Pfullingen / Eningen / Lichtenstein
Mobilität - Das Radeln im Winter bringt seine ganz eigenen Herausforderungen mit sich, ist aber meist machbar

Radeln im Winter: Balance auf knirschendem Schnee

VON ARMIN KNAUER

ENINGEN/REUTLINGEN. Zugegeben, lange habe ich's so gemacht wie die meisten: das Rad Ende Oktober in die Ecke gestellt und Ende März wieder vorgeholt. Bis mir auffiel, dass in der radlosen Zeit mein empfindliches Knie (ein Andenken an meine Zeit als Jugendfußballer des TSV Dettingen) besonders häufig zickte. Ob es an der mangelnden Bewegung lag? Probeweise radelte ich Ende Oktober einfach mal noch eine Weile weiter. Und noch eine Weile. Und noch eine. Und plötzlich war schon wieder Frühjahr.

Radwege verwandeln sich im Winter zuweilen in Schlittschuhbahnen. Sehr ungemütlich: Nasser Schnee, in dem Spuren von Autoreifen über Nacht zu bockelharten Rinnen festfrieren. FOTO: FOTOLIA
Radwege verwandeln sich im Winter zuweilen in Schlittschuhbahnen. Sehr ungemütlich: Nasser Schnee, in dem Spuren von Autoreifen über Nacht zu bockelharten Rinnen festfrieren. FOTO:  Fotolia
Seither bin ich etliche Winter geradelt und finde es oft sogar angenehmer als im Sommer, wenn man sich schweißgebadet durch Mückenschwärme kämpft. Ganz ungestreift ging es allerdings auch nicht ab. Bilanz nach rund zehn Wintern als Radpendler von Eningen in die Redaktion nach Reutlingen: zwei Stürze ohne Verletzung, einer ohne Spikes auf Glatteis, einer mit Spikes auf schmierigem Schnee; eine durchgerostete Stahlfelge, ein korrodierter Gepäckträger und ein Satz durchgerosteter Speichen durch Streusalz; ein abgeradelter Satz Spikesreifen (das zweite Paar ist aktuell in Gebrauch); Dutzende durchgebrannter Halogenbirnchen bis zur Erfindung der LED-Leuchte.

Generell bietet auch der Sommer inzwischen hinreichend Wetterextreme (Hagel, Gewitter, Starkregen), aber der Winter hat doch noch ein paar Extras auf Lager. Die aktuelle Saison fing mit tagelangem Dauerregen knapp über dem Gefrierpunkt an, gerne mit strammem Wind ins Gesicht. Sagen wir mal: Da spürt man doch die Atmosphäre!

Dafür fiel zuletzt der Saisonbeginn-Willkommensschneefall aus. Der stürzte sonst verlässlich die Region Anfang November ins Chaos. Üblicherweise habe ich mich dann auf zwei Rädern durch den Neuschnee gekämpft wie ein Schaufelradbagger durchs Lausitzer Braunkohlerevier, nur eben alles in Weiß. Meistens war ich trotzdem schneller da als die Auto fahrenden Kollegen.

Das tückischste Problem im Winter: Streusalz. Es zerfrisst alles am Rad, was aus Eisen besteht. Und das ist selbst heute noch oft mehr, als man denkt. Weshalb ich nicht mit meinem schicken Sommerrad durch die Natriumchloridlauge pflüge, sondern mit einem gebraucht erstandenen Hollandrad Marke »Horizon«. Eigentlich ist der Schwerpunkt dieses Gefährts zu hoch und die Reifenbreite zu schmal, dafür ist die altmodische Dreigang-Nabenschaltung völlig unempfindlich gegen Nässe und Schneematsch.

Die Kälte, Alptraum aller Sommerradler, ist hingegen das kleinste Problem im Winter. Man hülle sich von Kopf bis Fuß in Kleidung, die mit Goretexfolie präpariert ist, damit lässt sich kaltem Fahrtwind bis in die Minusgrade trotzen. Entsprechende Klamotten gehören im Outdoor-Bedarf inzwischen zum Standard, auch entsprechend ausgerüstete Handschuhe und Stiefel bekommt man fast überall.

Unverzichtbar: eine Fahrradbrille, bei kaltem Fahrtwind tränen sonst die Augen. Das Problem: Die einschlägigen Modelle wollten nicht über meine Brille passen. Kann sein, dass die Branche nachgerüstet hat; fündig wurde ich indes, wo Männer immer fündig werden: im Baumarkt. In der Abteilung Schutzbrillen fand sich neben martialischen Splitterschutzmasken auch ein Exemplar, das Radbrillen ähnelt - es passte über die Brille!

»Euphemisten sprechen von positiver Durchblutungswirkung«
 

Einen Gesichtsschutz, der die Brille nicht anlaufen lässt, habe ich hingegen bis heute nicht entdeckt. Also fahre ich ohne. Bei 20 Minuten Bergabstrecke hat das bislang noch zu keinen erkennbaren Erfrierungen geführt, auch nicht bei Minus 10 Grad. Im Zweifelsfall half eine Überlebenstechnik der Inuit, auf die ich sinnigerweise im Wartezimmer meines Hausarztes stieß. Sie wurde in einer Grönland-Reportage der Zeitschrift »Mare« beschrieben: Vom Erfrieren bedrohte Hautpartien rubbelt man alle paar Minuten sanft ins Leben zurück.

