoapparat sind.

Kinderkonferenz

Nach dem ausführlichen Vesper gegen zehn Uhr wird draußen wie jeden Freitag alles ordentlich aufgeräumt. Später treffen sich wieder alle drinnen zur Kinderkonferenz. Die Drei- bis Sechsjährigen dürfen nach einem Lied zum Auftakt ein Thema nennen, über das sie sprechen möchten. Heute geht es um Blumen, Wölfe und Taschenmesser.

Dass der Waldkindergarten entgegen manchen Vorbehalten für Mädchen und Jungs gleichermaßen geeignet ist, zeigt die Freude aller Kinder, mit der sie den Vormittag verbringen.

»Hier gibt es eine positive Einstellung zum Tag«, bringt es Kerstin Romminger auf den Punkt. Das Leben draußen stärke das Selbstvertrauen, der enge Zusammenhalt der Gruppe sei gut für die soziale Kompetenz.

Finanzieller Engpass

Und so gibt es eigentlich nur eine Sorge. Der Kindergartenverein, der am Freitag mit geladenen Gästen ein Fest feiert, muss sich derzeit finanziell stark nach der Decke strecken. Da die Zuschüsse von der Gemeinde für den Waldkindergarten in Kirchentellinsfurt pro Kind und Jahr deutlich niedriger sind als für kommunale Kindergärten und die Kosten gestiegen sind, fehlt es an Geld.

»Wir stehen da gerade in Verhandlungen mit der Gemeinde«, ist Vorstandsmitglied Markus Grawe zuversichtlich, dass sich hier was ändert. So bekämen die Waldkindergärten in Waldenbuch, Hildrizhausen und Weil im Schönbuch beispielsweise alle deutlich mehr Geld von der Kommune.

»Die Erfahrungen mit Mädchen sind durchweg gut«, bestärkt Markus Grawe auch die Eltern von Mädchen, sich für diese Kindergartenform zu entscheiden. Die sei wirklich etwas Besonders. Oder mit einem von den Kindern am Vormittag gesungen Lied gesprochen: »Wir sind Wunderkinder, ja wir sind einmalig, (...) mit uns gibt es Abenteuer.« (GEA)

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