REUTLINGEN. Hausgemachte Energie aus regenerativen lokalen Quellen, eine Fair-Energie ohne EnBW-Beteiligung und ein Engagement der Stadt an der Aktion »Energie in Bürgerhand« sind nach Auffassung der grünen Ratsfraktion wichtige Eckpfeiler für eine zukunftsfähige Energiepolitik der Region Reutlingen. Bei einer Pressekonferenz erläuterten Heide Schnitzer, Gabriele Janz und Rainer Buck zwei Anträge der Fraktion, die dazu beitragen sollen.
Die Grünen betonten die »zentrale Rolle« des örtlichen Unternehmens. Die Fair-Energie sei in der Pflicht und sie habe auch die Möglichkeiten, so Buck.
Die städtische Tochter ist zu 75,1 Prozent in Händen der Kommune. Die Grünen wollen, dass die verbliebenen 24,9 Prozent von der EnBW wieder zurückgekauft werden. Der Grund: Zwischen zwei und drei Millionen Euro Gewinn müssen jährlich an die EnBW überwiesen werden. Geld, das die Kommune gut brauchen könnte. Auch stehen Aufwand und Ertrag für den Energieriesen nach Erfahrung der Grünen in optimalem Verhältnis. »Die EnBW stört nicht, aber sie trägt auch nichts bei«, so Schnitzer. Wer soll die Rekommunalisierung bezahlen? Die Grünen können sich auch eine Bürgergenossenschaft vorstellen, die die Anteile übernimmt.
»Die Stadtwerke haben eine positive Entwicklung genommen«
In zwei Anträgen hat die Fraktion weitere Vorschläge formuliert: Sie beantragt, dass der Gemeinderat die Vertreterin des Gesellschafters, also Oberbürgermeisterin Barbara Bosch, auffordert, sich für den Ausbau der erneuerbaren Energien einzusetzen. Maßgabe soll das Szenario des Vereins Sonnen-Energie Neckar-Alb sein. Das sieht vor, dass das Versorgungsgebiet bis ins Jahr 2030 komplett aus regenerativen Energien gespeist wird.
Die Fraktion beantragt auch, dass die Stadt der Aktion »Energie in Bürgerhand« beitritt: Die Genossenschaft hat von mehr als 3 000 Bürgern bundesweit bislang 20 Millionen Euro auf Treuhandkonten gesammelt. 100 Millionen sollen?s mindestens werden, mit denen sich die Genossenschafter dann in die Thüga AG einkaufen wollen und damit in einen Konzern, an dem überwiegend regionale Versorger in kommunaler Hand beteiligt sind. Mit ihrem Beitritt soll die Stadt Reutlingen »ein Zeichen setzen«, findet Rainer Buck.
Die Grünen machen deutlich, dass man auf lokaler Ebene viel bewegen kann. Dezentralisierung bewirke dabei unter anderem Unabhängigkeit von großen Konzernen und deren Preisdiktat. Die Möglichkeit, den hausgemachten Strom nach Bedarf zu mixen, biete die Chance, ohne Atomstrom auszukommen und die regenerativen Energien zu fördern - am liebsten die aus der Region, auch das ist der Fraktion ein Anliegen.
So gehöre die Windkraft forciert, aber auf der Schwäbischen Alb besser als - was die Fair-Energie auch plant - in weit entfernten Off-Shore-Anlagen in Nord- oder Ostsee. Der Charme der Eigenstromerzeugung laut Schnitzer auch: Sie sichert Arbeitsplätze in der Region.
Die Pressekonferenz nutzten die Fraktionsvertreter auch für einen Rückblick in Sachen städtischer Energiepolitik und Aufsichtsratsarbeit: Neigt sich doch die Amtsperiode in den Kontrollgremien von Fair-Energie und Stadtwerken dem Ende zu. Diese Bilanz fällt sehr positiv aus.
»Wir waren seinerzeit gegen die Ausgründung. Doch wir haben uns getäuscht«, gibt Heide Schnitzer unumwunden zu. Das Unternehmen habe seither eine »positive Entwicklung« genommen. Früher sei man nur Handlanger der Energielieferanten gewesen. »Wir müssen die Fair-Energie loben«, sagt Schnitzer und listet Bemühungen des Unternehmens vom Ausbau der Wasserkraft über die Blockheizkraftwerke bis hin zu attraktiven Angeboten für die Einzelkunden auf.
Rainer Buck erinnerte aber auch daran, dass der hiesige Wandel der Energiepolitik und der lokalen Einsichtsfähigkeit nicht zuletzt gesetzlichen Änderungen, aber auch einem Wertewandel geschuldet seien. »Der Umweltschutz hat heute einen hohen Stellenwert.«
Dass grünes Wirken dazu beibetragen hat, steht für den Fraktionssprecher außer Frage. Ein bisschen Eigenlob dufte natürlich nicht fehlen. »Unser Einsatz hat sich gelohnt.« Die Grünen hätten Themen den Boden bereitet, die heute selbstverständlich seien.
Dass der ökologische Umbau sinkende Energieverbräuche mit sich bringt und damit schrumpfende Renditen für Versorger, soll die Fair-Energie nicht bekümmern. Denn das Unternehmen der Zukunft verkauft nach grünen Konzepten nicht Energie, sondern Dienstleitungen: nicht Gas, sondern Wärme; nicht Strom, sondern Licht.
Contracting heißt hier unter anderem das Zauberwort: Der Versorger baut beispielsweise kostenlos eine neue, moderne Heizung ein. Der Kunde verpflichtet sich im Gegenzug, auf einen längeren Zeitraum trotz geringerem Verbrauch die alte Abnahmemenge zu bezahlen. Beide profitieren und die Umwelt freut sich auch.
Das Prinzip ist für viele Arten von Dienstleistungen denkbar, erläutert Gabriele Janz, etwa bei der anstehenden Rathaussanierung. Ein solcher Vertrag würde ganz nebenbei den gebeutelten Haushalt entlasten.
Dass die Dezentralisierung im Grunde neue Monopolstellungen begründet - die der Gesetzgeber mit der Liberalisierung des Energiemarktes ja brechen wollte - fürchten die Grünen nicht. Mit der Rückkehr in den Schoß von Kommunen und Bürgern geht laut Janz auch die »Demokratisierung der Energieversorgung« einher und damit die Möglichkeit vor Ort zu kontrollieren, was im Unternehmen passiert. (GEA)