Behinderten-Jobs - Sechs Mitglieder der Baff-Theatergruppe erhalten in der Tonne eine Schauspielausbildung
Tonne bildet Baff-Theatergruppe aus
Von Monique Cantre
REUTLINGEN. Als Vorführung für die Pressefotografen gipfelt das Körpertraining darin, die Arme wie Windmühlenflügel zu schwingen. Lässig präsentieren die sechs Teilnehmer ihre koordinierte Aufwärmphase - vor Publikum zu spielen ist nichts Neues für sie. Und jetzt ist ihr Theaterhobby sogar zum Job geworden. Sechs Mitglieder der Baff-Theatergruppe tauschen zweimal die Woche ihren Arbeitsplatz in den Bruderhaus-Werkstätten bei vollem Lohn mit der Probebühne der Tonne ein. Hier wird ihr Talent professionell gefördert - für weitere Bühnenerfolge wie in der Vergangenheit unter anderem beim Festival »Kultur vom Rande«.
Enrico Urbanek (Mitte) bespricht das Körpertraining mit der Gruppe im Probenraum der Planie 22.
FOTO: Markus Niethammer
Für Professor Elisabeth Braun von der Fakultät für Sonderpädagogik der PH Ludwigsburg/Reutlingen ist das Projekt »Arbeitsplatz Theater« in Reutlingen deutschlandweit »eine Sensation«. Ein Teilzeitmodell in dieser Konsequenz gebe es nirgends, weiß sie. Es werde auch von zwei Master-Studierenden wissenschaftlich begleitet, »ohne zu stören«.
Es sei immer das Ziel, dass für die Behinderten eine Beschäftigung dort gefunden werde, wo andere Menschen auch arbeiten, sagte Gerhard Droste, Leiter der Bruderhaus-Werkstätten, bei der Pressekonferenz. »Betriebsintegrierte Arbeitsplätze« sind das - nun also im Theaterbetrieb.
Zwei Jahre sind gesichert
Das Theater entlohnt sie zwar nicht, dafür werde mit der jetzigen Maßnahme der öffentliche Auftrag erfüllt, »dass die Leute teilhaben an Bildung und Kultur«, betonte Susanne Scheible vom Sozialdienst der Bruderhaus-Diakonie. Die emanzipatorische Wirkung des Lernens hilft den Menschen mit Handicap auch im Alltag. Zur Finanzierung haben sich sämtliche Kostenträger vernetzt. Zwei Jahre sind vorerst gesichert. Nicht zuletzt durch 30 000 Euro von der Paul-Lechler-Stiftung, die Rosemarie Henes vom Lebenshilfe-Verein Baff (Bildung, Aktion, Freizeit, Feste) zur Förderung des Projekts genehmigt bekommen hat. Mit dieser Summe werden die Honorarkräfte für den Unterricht bezahlt.
Die Organisation des Schulungsangebots liegt bei Enrico Urbanek, Intendant des Theaters Die Tonne und Regisseur der bislang fünf Inszenierungen mit Behinderten an seinem Haus, angefangen bei »Revue Fatale« bis zu »Die Bildnisse des Dorian Gray« im letzten Jahr. Im Mai 2012 soll »Pi oder Was die Welt im Innersten zusammenhält« uraufgeführt werden, ein Stück über Zahlen, Wirtschaft und Mathematik. Von den zwölf Mitwirkenden, die sich momentan einmal wöchentlich treffen, um die neue Produktion gemeinsam mit Urbanek zu entwickeln, hat sich die Hälfte für die Schauspielausbildung gemeldet: Dunja Fuchs, Bahattin Güngör, Walter Rebstock, Jochen Rominger, Franziska Schiller und Stephan Wiedwald.
Enrico Urbanek erzählt, dass ihm schon bald bei der Arbeit mit den Behinderten klar geworden sei, dass in diesen besondere Begabungen schlummerten, die man fördern müsse. Es gehe auch darum, gewisse Techniken zu vermitteln, zum Beispiel, wie man auf der Bühne seinen Text abrufen kann, wie Emotionen abrufbar werden, oder wie man mit seiner Behinderung umgeht. Unterrichtsfächer sind Choreografie, Sprechen, Gesang, Malen und Allgemeinbildung.
Als Scharnier zwischen der Bruderhaus-Diakonie und dem Theater fungiert Jobcoach Dominik Engel. Er berät die Dozenten, was den Schulungsteilnehmern gesundheitlich zugetraut werden kann. Und er schlichtet bei Streit, wenn es nötig ist. (GEA)
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