Vortrag - Verkehrsminister spricht an der Volkshochschule Reutlingen

Winfried Hermann für neue Mobilitäts-Konzepte

Von Heiko Rehmann

REUTLINGEN. Mobilität ist in jeder arbeitsteiligen Gesellschaft die Voraussetzung für Wohlstand und Wachstum. Je komplexer die Strukturen werden, desto mehr steigt das Verkehrsaufkommen. Staus und explodierende Kosten verlangen nach neuen Mobilitätskonzepten, wie Winfried Hermann (Grüne), Minister für Verkehr und Infrastruktur des Landes Baden-Württemberg vor etwa 50 Zuhörern in der Reutlinger Volkshochschule eindrücklich klar machte.

Verkehrsminister Winfried Hermann.
FOTO: dpa
In seinem klar strukturierten und humorvoll dargebotenen Vortrag zeigte der Minister, welche Herausforderungen durch den Klimawandel und die demographische Entwicklung auf die Mobilität zukommen. Zwischen 1990 und 2007 ist der CO2 Ausstoß des Verkehrs um 35 % gestiegen, während die Haushalte in demselben Zeitraum 17 % des klimaschädlichen Gases weniger produzierten. Ohnehin trägt der Verkehr am meisten zum CO2 Anstieg bei. Eine Milliarde Autos gibt es derzeit auf der Welt. "Das sind nur deshalb so wenige, weil viele Menschen viel weniger haben als wir.", bemerkte der Minister. Da aber Millionen Inder und Chinesen nach westlichem Lebensstandard streben, wird das nicht so bleiben. Zugleich hat die Menschheit aber den Peak Oil in den vergangenen Jahren vermutlich schon überschritten. Das heißt, dass es ab sofort immer schwieriger wird, die Fördermenge zu steigern, während gleichzeitig die Nachfrage wächst. "Da ist es schon putzig, wenn man sich über steigende Benzinpreise beklagt."

Zugleich wird in Deutschland der demographische Wandel für andere Mobilitätsbedürfnisse sorgen, da es mehr alte und weniger junge Menschen geben wird. Das könnte für Probleme im öffentlichen Nahverkehr sorgen, da dieser bisher vor allem von Schülern genutzt wird. "Und wenn wir dann einmal alle mit dem Rolator durch die Fußgängerzone laufen, wird sich bestimmt eine Bewegung gegen Pflastersteine bilden", sagte Hermann zur Erheiterung des teilweise schon angegrauten Publikums.

Um diesen Entwicklungen entgegenzutreten, will die neue Landesregierung Baden-Württemberg zum Musterland nachhaltiger Mobilität machen. Dazu will der Minister die Denkmuster in den Köpfen der Menschen verändern, beispielsweise die Vorstellung, dass jeder sein eigenes Auto braucht. Er möchte den Güterverkehr stärker auf die Schiene verlagern, neue Antriebstechnologien wie Wasserstoff-, Hybrid-, und Elektromotoren ebenso fördern wie neue Fahrzeugkonzepte, etwa Stadtautos und Pedelecs. Durch eine Revitalisierung der Zentren nach dem Muster der traditionellen europäischen Stadt mit ihren kurzen Wegen und der räumlichen Nähe von Wohnen und Arbeiten sollen zukünftig viele Fahrten überflüssig werden. Das alles sind keine neuen Ideen. Wie er sie verwirklichen will, lässt Hermann jedoch offen. Schließlich hat auch ein Minister keinen Einfluss auf die Entwicklungen der Industrie oder die Stadtplanung. Wo er direkte Einflussmöglichkeiten hat, wird er jedoch konkret:

Natürlich will Hermann den öffentlichen Nahverkehr stärken. "Bisher wurden 60 % der Mittel für das Auto ausgeben und 40 % für den Umweltverbund. Wir wollen dieses Verhältnis umkehren." So gibt es beispielsweise seit kurzem das Metropol Tagesticket für die Metropolregion Stuttgart mit ihren fünf Millionen Einwohnern. Integrierte Verkehrsmanagementsysteme sollen mithilfe von Webcams und Anzeigetafeln den Verkehr so lenken, dass durch eine bessere Ausnutzung der vorhandenen Infrastruktur ein besserer Verkehrsfluss mit weniger Staus möglich wird. Ohnehin hält er wenig davon, den bestehenden Problemen mit immer neuen Bauprojekten zu Leibe zu rücken. So habe die neue B 27 nach ihrer Fertigstellung einige Jahre lang bestens funktioniert, bis es hier auch wieder so viele Staus, wie auf der alten B 27 gab. Damit verweist er auf die wohlbekannte Erfahrung, dass ein höheres Angebot meist auch eine höhere Nachfrage zur Folge hat. Dennoch ging ein Aufschrei durchs Land, als die grün-rote Landesregierung im vergangenen Jahr verkündet hatte, keine neuen Straßen bauen zu wollen. "Dabei sagen wir doch nur, dass wir nichts Neues anfangen, solange die alten Projekte nicht fertig sind", stellte Hermann klar.

Ohnehin sei kein Geld da, um neue Projekte seriös zu finanzieren. "Wir verlagern den Schwerpunkt auf die Erhaltung." Für ein anderes Projekt will er dennoch Geld locker machen. Die Region Reutlingen/Tübingen ist der einzige große städtische Raum im Land, der keine Stadtbahn hat. Da sich die Bundesregierung infolge der Föderalismusreform sukzessive aus der Mitfinanzierung regionaler Infrastrukturprojekte zurückzieht, wird es schwierig, für ein solches Projekt überhaupt noch die Mittel zu finden. Dennoch will der Minister dieses urgrüne Anliegen nicht aufgeben. "Die Strecke von Bad Urach nach Herrenberg könnte zumindest ein Einstieg in ein Stadtbahnnetz werden." Dem Dauerstau auf der B 27 will er dagegen nicht mit einer Anbindung Tübingens an das Stuttgarter S-Bahnnetz begegnen, sondern mit einer Projektgruppe, die die Situation analysiert um durch Zwangseinfädelungen an den Auffahrten oder durch spontan organisierte Mitfahrgelegenheiten, sogenannte "Pockettaxis" das Verkehrsaufkommen besser zu lenken. (GEA)

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