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Hochwasser und große Schäden nach Unwetter

Von Petra Schöbel

PFULLINGEN. Nach unwetterartigem Regen und Hagel ist am späten Freitagabend der Eierbach in Pfullingen aus seinem Bett gequollen und hat weite Teile der Pfullinger Innenstadt überflutet. Ganze Straßenzüge standen unter Wasser. Da auch das Pfullinger Feuerwehrhaus von der Echaz geflutet wurde, bat die Feuerwehr sehr bald um Unterstützung: Insgesamt 14 Feuerwehren aus dem ganzen Landkreis Reutlingen sowie aus Mössingen und Tübingen halfen bei der Beseitigung der Schäden. Insgesamt waren 261 Feuerwehrleute in Pfullingen im Einsatz.

FOTO: Markus Niethammer
Um 22.10 Uhr ging am Freitagabend der erste Alarm bei der Pfullinger Feuerwehr ein. »Bereits um 22.30 Uhr hat Stadtbrandmeister Dietmar Rall in Abstimmung mit Bürgermeister Michael Schrenk für die Stadt den Ausnahmezustand angeordnet«, berichtet Stephan Wörner, der bei der Feuerwehr für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist, am Samstagvormittag. Kurz darauf hatten Echaz und Eierbach ihren höchsten Pegelstand – zwei Meter über normal, nach Angaben von Wörner – erreicht.

Die Regen- und Hagelmassen hatten vor allem den Eierbach – der sonst nicht viel mehr als ein Rinnsal ist – in kürzester Zeit anschwellen lassen, dass er förmlich aus seinem Bett heraussprang. Das Wasser verwandelte die Gönninger Straße in einen reißenden Strom und sammelte sich dort am tiefstgelegenen Punkt, im Bereich des Friedrich-Schiller-Gymnasiums. Etliche Autos, die dort auf den öffentlichen Stellplätzen geparkt waren, schwammen in den Fluten und liefen zum Teil auch voll.

Das Wasser stand dort mindestens 1,50 Meter hoch. »Es hatte fast die Höhe der Autodächer erreicht«, beschreibt es Wörner. Deshalb sind in diesem Bereich nicht nur Keller, sondern sogar Wohnungen geflutet worden. Im Treppenhaus eines Gebäudes waren kurzzeitig Personen vom Wasser »gefangen«. »Das war deshalb etwas gefährlich, weil sich auch der Stromkasten dort unten befand«, erklärt der stellvertretende Kommandant Volker Hecht. Dort und auch an anderen Stellen mussten die Stadtwerke zunächst die Stromzufuhr unterbrechen, damit die Menschen gefahrlos gerettet werden konnten.

Tiefgaragen vollgelaufen

Hochwasser in der Region nach schweren Unwettern
Hochwasser in Pfullingen. FOTO: Markus Niethammer
Dramatisch war auch die Situation in der Gönninger Straße: Im Bereich vor dem Friedrich-Schiller-Gymnasium stand das Wasser rund 1,20 Meter hoch und fand seinen Weg bis in Erdgeschosswohnungen hinein. Mehrere dort geparkte Autos wurden mitgerissen, in manche lief das Wasser hinein.

Überall in der Innenstadt waren Tiefgaragen vollgelaufen. Erneut stand auch die Sporthalle des Friedrich-Schiller-Gymnasiums wieder unter Wasser, sie war beim Hochwasser 2013 schon einmal betroffen. Auch in die Kurt-App-Halle soll das Wasser wieder hineingeflossen sein. Betroffen war ebenfalls wieder das Pfullinger Feuerwehrhaus, das sehr nahe an der Echaz steht. Auch im Bereich des Aldi-Markts, der nicht weit vom Feuerwehrhaus entfernt ist, soll es Überflutungen gegeben haben.

Feuerwehren aus dem ganzen Landkreis eilten ihren Pfullinger Kollegen zu Hilfe. Bis in den Samstagmorgen hinein wurden Tiefgaragen und Keller ausgepumpt. Die vorher überfluteten Straßen sind von einer dicken Schlammschicht überdeckt.

