Bundestagswahl - Heike Hänsel kandidiert zum vierten Mal für die Linke. Politik als Grundhaltung

Bundestagswahl: Heike Hänsel für Die Linke am Start

VON IRMGARD WALDERICH

TÜBINGEN. Heike Hänsel in der Tübinger Kinderklinik. Das ist nicht gerade der Ort, an dem man die Tübinger Bundestagskandidatin der Linken vermutet. Schließlich ist sie die entwicklungspolitische Sprecherin ihrer Fraktion, hat schon die Wahlen in der Türkei beobachtet, reist immer wieder durch die Welt.

FOTO: Markus Niethammer
Ihre Themen reichen von A wie Afghanistan bis Y wie Yasuni-Initiative in Ecuador. Jetzt also die Uniklinik Tübingen. Der Krankenhausbesuch passe gut zu ihrem großen Thema soziale Gerechtigkeit, sagt die Abgeordnete der Linken. Und so begleitet sie an diesem Morgen Harald Weinberg, den Sprecher für Krankenhauspolitik und Gesundheitsökonomie ihrer Partei. Auf der Tagesordnung: Gespräche mit Klinikleitung, Personalrat und ein kleiner Rundgang. Für Klinikumschef Michael Bamberg ist es eine weitere Gelegenheit, um Unterstützung bei den Bundespolitikern für die Kliniken zu werben. »Wir machen das gern«, sagt er. Schließlich habe die Uniklinik finanzielle Unterstützung dringend nötig. Auch das Pflegestellen-Förderprogramm laufe 2018 aus und müsse dringend verlängert werden, fügt Klaus Tischler, Pflegedirektor der Uniklinik hinzu. Heike Hänsel hört sich die Sorgen aufmerksam an. Alles eine Frage der Umverteilung, findet die Linken-Abgeordnete. Je mehr Geld für Rüstung ausgegeben werde, desto weniger bleibe für die sozialen Bereiche übrig. Nur zögernd betritt sie den Raum einer kleinen Leukämie-Patientin in der Kinderklinik. Der Chef der Kinderklinik, Rupert Handgretinger, ermuntert sie, das Krankenzimmer zu betreten. Eine ganze Weile bleibt Heike Hänsel weg. Das Mädchen habe sich sehr über den unerwarteten Besuch gefreut, berichtet Hänsel anschließend, sichtlich bewegt. Eine willkommene Abwechslung für die kleine Patientin an einem langen Krankenhaustag.Vom Schnarrenberg hinunter in die Calwer Straße. Die Abgeordnete hetzt an diesem Tag von einem Termin zum nächsten. Aber im Wahlkampf-Modus sei sie dennoch nicht. »Nur zwei Monate vor der Wahl rumwirbeln, liegt mir nicht.« Die 51-Jährige hat politisch gearbeitet seit ihrer Jugendzeit. Auslöser waren die Lieder von Bertolt Brecht. Sie gaben ihr eine Idee davon, dass die Verhältnisse nicht so bleiben müssen, wie sie sind.Heike Hänsel ist in der Zeit der Friedensbewegung politisch groß geworden. Das hat sie geprägt. Angetrieben von dem Traum nach Lateinamerika zu gehen, begann sie Theologie zu studieren. Sie merkte allerdings schnell, dass das Theologie-Studium nichts mit der Befreiungstheologie Südamerikas zu tun hatte. Auch ihre nächste Studienwahl hat viel mit dem Wunsch zu tun, sich politisch zu engagieren: Oecotrophologie an der Uni Gießen mit dem Schwerpunkt »Ernährung in den Entwicklungsländern«. Ein Jahr lang ging sie im Rahmen ihres Studiums in die Slums von Jakarta. »Da habe ich fast mehr gelernt, als im gesamten Studium.«
»Nur zwei Monate vor der Wahl rumwirbeln, liegt mir nicht«
 

Politisch aktiv zu sein ist für Heike Hänsel kein Beruf, sondern eine Grundhaltung, weit über ihr Amt als Bundestagsabgeordnete hinaus. Seit 2005 sitzt sie im Parlament. Mittlerweile als stellvertretende Fraktionsvorsitzende. Im Januar wurde sie auf dem Landesparteitag mit 87 Prozent der Stimmen auf den zweiten Platz der Landesliste gewählt, direkt hinter Bernd Riexinger. Spricht also viel dafür, dass sie auch weiterhin dem Parlament angehört. Ihre Kraft zieht sie allerdings aus ihrer politischen Arbeit außerhalb des Bundestages: »Ohne meine außerparlamentarische Arbeit, könnte ich mein Mandat nicht ausüben.«Wer mit ihr redet, ist schnell bei den Themen, die sie umtreiben. Soziale Gerechtigkeit und Frieden. Dafür reist sie viel durch die Welt. Viermal im Jahr auf jeden Fall. Dazu kommen noch Ministerreisen, bei denen sie dabei ist. Mit Frank-Walter Steinmeier war sie schon für einen Tag in Kolumbien. Mit dem Helikopter wurde die bundesdeutsche Delegation direkt in die Entwaffnungszone eingeflogen. Da war sie auf eigene Faust auch schon mal. Die letzten Kilometer der Anreise legte sie allerdings nicht mit einem Hubschrauber, sondern mit einem Pferd zurück. Was kann die Vertreterin einer so kleinen Oppositions-Partei wie die Linken überhaupt bewirken? »Wir können Debatten anstoßen, Druck auf die Bundesregierung ausüben, Probleme an die Öffentlichkeit bringen.« Der Mindestlohn sei dafür ein Beispiel. Da habe die Linke nie nachgelassen. Heike Hänsel ist darauf nach wie vor stolz. Ähnlich hartnäckig ist sie, wenn es darum geht, den Hilflosen zu helfen. So reist sie immer wieder in Länder, in denen Menschen politisch verfolgt werden, um den Opfern eine Stimme zu geben. Zwei Wochen Tübingen, zwei Wochen Berlin. Das Leben von Heike Hänsels bestimmt der Sitzungskalender. Nie ist ihr die Idee gekommen, in die Hauptstadt zu ziehen. »Da bin ich zu bodenständig«, sagt sie. In Berlin lebt sie aus dem Koffer. Zu Hause ist sie in Tübingen und Stuttgart. Dort will sie ansprechbar sein für alle, die ihre Unterstützung brauchen.

Heike Hänsel, Die Linke

Geboren: 1. Januar 1966Konfession: römisch-katholischWohnort: TübingenFamilienstand: ledigBeruf: Ernährungswissenschaftlerin und BundestagsabgeordneteDerzeitige politische Ämter: Bundestagabgeordnete, stellvertretende Vorsitzende und entwicklungspolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke im BundestagAktuelle Buchlektüre: Michael Lüders: Die den Sturm erntenLieblingsfilm: Charlie Chaplin: Moderne ZeitenDie drei bevorzugten Smartphone-Apps: Twitter, DB, WetterHobbys: Lesen, KinoVorbilder: mutige Menschenrechtsverteidiger und Verteidigerinnen in LateinamerikaWas gar nicht geht: Menschen in Kriegsgebiete abschiebenZentrales politisches Anliegen in einem Satz: Frieden, Solidarität und soziale Gerechtigkeit weltweit. (GEA)
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