Unterstützung - Zurück im deutschen »Basislager« bereiten Anne und Rainer Claußnitzer schon die nächste Aktion vor

Medizinische Hilfe für Nepal

VON JOACHIM KREIBICH

KIRCHENTELLINSFURT/REUTLINGEN. Der Weg ist beschwerlich. Wer ins obere Aruntal will, muss tagelange Fußmärsche auf sich nehmen. Zu manchen Zeiten sind Abschnitte nach Bergrutschen unpassierbar. Touristen verschlägt es kaum einmal in diese Gegend.

Rainer und Anne Claußnitzer schrecken die Strapazen nicht. Der ehemalige Chef-Chirurg und die gelernte Krankenschwester bewundern die landschaftliche Schönheit in diesem Teil Nepals, aber sie halten sich nicht aus diesem Grund im Makalu-Barun-Nationalpark auf, der an Tibet grenzt. Die Claußnitzers erfüllen eine selbstgestellte Aufgabe: Sie bringen Hilfe und Unterstützung für Menschen, die bitterarm sind und oft ohne jegliche medizinische Versorgung.

Seit sieben Jahren realisieren die beiden gemeinsam mit anderen medizinische Projekte in dieser unzugänglichen Gegend. Und sie gehen regelmäßig wieder hin, um weitere Verbesserungen umzusetzen und sich ein Bild vom bisher Geleisteten zu machen.

Großes Augenmerk legen die Reutlinger bei ihren Bemühungen auf Basiswissen. »Vieles ist Nachhilfe«, sagt Friedrich Feurer, der seit 2012 dabei ist. Der Allgemein-Mediziner hat festgestellt: »Der Wissensstand dort ist in etwa auf dem Niveau wie bei uns Mitte des 19. Jahrhunderts.« 50 Prozent der Krankheiten könne man verhindern, wenn man Regeln der Hygiene beachte, vorbeuge und wisse, wie man sich vor Ansteckung oder dem Befall von Würmern schütze. Rainer Claußnitzer nickt. Kurse über Hygiene, Erste Hilfe oder Ernährung bedeuten einen großen Schritt nach vorn. Das will man unbedingt fortsetzen. Wobei Schulungen in Nepal in mancher Hinsicht etwas anders angelegt sein müssen als hierzulande. »Es hat viele Analphabeten«, sagt Rainer Claußnitzer, auf Schautafeln braucht man manchmal Bilder statt Texte.

Eines der Projekte, die man 2017 verwirklichen will, ist »rauchfreie Öfen« überschrieben. Menschen im Arun-Tal leiden häufig unter chronischem Husten und Augenreizungen – eine Folge der qualmenden Feuerstellen. Einige neue Öfen haben schon Linderung verschafft. Jetzt hat man sich zum Ziel gesetzt, 50 weitere zu finanzieren und hinauf zu transportieren, in Einzelteilen und auf dem Rücken von Trägern. Feurer weiß: »Das schont auch die natürlichen Ressourcen, weil die Öfen einen viel besseren Wirkungsgrad haben«

»Wir sind unglaublich unterstützt worden, das ist nicht selbstverständlich« §§ Zweites konkretes Ziel für 2017 ist die Erstausstattung für eine neue Krankenstation. Generell ist man bestrebt, die bisherigen kleinen Ambulanzen besser auszustatten. Zudem haben die Nepalesen in Eigenarbeit ein neues Gebäude errichtet, das noch ganz ohne ist. Feurer sagt: »Das reicht von simplen Sachen wie Regal und Stuhl über Pinzette und Handschuhe bis zu Verbandsmaterial.« Gut 2 000 Euro, schätzen die Ärzte, wird man dafür aufbringen müssen. Zunächst sollen drei Kranken- und Behandlungszimmer zur Verfügung stehen, am Schluss sollen es acht sein.

Claußnitzer und Feurer betonen: »Die wichtige Frage ist immer, was können die Menschen dort selber beitragen?« Bei allen Aktionen wird versucht, die Selbst-Organisation zu stärken, dann ist der Effekt am größten. Und was an Material beschafft werden muss, sucht man vorzugsweise im Land selbst. Das erspart weite Transpportwege und kommt der Wirtschaft insgesamt zugute.

§§ » Die Menschen lächeln auch noch, wenn es ihnen sehr schlecht geht«
 
Große Hoffnungen setzen die Claußnitzers und Feurer in den Kardamom-Anbau. An anderer Stelle in Nepal hat sich erwiesen, dass die Produktion und Verarbeitung von Nesseln und ihren Fasern Arbeitsplätze schafft. »Dort sind 1 300 Leute in Lohn und Brot« sagt Anne Claußnitzer. Wenn es gelingt, diese Erfahrungen auf den Kardamom-Anbau im Aruntal zu übertragen, würde es den Menschen dort auch sehr viel besser gehen. Die deutschen Unterstützer haben angeregt, Flächen zusammenzulegen, dazukaufen und Kräfte zu bündeln. Mit einem Genossenschaftsmodell sollte sich das Ganze langfristig absichern lassen.

Die Nepal-Helfer lassen keinen Zweifel, dass nur gemeinsam entwickelte und von vielen mitgetragene Projekte Erfolg haben. »Man braucht eine Organisation hier und eine dort. Anders geht das nicht«, sagt Feurer. Anne Claußnitzer spricht von einem Netzwerk an verlässlichen Partnern. Und das haben sie über die Jahre geknüpft.

Bemerkenswert findet die gelernte OP-Schwester die große Hilfsbereitschaft in der Heimat. »Wir sind unglaublich unterstützt worden – und das ist nicht selbstverständlich.« Das reicht von Optiker Möller in Reutlingen, der Lesebrillen bereitstellt, über viele kleine und große Einzelspenden auch von Kollegen und ehemaligen Patienten bis zu zwei sehr aktiven Strickkreisen in Engstingen und Betzingen.

Zum Netzwerk gehören auch Gabi Nill und der Verein Nepali Rotznäschen in Kirchentellinsfurt, der sich schon länger um Nepal bemüht und auch viele Patenschaften eingefädelt hat. »Der Verein bietet uns die Plattform«, sagt Rainer Claußnitzer. Auf der Homepage werden die jüngsten Erfahrungsbericht eingestellt, hier finden sich auch Fotos, mit denen dokumentiert wird, dass die Hilfe in jedem Fall wirklich ankommt.

Obwohl die Claußnitzers erst seit wenigen Wochen zurück sind, schmieden sie in ihrem »Basislager«, wie die Hausherrin ihr Heim in Reutlingen nennt, schon wieder Reisepläne. Eine derartige Tour will stets lange und bestens vorbereitet sein. Im April werden Feurer und Rainer Claußnitzer hinfliegen, nach den Krankenstationen schauen und den Transport von Öfen in die Wege leiten. Im Frühherbst, wenn der Monsun vorbei ist, will man die nächste Etappe fürs Kardamom-Projekt in Angriff nehmen.

Als Strapaze sehen die Helfer ihre Einsätze in Nepal nicht – und die Begegnungen empfinden sie als sehr bereichernd. »Die Menschen dort lächeln auch noch, wenn es ihnen ganz schlecht geht«, hat Anne Claußnitzer festgestellt. (GEA)



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