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Hochwasser in der Region nach schweren Unwettern

Hochwasser in der Region nach schweren Unwettern
Aufräumarbeiten nach den Unwettern in der Region. FOTO: Markus Niethammer
 

Schrenk: "Es sieht verheerend aus"

Ein ähnliches Bild bot sich in der Schlossstraße und der Griesstraße. Beide Straßen wurden vom Eierbach überflutet, Keller und Tiefgaragen liefen voll. Auch dort gerieten Autos ins Schwimmen. Das Wasser hatte eine solche Kraft, dass es das Geländer, von dem das Bachbett in der Schlossstraße begrenzt wird, einfach flachgelegt hat. Zuvor hatten sich darin viel Laub und Äste, die vom Hagel von den Bäumen geschlagen worden waren, festgesetzt.

»Es sieht verheerend aus im Stadtgebiet«, sagte Bürgermeister Michael Schrenk in der Nacht der Deutschen Presseagentur. Besonders öffentliche Gebäude wie Sporthallen und ein Museum seien betroffen. »Es sind großflächig große Schäden entstanden.« Viele Menschen würden erst am Morgen sehen, was die zu Strömen angeschwollenen Echaz und der Eierbach angerichtet haben.

Echaz tritt über die Ufer

Hochwasser in der Region nach schweren Unwettern
Hochwasser in Pfullingen. FOTO: Petra Schöbel
In einem Haus in der Griesstraße, bei dem ebenfalls der Keller vollgelaufen war, roch es am späten Abend brenzlig. Dort waren nach einem Kurzschluss offenbar Kabel angeschmort oder ähnliches. Die Bewohner wurden kurzzeitig evakuiert und konnten das Haus erst wieder betreten, als der Strom abgeschaltet war. Weil in dem Haus auch zwei gehbehinderte ältere Menschen wohnen, wurde das DRK hinzugezogen, um die Senioren aus ihrer Wohnung hinauszubringen. Offenbar weigerten sich die beiden jedoch, das Haus zu verlassen.

Die Echaz trat – wie vor drei Jahren – auch im Bereich Hohe Straße/Gymnasium wieder über die Ufer. Wieder barst ein Fenster der Sporthalle des Friedrich-Schiller-Gymnasiums, das Wasser floss ungehindert hinein. »Dort drin stand es mindestens einen halben Meter hoch«, erklärt Stadtbaumeister Karl-Jürgen Oehrle, der sich zusammen mit Bürgermeister Michael Schrenk noch in der Nacht ein Bild der Lage gemacht hatte. Die Feuerwehr habe alles parat gehabt, um in der Hohe Straße und vor der FSG-Turnhalle Barriere aufzubauen. »Doch die Flut kam zu schnell, das war gar nicht mehr möglich«, betonte Oehrle.

Auch in die Kurt-App-Halle ist wieder Wasser hineingelaufen. »Zum Glück nur wenig«, sagt Bürgermeister Michael Schrenk, »das konnte schnell abgesaugt werden.«
Interessanterweise sei das Wasser von der Hangseite in die Halle hineingedrückt, nicht von der Echaz her, merkte er an. Leichte Wasserschäden gebe es auch in der Turnhalle der Schloss-Schule und in zwei Klassenzimmern dort. »Doch das wird bis Montag wieder getrocknet sein«, meinte Schrenk.

Feuerwehren kämpfen bis zum Samstag

Hochwasser in der Region nach schweren Unwettern
Hochwasser in Pfullingen. FOTO: Petra Schöbel
Im Bereich des Schlosses – wo kurz zuvor der Eierbach in Echaz mündet – sammelte sich ebenfalls wieder Wasser. Dort war die Strömung der Echaz so stark, dass sie die Brücke am Schlosswehr aus der Verankerung hob und beinahe mitriss.

