Einkaufen - Bei »Fridi unverpackt« am Weibermarkt dürfen Kunden offene Waren selbst abfüllen

"Fridi unverpackt" - Müll vermeiden statt beseitigen

VON ANDREA GLITZ

REUTLINGEN. Im Schatten der Marienkirche gedeiht die Vision einer besseren Welt: Bei »Fridi unverpackt« kommt es auf den Inhalt an - und auf die Verpackung. Sie soll möglichst minimalistisch sein.

Die Kunden dürfen fast alles selbst abfüllen und einpacken.  Lina Fritz (links) hilft nur, wenn?s klemmt.
Die Kunden dürfen fast alles selbst abfüllen und einpacken. Lina Fritz (links) hilft nur, wenn’s klemmt. FOTO: Markus Niethammer
Ein Vollsortiment mit Lebensmitteln, Obst und Gemüse bio oder regional, Kosmetikartikeln und Haushaltswaren erwartet Kunden. In Lina Fritz' Laden dürfen Kunden eigene Gefäße und Beutel mitbringen und die offenen Waren auch selber abfüllen.

»Reutlingen hat mir keine Steine in den Weg gelegt«
 

Der Fantasie sind wenig Grenzen gesetzt: Eine schnöde Tupperschüssel geht immer, manche bringen alte Bäckertüten oder gebrauchte Nudeltüten mit, erzählt Lina Fritz. Eine Kundin nutzt eine Reihe handgenähter Säckchen, auf denen sie kunstvoll das Gewicht des jeweiligen Beutelchens eingestickt hat.

Wer nichts dabei hat zum Einfüllen, findet Papiertüten, Baumwollsäckchen, Weckgläser, edle Edelstahlboxen mit Silicondeckel zum Kaufen. Die verwendeten Behältnisse muss der Kunde vorab leer wiegen und mit dem Befund beschriften. Nach dem Befüllen ziehen Lina Fritz und ihre Mitarbeiter das Gewicht beim Wiegen an der Kasse ab.

Das Ladenambiente lockt mit verhaltenem Tante-Emma-Charme kombiniert mit neuzeitlich-stylishem Chic.

Kokos-Meersalz-Shampoo in Pralinenform, Deocreme im Glas, vegane Gummibärchen, Strohhalme aus Edelstahl: Schon das Stöbern macht Spaß. Ein besseres Gewissen haben noch mehr.

Auch Seifen, Putz- oder Waschmittel können in die gebrauchten Plastikflaschen gefüllt werden. Anbieter Sonett verlangt allerdings, dass die alten Gefäße mit einem Etikett beklebt werden, das den Inhalt bezeichnet: damit es keine Probleme mit dem Reiniger in der Milchflasche gibt. Vermerkt ist auch, dass die Produkthaftung des Herstellers erlischt, »wenn die Gefäße ungeeignet oder unhygienisch sind«.

Stichwort Hygiene: Das Veterinäramt schaut darauf, dass bei Fridi alles seine Ordnung hat. Wichtig ist, dass mitgebracht Gefäße nicht mit den Lebensmittelvorräten in Kontakt kommen, erläutert Lina Fritz. So ist es auch verboten, dass Mitarbeiter mit einer Kundendose ins Lager gehen.

Die Mitarbeiter überprüfen die Qualität der Waren ständig. »In Kritisches beißen wir selber mal hinein.« Spätestens alle vier Wochen würden die Schüttgeräte geleert und gereinigt.

Unterstützung durch die städtische Wirtschaftsförderung und den Gründerpreis, reibungslose Kreditfinanzierung - Lina Fritz hat nach eigenem Bekunden nicht nur beim Landratsamt Offenheit für das Unverpackt-Konzept erfahren: »Reutlingen hat mir keine Steine in den Weg gelegt.«

Ende November hat die studierte Bauingenieurin ihren Laden in ehemaligen Räumlichkeiten des Welt-Ladens (der nun in der Rathausstraße ist) aufgemacht, tatkräftig unterstützt wird sie von ihrem Mann. »Es läuft super«, bilanziert die 35-jährige dreifache Mutter die Anlaufzeit.

»Momentan ist der Laden nur eine Leidenschaft«
 
Rechnen tut sich das Engagement allerdings noch nicht. »Momentan ist es nur eine Leidenschaft, ich hoffe, dass es sich eines Tages auch mal lohnt.« Lina Fritz, geboren in Wolfenbüttel, aufgewachsen in Stuttgart, ist Überzeugungstäterin: Sie und ihr Mann versuchen seit Jahren, möglichst müllfrei zu leben. Sie möchten mit dem Laden am Weibermarkt die Unverpackt-Idee verbreiten.

Die Chancen stehen nicht schlecht. Täglich kämen neue Kunden und viele davon kämen wieder, sagt Lina Fritz. Vor allem nachmittags sei oft viel los.

14 Mitarbeitende sind mittlerweile im Team. Wiegen und kassieren, beraten, helfen, wenn's mal beim Einfüllen der Nudeln klemmt: Geschäft gibt es genug, auch wenn die Kunden mit anpacken.

Viele Ältere nutzen laut Fritz das neue Angebot im Herzen der Stadt. Sie kämen alle ein, zwei Tage, um notwendige Einkäufe zu machen, ohne schwere Taschen schleppen zu müssen.

Ein genereller Charme des Konzepts: Es können beliebig kleine Mengen gekauft werden. So mancher Einpersonenhaushalt wird sich darüber freuen. Frisch und öfter einkaufen heißt auch: weniger Essen wegwerfen und damit Geld sparen.

Demnächst soll es Käse im Fridi-Sortiment geben. Bei einer Crowdfunding-Aktion im Internet seien in zwei Monaten über 12 000 Euro zusammengekommen. Die will Lina Fritz nun unter anderem in eine Käse-Kühltheke investieren.

Unverpackt gegen Müll


Die deutsche »Unverpackt«-Bewegung wurde Anfang 2014 in Kiel gestartet. Mittlerweile existieren nach Angaben von Ladengründerin Marie Dela-perrière über 40 Läden nach dem gleichen Konzept in Deutschland.

Im gleichen Jahr 2014 fielen laut Umweltbundesamt 17,78 Millionen Tonnen Verpackungen an. Das Gros davon, 12,69 Millionen Tonnen, wurde teils aufwendig recycelt. 4,65 Millionen Tonnen wurden energetisch verwertet zur Strom- und Wärmegewinnung. (GEA)

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