Initiative - Die »Köpfe für Reutlingen« wollen helfen, die Stadt voranzubringen. Wolfgang Riehle ist einer von ihnen

»Köpfe für Reutlingen«: Eine Art Liebeserklärung

VON ROLAND HAUSER

REUTLINGEN. »Köpfe für Reutlingen« nennt sich ein neuer Verein, der - wie jüngst berichtet - »noch mehr Lebensqualität, mehr Dynamik und mehr Vielfalt in Reutlingen erreichen« möchte. Und der nun, beginnend mit einer Auftaktveranstaltung am Dienstag, 18. Juli, um 19.30 Uhr im Kunstverein weitere Mitstreiter sucht - oder, um im Bild zu bleiben: Köpfe, denen Reutlingen ebenso am Herzen liegt wie den Gründungsmitgliedern und die ebenfalls der Meinung sind, dass die kleinste baden-württembergische Großstadt »mehr kann«, als man ihr gemeinhin zuzutrauen scheint.

Architekt Wolfgang Riehle ist einer der »Köpfe für Reutlingen«, die Reutlingen mit neuen Impulsen zu mehr Profil verhelfen möchten.
Architekt Wolfgang Riehle ist einer der »Köpfe für Reutlingen«, die Reutlingen mit neuen Impulsen zu mehr Profil verhelfen möchten. FOTO: Markus Niethammer
Architekt Wolfgang Riehle, 64, ist Reutlinger aus Überzeugung und einer jener Köpfe, die sich dem Vereinszweck bereits verschrieben haben. Veranlasst dazu hat ihn nicht so sehr eine »Vision davon, wie wir Reutlingen konkret entwickeln wollen«, sondern vielmehr die ernüchternde Wahrnehmung, dass sich Reutlingen - wie es auch in einem GEA-Interview mit OB Barbara Bosch vom Dezember thematisiert war - »unter Wert verkauft«. Mehr noch: »Reutlingen wird von vielen Reutlingern auch 'runtergeredet.« Er selbst jedenfalls verstehe, so Riehle, die Vereinsgründung »ein Stück weit als Liebeserklärung einer Bürgerbewegung« an die Echazmetropole.

Man wolle damit keine Kritik an den anderen Akteuren üben - weder an Stadtverwaltung oder Gemeinderat noch an jenen, »die in ähnlicher Richtung mit zum Teil noch klarerem Profil arbeiten« wie die Einzelhandelsinitiative für ein attraktives Reutlingen, »RT aktiv«, oder das Stadtmarketing (StaRT).

»Für das jüngere Drittel der Bevölkerung bietet Reutlingen zu wenig«
 

Es gehe den »Köpfen für Reutlingen« darum, »eine positive Grundstimmung wieder zu erwecken«, die untergegangen zu sein scheint in der Vielzahl eher negativer Umstände. Als da wären: die Stickstoffdioxidproblematik, regelmäßige Verkehrsstaus, Zweifel an der Entlastungsfunktion des Achalmtunnels, mangelnde Fahrradtauglichkeit, die Kostenüberschreitung beim Theater-Neubau, »das von andauernden Geburtswehen geplagte Hotel bei der Stadthalle« oder der »die Altstadtkulisse und die Eingangsfassade der Stadthalle verdeckende Erschließungskubus« samt marodem Stummelsteg.

Letztendlich seien das jedoch, so Wolfgang Riehle, lösbare Probleme, die »die wahren Potenziale verdecken, die Reutlingen hat«. Reutlingen, das ist in seinen Augen die geschichtsträchtige Großstadt im deutschen Südwesten schlechthin mit einer Hochschule, die einen erstklassigen Ruf genießt, und ein Hightech- und Forschungsstandort mit hoher Wirtschaftskraft. Reutlingens Kulturszene sei hochrangig und vielfältig, die »Infrastruktur bei Bildung und Sozialeinrichtungen« leistungsfähig und differenziert. Seine Lage sei topografisch und landschaftlich reizvoll, attraktive Nachbarstädte dienten als »synergetische Ergänzung«, als attraktiver Wohnort sei Reutlingen stark nachgefragt. Dennoch hat die Stadt seiner Einschätzung nach ein Problem damit, dieses Profil positiv zu vermarkten.

»Das allergrößte Pfund, mit dem wir wuchern können« und für Wolfgang Riehle »der Grund, weshalb ich hier lebe«, ist die Lage in der Mitte zwischen der leistungsstarken Metropolregion Stuttgart (der Reutlingen bedauerlicherweise nicht angehöre) auf der einen und der Schwäbischen Alb mit ihrem hohen Freizeitwert auf der anderen Seite.

Dass es dennoch schwierig ist, insbesondere junge Leute anzulocken, diese Erfahrung hat der Architekt mit Büros in Reutlingen und nun auch Stuttgart als Arbeitgeber selbst gemacht, und sie schmerzt ihn. Reutlingen biete »für das jüngere Drittel der Bevölkerung« zu wenig - insbesondere auch abends und nachts, während die Stadt ein »solides Angebot für Menschen mittleren und höheren Alters« habe. Ein Ansatz könnte für ihn deshalb sein, ganz speziell für die Zielgruppe der 15- bis 35-Jährigen und vor allem Studenten etwas zu tun.

