Pilgern auf dem Martinusweg

Loslassen - aufbrechen - ankommen

Von Andrea Glitz

REUTLINGEN/ PFULLINGEN. Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Warum verirren wir uns zwischendrin? Und warum ist es so verdammt schwer, jemandem eine halbe Schinken-Stulle zu schenken? Ein Pilger-Spaziergang von Pfullingen nach Reutlingen auf dem Martinusweg mit leichtem Gepäck und angemessenem geistlichem Beistand ist eine günstige Gelegenheit, mal wieder in aller Ruhe über Gott und die Welt zu reden

Der Heilige Martin hat seine Beziehungen spielen lassen: Traumwetter auf seinem Pilgerweg, hier hinter Pfullingen nahe dem Georgenberg.
Der Heilige Martin hat seine Beziehungen spielen lassen: Traumwetter auf seinem Pilgerweg, hier hinter Pfullingen nahe dem Georgenberg. FOTO: Uschi Pacher
Der Heilige Sankt Martin hat seinen Mantel geteilt und einem Armen geschenkt. So weit will ich nicht gehen. Ich habe zum Verschenken drei Schinkenstullen geschmiert, in der Mitte geteilt und in den Rucksack gesteckt. Pilgern auf dem Martinusweg steht auf dem Programm.

Was werde ich dort finden? Wem werde ich unterwegs begegnen? Wie pilgert man richtig? Als nicht Fromme habe ich mir vorsichtshalber geistigen Beistand gesucht. Denn sonst begegnet man dem lieben Gott und merkt’s vielleicht nicht. »Nehmen Sie doch den Jürgen Rist mit.« Der Tipp kam vom katholischen Dekanatsreferenten Thomas Münch – ganz ökumenisch. Rist ist Protestant, als Gemeindediakon im Kirchenbezirk Reutlingen in der Männerarbeit tätig und ein begeisterter Pilger. Er hat im Rahmen seiner Kirchenarbeit und freiberuflich schon 27 fromme Reisen organisiert, vornehmlich auf dem Jakobsweg. Geschätzte zehn Kilometer sind für den Profi ein Klacks. Der 53-Jährige sagt spontan zu.

Wir treffen uns an der Pfullinger Martinskirche. Mein Begleiter sieht aus wie ein ganz säkularer Wandersmann aus der Funktionsbekleidungs-Werbung. Nur die Jakobsmuschel am Rucksack verrät, wohin er sonst mehrmals im Jahr auf Teilstücken unterwegs ist.

Pikanterweise ist Reformationstag. Martin Luther war kein Fan des frommen Wanderns. »Lauf nicht dahin, man weiß nicht, ob Sankt Jakob oder ein toter Hund daliegt«, spottete der Reformator über den Run auf Santiago di Compostela. Im protestantischen Norwegen wurde Pilgern 1537 sogar unter Todesstrafe verboten. Nicht erst seit Hape Kerkeling dann mal weg war, ist Pilgern en vogue. Längst hat die evangelische Kirche die Chancen dieses Trends erkannt. Wenn auch nicht bis in die letzte Konsequenz. »Ich werde den Heiligen St. Jakob nicht küssen, wenn ich in Santiago di Compostela angekommen bin«, sagt Rist.

»Ich bin Landfrau«

An der Pfullinger Kirche versuchen wir gleich, eine Mitwanderin zu gewinnen. »Ich bin Landfrau. Ich bin im Stress. Ich habe keine Zeit zum Pilgern«, erläutert Margret Munz jedoch in einem Ton, der keinen Widerstand aufkeimen lässt. Milch, Bullen, Biogas halten sie in Atem. Doch auch die Landfrau nimmt sich Auszeiten. Beim Yoga lernt sie, »wie man mit kleinen Schritten vorankommt«.

