Pfullingen / Eningen / Lichtenstein
Wasserkraft - Konrad Eckert macht in der Unteren Mühle in Honau Strom für 25 Haushalte

Wasserkraft: Der Wasserrädlesnarr

Von Uwe Sautter

LICHTENSTEIN. Das muss man schon abkönnen. Konrad Eckert und seine Familie können es. Denn das Surren des Generators ist im gemütlich eingerichteten Wohnzimmer des ehemaligen Holzelfinger Pfarrers allgegenwärtig - und nicht nur dort. Davor können auch die dicken Tuffsteinmauern nicht schützen - die Eckerts nicht und die unzähligen Generationen von Vorbesitzern auch nicht. Die Untere Mühle in Honau verrichtet seit Jahrhunderten deutlich hörbar ihren Dienst und ist der Beleg dafür, dass die Wasserkraft hier kurz nach der Quelle der Echaz schon lange zu Hause ist.

Konrad Eckert am Einlasskanal für sein Wasserkraftwerk. GEA-FOTO: SAUTTER
Konrad Eckert am Einlasskanal für sein Wasserkraftwerk. FOTO: Uwe Sautter
Im Jahr 937 hat König Otto I neben der königlichen Fischgerechtigkeit dem Priester Hartbert von Pfullingen und späteren Bischof von Chur auch die Untere Mühle in Honau geschenkt. Alles deutet darauf hin, dass es dieselben Mauern sind, in denen die kleine Wasserkraftanlage der Eckerts heute seit Jahrzehnten problemlos ihren Dienst verrichtet.

Die Wasserkraft war für Jahrhunderte die Triebfeder für die wirtschaftliche Entwicklung der Gemeinde. Sie war im engen Talabschluss der Echaz mit seinen beschränkten landwirtschaftlichen Flächen die Lebensgrundlage für viele Einwohner. Das änderte sich erst, als die billigen fossilen Energieträger das Gesicht der Welt rasant veränderten. Von Mühlen und Wasserrädern wollte da niemand mehr etwas wissen.

Erhalt der Schöpfung

»Wasserrädlesnarren«, den Spitznamen hatten die Eckerts dann auch schnell weg, als sie 1983 die »Untere Mühle« kauften und anfingen, das in die Jahre gekommene Wasserkraftwerk samt seinem Zulauf zu sanieren. Eckert, gelernter Elektromechaniker, der später Theologie studierte, war da gerade mit seiner Familie aus Indonesien zurückgekommen. Zwölf Jahre hatte er dort mit weiteren Pfarrern eine Gemeinde mit 30 000 Mitgliedern betreut. Jetzt war er auf der Suche nach einem neuen Heim.

»A bissle was« hatte die Familie gespart und wollte das Geld sinnvoll anlegen. Ein Freund, mit dem Eckert unter anderem im Entwicklungsdienst in Nepal unterwegs gewesen war, hatte sich eine Mühle gekauft. »Wir könnten ja auch ein Wasserkraftwerk betreiben«, war der Gedanke. Mit wirtschaftlichen Überlegungen hatte die Entscheidung zum Kauf des Honauer Anwesens nichts zu tun. »Damals gab's drei Pfennig für die Kilowattstunde«, erinnert Eckert an die Zeit, in der nur wenige mit dem Begriff Energiewende irgendetwas anfangen konnten. »Ich habe gedacht, wir machen das, was wir verbrauchen können«. Ein kleiner Beitrag zum Erhalt der Schöpfung, nicht mehr, aber auch nicht weniger, sollte es sein.

Rund 25 vierköpfige Familien versorgt der Generator heute. 120 000 Kilowattstunden liefert die Kraft des Echazwassers quasi frei Haus. Und das ziemlich konstant. Etwa 860 Liter in der Sekunde kommen im Jahresmittel im Kanal an und nur in wirklich trockenen Sommern geht die Leistung der Anlage um etwa 30 Prozent zurück.

Wenig Aufwand

Das Wasserkraftwerk befindet sich in einem sehr guten Zustand, bescheinigt der Regionalverband in seiner Studie »Wasserkraftnutzung in der Region Neckar-Alb« vom April 2011 dem ehemaligen Holzelfinger Pfarrer. Das Lob geht an ihn und seinen Sohn. Denn das meiste, was an der Anlage zu tun ist, machen die beiden selbst. Früher ist Eckert nach Feierabend in den Blaumann gestiegen. Heute läuft die Anlage die meiste Zeit rund, vorausgesetzt sie ist gut geschmiert. Der Aufwand ist gering, sagt Eckert, »vielleicht in der Woche eine Stunde.« Die meiste Arbeit macht das Reinigen der Rechenanlage.

Eckert lobt die gute Zusammenarbeit mit den Behörden. Die Diskussion über die Durchgängigkeit der Gewässer verfolgt er aufmerksam und weiß, seine Anlage hat keine Fischtreppe. Er weiß aber auch, dass früher die Echaz über einen Wasserfall in die Tiefe stürzte. Dreißig Meter Höhenunterschied müssten jetzt auf kürzester Distanz mit einem Bauwerk durchgängig gemacht werden. »Das ist nicht möglich« - dass das Wasserkraftwerk im Familienbesitz weitere Jahrzehnte deutlich hörbar seinen Dienst verrichtet, schon eher. Erkennt doch Eckert am Geräusch, ob's der Anlage gut geht. Heute noch schreckt er hoch, wenn sich der Geräuschpegel ändert. »Dann bin ich der Erste, der nach dem Rechten schaut.« (GEA)

Wasserkraft an der Echaz


Der Wasserkraft kommt an der Echaz bereits seit dem Mittelalter eine hohe Bedeutung zu. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden an ihr 70 Mühlenstandorte gezählt. Um dem Wasserbedarf für die Nutzung gerecht zu werden, wurde etwa in Pfullingen für die Verteilung ein System von Kanälen errichtet, von denen heute noch der 3/8-Kanal sowie der 5/8-Kanal, die eigentliche Echaz, erhalten sind.

Die Studie des Regionalverbandes Neckar-Alb zur Nutzung der Wasserkraft weist von der Quelle in Honau bis zur Mündung in den Neckar bei Kirchentellinsfurt 44 Standorte für bestehende und mögliche Wasserkraftwerke aus. Davon sind heute 20 in Betrieb und damit das Potenzial annähernd ausgeschöpft. Nach einer Analyse der Standorte ließe sich aber nach Berechnungen des Regionalverbandes die Energiegewinnung an der Echaz mit Wasserkraft durch Revitalisierung alter Standorte und Neuanlagen um rund 23 Prozent steigern. (GEA)

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