Auch wenn Riehle am Hohbuch-Campus als Lernort nicht rütteln möchte, so würde er sich - nicht als Einziger - doch über mehr studentisches Leben in der Innenstadt freuen. Dazu könnte, nur zum Beispiel, ein »Fahrradschnellweg« dienen, der beides verbindet - immer vorausgesetzt, studentische Angebote im Zentrum üben die nötige Anziehungskraft aus. »Es wäre aber auch gut, wenn die Hochschule mit bestimmten Angeboten selbst in die Innenstadt ginge, wodurch es dann ja zu einem Austausch kommt.«

»Wir wollen kein Meckerverein sein, auch kein Nebenparlament«
 

Ein anderes Beispiel: Metzingen. Er sei ja selbst betroffen, sagt Riehle, weil sein Büro die Outletcity seit 15 Jahren zusammen mit der Holy AG gestalte. Und deswegen sei es für ihn unverständlich, »weshalb man sich in Reutlingen gegen dieses Metzingen so vehement wehrt, statt einen Schulterschluss zu suchen, und es wie Tübingen oder die Schwäbische Alb als Geschenk anzunehmen, dass man etwas zu bieten hat in dieser Raumschaft.«

Statt gemeinsam die Erlebnisqualität und Attraktivität der Region zu steigern, versuche man, sich gegenseitig kurz zu halten. »Das ist für mich die falsche Antwort«, sagt Wolfgang Riehle. Auch wenn man jetzt einen »ordentlichen Kompromiss gefunden hat«, sei es noch nicht so weit, dass man sich als Städtenachbarn freudig frage: »Was könnten wir Besuchern, die auf der Durchreise an den Bodensee, in die Alpen oder nach Italien sind, hier als Zwischenstation bieten?«

»Wir wollen kein Meckerverein sein«, betont der Beiratsvorsitzende von »Köpfe für Reutlingen«, und auch kein »Nebenparlament«. Statt dessen wolle man das »persönliche Gewicht, das der eine oder andere von uns hat, im positiven Sinne einbringen«, um der aktuellen, als eher negativ empfundenen Grundstimmung entgegenzuwirken.

Wer etwas erreichen wolle, müsse natürlich auch die richtigen Ansprechpartner haben - und dazu zähle für ihn auch der Gemeinderat, sagt Riehle, dem in Reutlingen »grundsätzlich vieles einfach zu langsam geht«. Das betreffe auch Projekte, die beschlossen sind, und vielleicht könne die Initiative hier ja »als Beschleuniger wirken«.

»Ich verstehe nicht, warum man sich gegen Metzingen so wehrt«
 
Ohne bereits jetzt zu wissen, was wie konkret vorangebracht werden kann, hat der Verein zehn Thesen für Reutlingen formuliert - von »mehr Profil« über »mehr Vernetzung« und »mehr Jugend« bis zu »mehr Dynamik und Bewegung« - die Wolfgang Riehle bei der Auftaktveranstaltung im Kunstverein detailliert vorstellen wird (siehe Infobox). Hauptzweck dieses »Zukunftsforums« sei die Mitgliedergewinnung, denn der Verein lebe letztendlich von seinen künftigen Mitgliedern, die sich idealerweise wie die Gründer als Persönlichkeit, als »Kopf« outen und sich zu Reutlingen bekennen.

Der Veranstaltungsort in der Reutlinger Eberhardstraße 14 wurde, abgesehen vom Heimvorteil - Wolfgang Riehle ist Vorsitzender des Kunstvereins -, strategisch gewählt: nämlich am Schnittpunkt zweier »wichtiger Orientierungsachsen«, die Entwicklungspotenzial bergen. In nordsüdlicher Richtung verläuft entlang der Echaz, die der Architekt am liebsten noch viel »erlebbarer« machen würde, die »Kulturachse«, beginnend mit dem Programmkino Kamino über Volkshochschule, Spendhaus, Stadthalle, Theater-Neubau zum Kulturzentrum franz.K.

In ostwestlicher Richtung kreuze sich, so Riehle, die Kulturachse am Wandelknoten »mit der Bahnlinie und den Verkehrsadern, die uns vernetzen mit Stuttgart, Tübingen, Metzingen und der Schwäbischen Alb«. Und schließlich sei das markante Backsteingebäude, in dem der Kunstverein residiert, »Raum bildender Teil« der »neuen Mitte« Reutlingens mit dem Bürgerpark.

»Wenn wir für jede unserer Thesen nur eine Initiative auf den Weg bringen könnten, dann wäre schon sehr, sehr viel geschaffen«, glaubt Riehle. Und da es nicht gelingen werde, alle Themen auf einmal anzugehen, gelte es nun zu Beginn, Prioritäten zu setzen.

Auftakteranstaltung

»Reutlingen kann mehr« ist das »Zukunftsforum« überschrieben, mit dem der neue Verein »Köpfe für Reutlingen« am Dienstag, 18. Juli, Menschen an-sprechen möchte, die mitwirken und »die Zukunft der Stadt in die eigenen Hände nehmen wollen«, wie der Vereinsvorsitzende Reiner App es formuliert. Architekt Wolfgang Riehle wird dabei »zehn Thesen für die Zukunft von Stadt und Region« vorstellen und so zur anschließend vorgesehenen Diskussion anregen. Den Abschluss der Auftaktveranstaltung, die um 19.30 Uhr beim Kunstverein in der Eberhardstraße 14 beginnt, bildet ein »Come Together bei Sound« mit »Drink + Fingerfood«. Auf Deutsch: Man steht bei Musik von der Eva-Winter-Band locker beisammen, trinkt ein bisschen etwas und verzehrt Häppchen. Anmeldung per E-Mail ist erbeten. (rh)

info@koepfefuerreutlingen.de



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