Echazabwärts sorgte etwa die Hälfte der 75 Pfullinger Feuerwehrleute, die in der Nacht zu Samstag im Einsatz waren, dafür, dass das eigene Domizil nicht völlig absoff. »Der Keller war komplett voll«, berichtet der stellvertretender Kommandant Volker Hecht. Es habe nicht mehr viel gefehlt, dann wäre das Wasser auch in die Halle hineingelaufen.
Die zweite Hälfte der Pfullinger Mannschaft war im ganzen Stadtgebiet im Einsatz. Im Minutentakt gingen am späten Freitagabend die Notrufe ein. »Die Leute waren sehr verständig, niemand hat geschimpft, wenn wir sagen mussten, dass sie längere Zeit auf den Einsatz im eigenen Haus oder Keller warten müssen«, betont Michael Schön von der Pfullinger Feuerwehr. Bis Samstagmittag hatte die Feuerwehr rund 250 Einsatzstellen registriert, darunter rund ein Dutzend Tiefgaragen in der ganzen Stadt, die vollliefen und in denen zum Teil die Autos herumgeschwommen sind. In einigen Kellern wurden sogar Heizöltanks aufgeschwemmt, berichtet Stephan Wörner.

»Die Einsatzstellen werden nach Priorität abgearbeitet«, erklärt Hecht. Nachdem die Pfullinger Feuerwehr Unterstützung angefordert hatte, kamen Fahrzeuge und Mannschaften aus 14 anderen Orten, um beim Aussaugen und Abpumpen von Wasser aus Garagen und Kellern zu helfen. »Das hat ganz fantastisch funktioniert«, berichtet Hecht, »die meisten haben sogar ihre eigene Ablösung selbst organisiert.« Im Einsatz waren in Pfullingen auch Führungs- und Unterstützungseinheiten aus Engstingen und Reutlingen. »Diese Kollegen haben uns bei der Koordination der Einsätze unterstützt«, sagt Hecht, das heißt, sie haben Notrufe entgegen genommen, die gemeldeten Orte in die Einsatzpläne eingepflegt und an die Einsatzkräfte weitergegeben.

Bis weit in den Samstagnachmittag hinein waren die Feuerwehren in Pfullingen mit dem Kampf gegen das Wasser beschäftigt.
Eine Schadensprognose wagte Bürgermeister Michael Schrenk am Samstag noch nicht zu stellen. Da ja auch andere Städte und Kommunen im Landkreis von Hochwasser betroffen sind, geht er davon aus, dass sich das Land an der Schadensregulierung beteiligen wird: »Allein werden wir das nicht stemmen können«, betont er.

Keine Menschen verletzt

Hochwasser in der Region nach schweren Unwettern
Hochwasser in Pfullingen. FOTO: Markus Niethammer
Menschen kamen aber in Pfullingen nicht zu Schaden, wie Dietmar All, Kommandant der Feuerwehr Pfullingen berichtete. Allerdings seien fünf Personen im Obergeschoss eines Gebäudes eingeschlossen gewesen, die sich wegen der Gefahr eines Stromstoßes nicht mehr hinaus getraut hätten. Eine Person saß zwei Stunden lang im Aufzug fest. Im Einsatz waren 261 Feuerwehrleute auch aus Nachbarkommunen mit 42 Fahrzeugen.

Nach Auskunft der Feuerwehr waren die Folgen gravierender als die des Unwetters im Jahr 2013. »Eigentlich sind das ruhige Bäche, am Freitagabend war das Wasser allerdings zwei Meter höher als normal«, berichtete ein Sprecher. Fast im Minutentakt gingen Notrufe ein.

Dass kübelartige Regenfälle Rinnsale wie den Eierbach so schnell ansteigen lassen, bezeichnete Zugführer Michael Schön als »brutales Phänomen«. Das sollte eigentlich nur alle 50 Jahre vorkommen. »Die 50 Jahre werden sehr kurz in der Zwischenzeit.« (GEA/dpa))

Überschwemmung in Eningen


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