Arbeiterwohlfahrt - Sozial- und Integrationsminister Manfred Lucha besucht Elisabeth-Zundel-Haus und Tagestreff

Sozialminister Lucha: »Da geht mir das Herz auf«

VON ULRIKE GLAGE

REUTLINGEN. Erst informiert sich Grünen-Minister Manfred Lucha im Elisabeth-Zundel-Haus, einer Unterkunft für wohnungslose Frauen. Dann geht's weiter in den Tagestreff der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Der Mann mit den unüberhörbaren bayerischen Wurzeln, den alle Manne nennen, kennt sich aus mit solchen Einrichtungen. Schließlich ist er studierter Sozialarbeiter. Nach eineinhalb Stunden bei der AWO ist er sichtlich beeindruckt.

Anregende Gespräche im Tagestreff: Minister Manfred Lucha mit AWO-Geschäftsführerin Birgit Hammer (von links), der Grünen-Bundestagsabgeordneten Beate Müller-Gemmeke und den beiden AWO-Sozialarbeiterinnen  Judith Schäfer (Zundel-Haus) und Heike Hein (Fachberatungsstelle).
Anregende Gespräche im Tagestreff: Minister Manfred Lucha mit AWO-Geschäftsführerin Birgit Hammer (von links), der Grünen-Bundestagsabgeordneten Beate Müller-Gemmeke und den beiden AWO-Sozialarbeiterinnen Judith Schäfer (Zundel-Haus) und Heike Hein (Fachberatungsstelle). FOTO: Markus Niethammer
»Da geht mir das Herz auf«, sagt der Sozial- und Integrationsminister beim Abschlussgespräch. Er meint den Tagestreff. Aber auch das Zundelhaus. Und die anderen, sehr bemerkenswerten Einrichtungen der Reutlinger AWO. Neben den Komplimenten für die gute Arbeit kommt aber auch ein heikles Thema zur Sprache: die leidige Finanzierung.

Mit im Begleittross des Ministers sind neben vielen AWO-Mitarbeitern die Grünen-Abgeordneten Thomas Poreski und Beate Müller-Gemmeke, Reutlingens Sozialamtsleiter Joachim Haas und sein Kollege vom Landkreis, Andreas Bauer. Sie alle haben immer wieder mit Wohnungslosigkeit zu tun: Ein Thema, das Grund zur Sorge gibt. Die Zahl der bei der AWO registrierten Betroffenen, berichtet Geschäftsführerin Birgit Hammer, lag im vergangenen Jahr bei 850 - wieder ein Anstieg um etwa 40 Personen. Obdachlosigkeit hat nicht immer mit persönlichen Problemen zu tun: Der eklatante Mangel an bezahlbarem Wohnraum schlägt sich zunehmend in der Statistik nieder.

Die AWO kümmert sich um die, die in eine akute Notlage geraten sind. Aber sie sorgt auch dafür, dass diese Notlage erst gar nicht entsteht. Das jüngste Vorzeigeprojekt im Präventionsbereich heißt NAWO. Die Abkürzung steht für »Netzwerk Ambulante Wohnungssicherung«. Ob Kündigung, Räumungsklage, Mietschulden: Die AWO-Mitarbeiter vesuchen durch frühzeitige Intervention, mit viel Beratung und Unterstützung zu verhindern, dass die Menschen auf der Straße landen. Und das mit einer beachtlichen Erfolgsquote. Seit dem Start im April 2016, informiert Projektleiter Herbert Mang den Minister, wurden 113 Haushalte betreut. In 40 Fällen konnte die Wohnung gesichert, in 25 Fällen eine Alternative gefunden werden. »Das zeigt, dass das Angebot notwendig ist«, sagt Mang.

Finanzierung zentralisieren

Wie sehr, unterstreicht Joachim Haas. 172 Zwangsräumungen gab es 2016 in Reutlingen. »Da hängen viele Familien und Kinder dran.« Bemerkenswert auch, so Haas, dass 23 Prozent der Betroffenen ein Erwerbseinkommen haben. »Es ist enorm wichtig, dass präventiv gewirkt wird, wir können das gar nicht auffangen.« Lucha nickt. »Genau das ist unsere Herausforderung: Von der Nothilfe hin zur Hilfe zur Selbsthilfe.«

Wohnungslosigkeit sei längst kein Unterschichtproblem mehr. »Keiner ist davor gefeit, in eine prekäre Sitution zu geraten.« Reutlingen sei eine reiche Stadt. »Aber es gibt auch Leute, die nicht davon profitieren.« Doch es sei gelungen, aus dem Dunkelfeld verschämter Armut »in die Offenheit« zu gehen.

Der AWO zollt der Minister ein dickes Lob. »Chapeau! Was Sie in der Wohnungshilfe machen, ist exemplarisch.« Reutlingen stehe gut da, bestätigt Thomas Poreski. Das könne man von vielen anderen Städten nicht unbedingt sagen. Die Folge: Personen tauchten auf, die anderswo keine Hilfe bekämen. Poreski spricht von einer »Anreizstruktur«. Und fordert eine zentralisierte Finanzierung der Wohnungslosenhilfe. Die Verantwortlichkeit solle auf kommunaler Ebene bleiben, die »Kostenträgergeschichte« müsse aber verändert werden. »Langfristig muss man auf Landesebene Mechanismen finden, mit denen man einen Lastenausgleich erreichen kann.« Andreas Bauer stimmt ihm indirekt zu. »Solange die Wohnungslosenhilfe kommunal finanziert ist, wird es immer Versuche geben, zu sparen.«

Von der wackeligen Finanzierungslage kann Herbert Mang ein Lied singen. NAWO wird zu 95 Prozent vom Bundesministerium für Arbeit und dem Europäischen Hilfsfonds gefördert, die übrigen Gelder kommen von der Stadt. Die Fördermittel für das Projekt laufen allerdings Ende nächsten Jahres aus. Wie es weitergehen soll, weiß niemand. (GEA)



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