Natur - Wiesen in der Stadt: Tübinger Biologen lassen auf 16 Modellflächen Gras und Blumen wachsen

Bunte Vielfalt gegen Artenschwund

VON IRMGARD WALDERICH

TÜBINGEN. Weniger ist manchmal mehr. Wer seine Wiese nur zwei Mal im Jahr mäht, kann darauf hoffen, dass sie im Laufe der Zeit von vielen Pflanzen- und Tierarten besiedelt wird. Aus einer wenig artenreichen Grünfläche ist dann ein bunter vielfältiger Lebensraum geworden, in dem es krabbelt, summt und zirpt.

Tübinger Studenten untersuchen die Artenvielfalt auf städtischen und universitären Grünflächen. FOTO: UNI TÜBINGEN
Tübinger Studenten untersuchen die Artenvielfalt auf städtischen und universitären Grünflächen. FOTO: UNI TÜBINGEN
Tübinger Biologen wollen das auch für die städtischen und universitären Flächen erreichen. Sie haben sich dafür zur Initiative »Bunte Wiese« zusammengetan. Erste Erfolge sind nun im Stadtgebiet zu sehen: Auf bisher 16 Flächen wollen die Wissenschaftler beweisen, dass es Sinn macht, den Rasenmäher stehen und das Gras wachsen zu lassen.

Grüne Einöde

Vor drei Jahren ist die Initiative entstanden, im Jahr der Biodiversität. Die Biologen Oliver Betz (Zoologie) und Michael Koltzenburg (Botanik) wollten sich nicht damit abfinden, dass die Flächen vor ihren Büros auf der Morgenstelle jeden Monat gemäht und damit in eine grüne Einöde verwandelt wurden. Sie suchten über einen Aushang an der Uni interessierte Studierende und gründeten eine Initiative. Keine Lehrveranstaltung sollte das Ganze sein, sondern eine Möglichkeit, sich ohne Druck zu engagieren.

Eine feste Gruppe ist daraus entstanden, die sich seit drei Jahren ein Mal im Monat trifft. Nicht nur Studenten sind dabei, sondern auch immer wieder Vertreter von Stadt, Uni und den beiden Naturschutzverbänden BUND und Nabu. Ziel ist es, ein Gesamtkonzept für die Grünflächen von Tübingen zu erarbeiten. Bei Baubürgermeister Cord Soehlke haben die Biologen offene Türen eingerannt: Auch die Stadt ist derzeit dabei, ein Grünflächenkonzept zu erstellen. Und da passen die Ideen der Wissenschaftler gut dazu.

Die Flächen sind im Stadtbild gut zu erkennen. Sie sind unter anderem rund um die naturwissenschaftlichen Institute auf der Morgenstelle, im Alten Botanischen Garten, am Stadtgraben und an der Europastraße zu finden. Umrahmt von einem zwei Meter breiten gemähten Streifen steht dort die Wiese hoch. Blumen vermischt mit Gräsern. Der gemähte Streifen ist wichtig. Er soll Passanten und Anwohnern zeigen, dass hier mit Überlegung vorgegangen wird. Fehlt der Streifen, kann es schon mal zu Missverständnissen führen, erzählt Betz. Am Planetenweg etwa beklagten sich Anwohner bei der Stadt über den Zustand der angrenzenden Wiese, die sie als verwahrlost einstuften. Das Missverständnis wurde schnell aus der Welt geschafft. Die Modellflächen sind außerdem nun mit Infotafeln versehen.

Aber die Biologen haben nicht nur Modellwiesen geschaffen, sie untersuchen auch ihr Werk. Eine ganze Reihe Diplomarbeiten sind entstanden und die beweisen zweifelsfrei, dass stark gemähte Wiesen erschreckend artenarm sind. Nur zehn Prozent der möglichen Pflanzenarten einer einheimischen Wiese überlebt das ständige Mähen und einen überdüngten Boden. Darunter der Löwenzahn, der ein untrügliches Zeichen für Überdüngung ist. Salbei und Margeriten ziehen sich dagegen schleunigst zurück, und mit ihnen viele Insektenarten.

Bedrohte Arten kehren zurück

So haben die Studenten auf einer intensiv bewirtschafteten Wiese keine einzige Tierart der Roten Liste gefunden. Auf einer extensiven Wiese waren es schon zehn bedrohte Käfer- und elf Wildbienenarten. Dabei kann der Effekt sehr schnell eintreten. Schon nach einem Jahr war auf manchen Modellflächen die Artenvielfalt explodiert.

Artenschwund kann schon an den Straßenrändern gestoppt werden. Oder im heimischen Garten, sagt Betz: Wer eine bunte Wiese will, darf erst mähen, wenn die Blumen ausgesamt haben. Sechs Wochen benötigen die meisten Wiesenpflanzen von der Blüte bis zur Samenreife. Deshalb sei es sinnvoll, erst ab Mitte Juli zum Mäher zu greifen. Nach einigen Tagen muss das Schnittgut von der Wiese geschafft werden, möglichst ohne dass es zuvor nass geregnet wurde. Der zweite Schnitt ist dann sinnvollerweise Ende September. Am besten mäht man mosaikartig, damit die Insekten flüchten können.

Sollte sich der Erfolg länger nicht einstellen, kann man zu Sämereien greifen. Die sollten aber nur von einheimischen Arten sein, betont Betz. Deshalb stehen die Tübinger Biologen den Blumensamen aus der Mössinger Mischung eher skeptisch gegenüber. Denn dort werden auch Arten verwendet, die in der Region nicht heimisch sind und damit der hiesigen Tierwelt nichts nützen.

Manche Käfer und Schmetterlinge sind Spezialisten. Sie brauchen nur eine einzige Pflanzenart zum Überleben. Fehlt die auf der Wiese, dann bleibt auch die Tierart aus. (GEA)

www.greening-the-university.de

INSEKTENREICHE BLUMENWIESE


Viele Tier- und Pflanzenarten finden sich auf einheimischen Wiesen, wenn sie nur zwei Mal im Jahr gemäht werden. Die Tübinger Studenten haben nachgezählt: 149 Käfer-, 66 Wildbienen-, 31 Tagfalter-, 49 Wanzen-, 15 Heuschrecken- und 78 Zikadenarten fand eine Studentin auf einer Tübinger Wiese, die seit einem Jahr nur noch extensiv bewirtschaftet wird. Auf einem Rasen, der monatlich gemäht wird, können weder Heuschrecken noch Wanzen leben. Tagfalter- und Wildbienenarten gehen um 50 Prozent zurück. Tierarten von der Roten Liste fehlen völlig. Nur die Zikadenarten kommen mit dem Rasenmäher ganz gut zurecht.

Nicht weniger dramatisch sieht es in der Pflanzenwelt aus. Nur zehn Prozent der heimischen 400 Graslandpflanzen sind gut schnittverträglich.

In Tübingen gibt es 250 Hektar Grünfläche, die nun wissenschaftlich erfasst wird. Hundert Quadratmeter Grünfläche bringen rund 250 Kilogramm Grüngut. Das hat eine Biologie-Studentin in ihrer Diplomarbeit errechnet. (GEA)

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