Aussichtslos, dieser Frau ein halbes Vesper anzubieten: »Des brauch i net.«

Gelbes Kreuz auf rotem Grund. Steil hinauf den Schildern nach geht’s gen Georgenberg. Kann ein Teilstück ganzes Seelenheil bescheren? »Die Dauer ist egal. Aufbrechen und ankommen innerlich und geografisch, lautet die Devise«, sagt Rist. Pilgern ist für ihn eine spirituelle Erfahrung, die Horizonte erweitert. Ganzheitlich, sinnlich. »Die Kirche kommt oft so intellektuell daher.«

Nicht alle Wandersleute begegnen unterwegs dem Göttlichen. »Nach einem längeren Weg kommt man aber zumindest bei sich selbst an«, hat Rist erfahren. »Fragen sortieren sich schon nach einem Tag, wenn man den Stress zuhause lässt und Muße hat, zu spüren, was einem gut tut.« Glaube gehört für ihn dazu und geistige Impulse, wie die auf den Touren üblichen Morgen-Andachten, bei denen die Wanderer gesegnet werden.

GPS ist erlaubt auf dem Weg zum Seelenheil. »Aber es gehört zum Weg, dass man sich mal verirrt.« Überhaupt gehört Mühe für ihn dazu. »Pilgern kostet Kraft und gibt Kraft.«

Unsere Entbehrungen halten sich derweil in Grenzen: Der Heilige Martin hat seine Beziehungen spielen lassen. Sonne wärmt den Spätherbsttag. Ein großer Künstler hat die Hochfläche hinter Pfullingen und den Albtrauf in den schönsten Farben angemalt.

»Wenn ich alles loslassen könnte«

Ursula Mayer weiß nicht, dass sie vor der Kulisse des Georgenbergs auf einem Pilgerweg joggt, zeigt sich dem Spirituellen unter ihren Turnschuhen jedoch spontan sehr zugänglich. »Ich würde gerne pilgern. Wenn ich nur mal alles loslassen könnte.« Alltag, Familie, großer Garten: Eingespannt wie eine Marionette an Fäden sei sie. Ihre Auszeit ist das Joggen in der Natur. »Mir tut’s gut, unterwegs zu sein. Ich wäre eine Super-Pilgerin. In zehn Jahren dann.« Ein Stück Brot will sie auch nicht. »Ich habe gerade eine Birne gegessen. Essen Sie’s selber.«

Wie lange darf man Träume eigentlich verschieben? Pilgern helfe, die innere Sehnsucht zuzulassen, sagt Rist. Der Diakon erfuhr letztes Jahr, dass er eine nicht heilbare Muskelkrankheit in sich trägt. Eine hässliche Diagnose, zumal für einen Mann, der davon träumt, freiberuflicher Pilgerführer zu werden.

Nach dem tiefen Loch kam das Jetzt-erst-recht. Plötzlich sah er überall offene Türen. Die Kasse zahlte Krankengymnastik, die half. Radfahren verbessert seinen Zustand.

Ans Ziel des Jakobswegs hat er noch 2 000 Kilometer zu laufen. Aber er hat Gott. Und seine Weggefährten. »Meine Männer schieben mich notfalls im Rollstuhl nach Santiago.« Pilgern mache ihn gelassener und helfe auch, über den Tod hinauszuschauen. »Am Schluss fragt keiner, was du dabei hast. Am Schluss musst du alles loslassen.«

Am besten schon vorher: Im irdischen Leben heißt das Lieblingsthema der frommen Wanderer Gepäckreduzierung. Eine Besessenheit, mit der sich ganze Foren beschäftigen.

Jürgen Rists erster Pilgerrucksack wog drei Kilo – leer. Mittlerweile ist er mit einem ultraleichten Modell unterwegs, das vollgepackt nicht mehr als sieben Kilo auf die Waage bringt. Das muss reichen für eine Woche. Erbauung für die Seele. Funktionsbekleidung für den Leib. Pilger dürfen auch mal müffeln. »Ich möchte nicht mehr so schwer tragen«, sagt Rist. Auch im Alltag hat er begonnen, sein Leben »auszumisten«.

