Bürgerfest - Oberbürgermeisterin Barbara Bosch nutzt das historische Zeremoniell als politische Plattform und fordert:

Bosch beim Schwörtag: »Wir müssen Stadtkreis werden«

VON ROLAND HAUSER

REUTLINGEN. Der Schwörtag sei nicht nur ein »Fest des demokratischen Frohsinns«, wie in historischen Quellen beschrieben, sondern auch »der deutlichen Worte«, sagte Reutlingens Oberbürgermeisterin Barbara Bosch gestern Mittag am Ende ihrer Schwörtagsrede im Hof des Friedrich-List-Gymnasiums: Das sei früher so gewesen und gelte auch heute noch, merkte sie unmittelbar nach ihrer Schelte in Richtung Stuttgart an.

List-Schüler Arian Rutz übergibt OB Barbara Bosch den Schwörstab.
List-Schüler Arian Rutz übergibt OB Barbara Bosch den Schwörstab. FOTO: Gerlinde Trinkhaus
Wie schon vor knapp zwei Wochen in einer Pressekonferenz, beklagte das Stadtoberhaupt, dass das zuständige Innenministerium unter der Leitung von Thomas Strobl (CDU) bis heute kein förmliches Verfahren zur Prüfung des mit Zwei-Drittel-Mehrheit gefassten Antrags auf Stadtkreisgründung eingeleitet habe: »Ich halte das für empörend«, sagte Bosch erneut, »wegducken gilt in einem Rechtsstaat nicht.«

»Ich erwarte eine Antwort vonseiten des Landes«
 

Der Gemeinderat, das höchste Organ der Stadt, habe das Recht, einen solchen Antrag zu stellen, »und wir haben das Recht, dass sich der Landtag Baden-Württembergs mit diesem Antrag befasst«, so die Rathaus-Chefin weiter. Das könne der Landtag aber nicht, weil er bislang »keine Vorlage des Innenministeriums auf dem Tisch« habe. »Wären wir in einem normalen Verwaltungsverfahren, hätten wir schon längst eine Untätigkeitsklage eingereicht.« Beifall erntete Bosch für ihre Mutmaßung, dass alle - egal ob für oder gegen die Stadtkreisgründung - sich darin einig seien, dass ein solcher Antrag »nicht in einer Schublade versauern« dürfe, sondern »nach Recht und Gesetz abgearbeitet« werden müsse: »Ich erwarte eine Antwort vonseiten des Landes!«, postulierte die Oberbürgermeisterin.

Zuvor hatte Bosch beklagt, dass die Stadt bei drängenden Themen wie der Luftreinhaltung »wenig Stellschrauben« habe. Vielmehr müsse man »die Suppe auslöffeln, nur weil in der großen Politik die Entscheidungen nicht getroffen werden«. Sie freue sich auf die Eröffnung des Scheibengipfeltunnels - »endlich« - im Herbst, für den sie sich persönlich viele Jahre lang eingesetzt habe, aber auch das werde »das Verkehrsproblem nicht auf einen Schlag lösen«. Flankierend seien weitere Maßnahmen erforderlich, von denen einige schon auf den Weg gebracht seien wie der Masterplan Radverkehr oder der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs mit neuem Stadtbuskonzept und Regionalstadtbahn. Aber für diese Aufgaben brauche Reutlingen, wie andere Großstädte auch, die Unterstützung von Bund und Land. Ohne starke Städte sei kein Staat zu machen, so die OB, weshalb der Deutsche Städtetag - dessen Präsidium sie angehört - eine Stärkung der kommunalen Selbstverwaltung fordere. Dazu gehöre eine Finanzausstattung, die den breiten kommunalen Aufgaben gerecht werde und notwendige Investitionen gewährleiste. Für die politische Stabilität im Innern seien zukunftsfähige Städte elementar, sagte Barbara Bosch. Für Reutlingen bedeute dies »ohne Wenn und Aber: Wir müssen Stadtkreis werden, um unsere Aufgaben in voller Souveränität und mit der entsprechenden Finanzausstattung erledigen zu können«.

Begonnen hatte der Schwörtag mit einem weithin hörbaren Weckruf der Turmbläser vom Turm der Marienkirche, gefolgt vom ökumenischen Gottesdienst und dem Umzug der Honoratioren zum ehemaligen »Schwörhof« beim Listgymnasium. Dessen sechste Klassen sorgten unter der Leitung von Musiklehrer und Chordirektor Thomas Preiß, dem jungen Chor des Reutlinger Liederkranzes, »Chooorisma«, und der Stadtkapelle für den musikalischen Rahmen der Schwörtagszeremonie, zu deren zentralen Elementen auch das Fahnenflaigen zählt, mit dem Thomas Walker einmal mehr das Schwörtagspublikum begeisterte.

»Ohne starkeStädte ist keinStaat zu machen«
 

Während es am Schwörtag eher förmlich zugeht und die OB mit goldener Amtskette den historischen Amtseid aus Reichsstadt-Zeiten spricht, war auch dieses Jahr beim Vorabendprogramm am Samstag die Atmosphäre leger. Die Stadtkapelle sorgte unter der Leitung von Jakob Maria Guizetti mit Volksmusik, Rock und Pop für einen beschwingten Einstieg, bevor die »Boiz Bänd« mit Cover-Songs zweieinhalb Stunden lang zum Schwofen animierte. Auch Barbara Bosch legte den Blazer ab und hüpfte in Jeans und T-Shirt zusammen mit Ehemann Friedemann Kuhn und vielen anderen zum Liquido-Hit »Narcotic« im Takt. Mit einer mittelalterlich angehauchten Feuershow klang der - wie das komplette Schwörtagsprogramm - von Steffi Renz moderierte Abend aus.

Der Schwörtag

Reutlingen gehörte bis 1802 zu den Freien Reichsstädten in Deutschland. Der Schwörtag - immer am zweiten Sonntag nach dem 4.Juli - war in der Reichsstadtzeit das zentrale politische Ereignis. Die in Zünften organisierte Bürgerschaft wählte jedes Jahr nach der Verfassung von 1374 die eigene Regierung eines kleinen Stadtstaates: die Bürgermeister, den Senat, den Magistrat und die Amtsträger der zwölf Zünfte. Die Vereidigung der Bürgermeister und die Vereidigung der Bürgerschaft auf die neue Stadtregierung standen am Ende der Schwörwoche.

Quelle: Stadt


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Traditionelles Bürgerfest

Schwörtag Reutlingen

Schwörtag Reutlingen 2017
FOTO: Gerlinde Trinkhaus
 

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