Früher als die Haut stellte die Gangschaltung meines früheren Winterrads den Betrieb ein. Unter Minus sechs Grad froren Kleinteile im Schaltmechanismus fest - weshalb ich mehrfach in einem absurd kleinen Gang bergab radelte. Auch da sticht das Dreigang-Hollandrad: Die dreißig Jahre alte Nabenschaltung kennt keine Kleinteile, die festfrieren könnten.

Bewährt haben sich Spikesreifen, auch wenn jedes Paar in der Anschaffung die Hundert-Euro-Marke gesprengt hat. Von Januar bis März verwandeln sich bei unserem Klima Nebenstraßen und Radwege gern in Rutschbahnen: Tagsüber taut's, nachts gefriert der Sabber fest. So was ohne Spikes zu befahren, ist unweise. Noch pikanter ist Pappschnee, in dem Spuren von Autoreifen über Nacht zu bockelharten Rinnen festfrieren. Da fühlt man sich beim Befahren gelegentlich wie ein Hochseilartist auf zwei Rädern.

»Bei Schnee helfen die Spikes nicht, da kommt es auf ein gutes Profil an«
 

Das Gute an den Spikesreifen ist, sie halten erstaunlich lange. Selbst wenn man damit auf Asphalt fährt, dauert es ewig, bis sich die Stahlzähnchen abraspeln.

Es lässt sich im Übrigen auch gar nicht vermeiden, genau das zu tun. Und es fährt sich gar nicht so übel mit Spikes auf Teer. Es knirscht halt ein bisschen, als fahre man über Kies. Bei Schnee helfen die Spikes allerdings nicht, da kommt es auf ein gutes Profil an - und auf die Balance. Ob Schnee oder Eis: Eine gewisse akrobatische Komponente bleibt immer übrig. Und Bodenkontakt immer eine Option.

Am härtesten ist jedoch die Nässe. Dank Golfstrom und Klimawandel prasselt der winterliche Niederschlag in diesen Breiten meist flüssig hernieder, fast der komplette November hat's wieder gezeigt. Bei Regen um die null Grad ist es oberstes Gebot, unter den Klamotten trocken zu bleiben. Obenrum klappt das mit einem guten Anorak meist gut - dass man im Gesicht hinterher aussieht, als hätte man die Niagarafälle durchquert, ist die andere Sache. Euphemisten sprechen von positiver Durchblutungswirkung.

Am ärgerlichsten ist, dass die meisten Winterstiefel Nässe durchlassen, wenn sie von oben durch die Schnürung dringt. Das hat mir schon mehrfach durchweichte Socken eingetragen. Vermutlich helfen nur Gummistiefel wirklich. Es hat seinen Grund, dass sie in Bergen an der Westküste Norwegens zum Alltag gehören, wo es an vier von fünf Tagen schüttet.

Bleibt der Umstand, dass man im Winterhalbjahr ständig durchs Dunkel radelt. Wahlweise durch Nebel, Schnee oder Dämmerung. Da man gegenüber vierrädrigen Kollisionspartnern immer den Kürzeren zieht, hilft nur, sich auffällig zu machen. Prinzip Weihnachtsbaum sozusagen: leuchten und reflektieren, wo es geht. Die Christbaumspitze gibt der reflektierende Helm ab; reflektierende Jacke, Überziehriemen oder Warnweste sind die Christbaumkugeln. Dank LED-Technik lässt sich das Ganze inzwischen mit starken, langlebigen Scheinwerfern abrunden. Vorbei die intensiven Erlebnisse, da man bei Minusgraden unter der funzeligen Straßenlaterne am havarierten Halogenbirnchen fummelte.

Bewährt hat sich ein Nabendynamo. Mit »Außenborder« zu fahren, zusätzlich zu den Spikes, ist möglich, ich hab's mehrere Winter praktiziert. Dank der kombinierten Bremswirkung von Dynamo und Spikes ist der Trainingseffekt enorm. Allerdings kommt man kaum mehr vom Fleck. Das hat irgendwann genervt und ich stellte um. Dafür muss ich jetzt zur Gymnastik, um mich fit zu halten.

Stürze, Glätte, Eisregen - vielleicht ist das Radeln im Winter etwas dramatisch rübergekommen. Klar, man sollte seine Antennen noch mehr schärfen als im Sommer; aber viele Fahrten sind gar nicht so arg spektakulär. Man hat weniger Licht als im Sommer, dafür auch weniger Konkurrenz auf dem Radweg. Es ist kalt, aber man hat viel frische Luft - eine Wohltat nach einem Tag im stickigen Büro.

Und dann gibt es ja auch noch die Tage, die sowieso alles aufwiegen. Das Gefühl, an einem frostklaren Morgen über knirschenden Schnee zu radeln, das ist nun wirklich durch nichts zu ersetzen. (GEA)

Radeln im Winter

Radeln auch Sie im Winter unverdrossen zur Arbeit oder in Ihrer Freizeit? Und haben Sie Tipps, wie man sich als Allwetterfahrer das Leben leichter machen kann? Schicken Sie uns per E-Mail solche hilfreichen Hinweise. Wir werden sie veröffentlichen, damit auch andere Radler gut durch die kalte Jahreszeit kommen. Einsendeschluss: Dienstag, 5. Dezember. Die Adresse:

region@gea.de

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