»Wenn ich mehr Urlaub hätte«

Hinunter geht’s den Wasenwald, über Rindenschrotbahn und Gönninger Landstraße aufs freie Feld hinter dem Hochbuch. Dort treffen wir Renate. »Nähe zu einer göttlichen Quelle, Frieden und Gelassenheit, mit der Natur verbunden sein, im Hier und Jetzt leben und, dass der Kopf mal loslässt«: Die 53-Jährige hat eine lange Liste klarer Vorstellungen vom segensreichen Wirken einer längeren Pilgertour und total Lust drauf. »Wenn ich nur mehr Urlaub hätte.«

Das halbe Pilgerbrot nimmt sie mit etwas Überredung an und drückt es ihrem Begleiter in die Hand. Wegen des Schinkens. »Ich bin Vegetarierin.«

Jürgen Rist rät, sich Pilgerwege im Alltag zu suchen. »Viele haben so was schon und wissen’s noch nicht.« Eine mehrtägige Tour biete allerdings die Gelegenheit zu Übernachtungen. Und die sind oft interessant. Vor allem in Privatquartieren hat Rist »die Tiefe der Gastfreundschaft« erlebt.

In der Herberge prüft der Herrgott dann die Seinen und andere mit schnarchenden Mitpilgern. Der Diakon hat kein Problem damit. Er hat Ohrstöpsel dabei, allerdings für die Ohren der anderen. Er ist es, der gelegentlich höflich gebeten wird, in der Küche zu übernachten.

Beim Wandern kriegen Seelen Flügel und die Füße Blasen. Die zweite Pilgerplage. Eine Woche 150 Kilometer laufen ist nicht jedermanns Sache. Bei seiner diesjährigen Maiwanderung mussten drei Teilnehmer aufgeben. »Ich krieg nie welche.« Gut eingelaufene leichte Goretex-Turnschuhe sind Rists Patentrezept.

Freude über ein Geschenk

Eine alte Dame kommt uns entgegen: Ob sie ein Stück mit uns geht? »Ich bin schon eine ganze Runde gelaufen. Das ist mir zu viel.« Groß ist ihr Erstaunen über die Fremden, die ihr ein halbes Brot anbieten. Dann langt sie zu und freut sich: »Das ist eine gute Gelegenheit, etwas geschenkt zu bekommen.«

Die Sonne sinkt. Tours ist über 700 Kilometer entfernt. Heiligen-Gebeine liegen auch keine in der Nähe. Wir brauchen jetzt einen passenden Abschluss.

Auf der Wiese hinterm Schafstall ackert ein Mann im Schrebergarten. Zum Plaudern über Gott und die Welt hat er keine Zeit. Doch er hat einen Namen. Er heißt Martin. »Woher kommt ihr?«, fragt er. Nach all den anregenden Gesprächen fällt mir die Antwort jetzt ganz leicht. »Aus Pfullingen.« (GEA)



Das könnte Sie auch interessieren

Alb: Internationale Tagung der Schafexperten

Schäfer haben nicht nur mit der Rückkehr von Wölfen im Land zu kämpfen, sondern auch mit niedriger Bezahlung.

Münsingen (dpa/lsw) - Schäfer klagen seit langem ü... mehr»

Verletzter Elfjähriger kann noch immer nicht befragt werden

Neuss (dpa) - Am Gesundheitszustand des in Neuss l... mehr»

Melone am Strand - Belgien feiert Magritte

«Der Verrat der Bilder» (1929) von René Magritte ist seit Jahrzehnten wieder nach Belgien zurückgekehrt. Foto: Sabine Glaubitz

Brüssel (dpa) - Eine riesige Melone am Strand oder... mehr»

Portugal ruft nach Waldbränden dreitägige Staatstrauer aus

Ein ausgebranntes Auto der Nähe von Vouzela (Portugal). Foto: Tony Dias

Lissabon (dpa) - In Portugal hat heute eine dreitä... mehr»

Spanien senkt Wachstumserwartungen wegen Katalonien-Konflikt

Der Katalonien-Konflikt droht Spanien zu spalten und könnte sich auch negativ auf die Wirtschaft auswirken. Foto: Santi Palacios/AP/dpa

Madrid (dpa) - Die spanische Regierung hat wegen d... mehr»

Mitarbeiter gesucht!
  • Stellenanzeigen werden geladen...


Regionen

Wählen Sie Ihre Region

Karte mit einzelnen Regionen Tübingen Reutlingen Pfullingen Eningen Lichtenstein Über der Alb Neckar und Erms
Aktion

Zeitungspaten gesucht

Zeitung lesen macht schlau! Setzen Sie sich als Zeitungspate dafür ein, dass alle Kinder und Jugendlichen einen kostenlosen Zugang zur Tageszeitung haben.
lesen »
Aktuelle Beilagen