Pfullingen / Eningen / Lichtenstein
Beratung - Die Pfullinger Psychologin Sandra Hermann hilft Männern, die geschlagen oder gedemütigt wurden

Die verschwiegene Gewalt

VON MARKUS HEHN

PFULLINGEN. Der Mädels-Abend ist bereits in vollem Gange und die Schnulze im Fernsehen läuft auf ihren dramatischen Höhepunkt zu. Die vier Frauen halten sich gegenseitig an den Händen und fiebern mit, wie die hübsche Frau im Film ihrem Mann die ganz große Szene macht. Als sie dem Kerl dann plötzlich eine Ohrfeige verpasst, bricht kreischender Jubel auf dem Sofa aus.

Häusliche Gewalt gegen Männer ist eine gar nicht so seltene Erscheinung. GEA-ARCHIVFOTO: DPA
Häusliche Gewalt gegen Männer ist eine gar nicht so seltene Erscheinung. GEA-ARCHIVFOTO: DPA
Und während die eine gar nicht schnell genug zurückspulen kann, um den Spaß noch einmal zu erleben, greifen die drei anderen Frauen beherzt zu den Süßigkeiten auf dem Tisch vor ihnen. »Immer ein Grund zu feiern«, verkündet zum Abschluss eine gut gelaunte Stimme aus dem Off.

Sandra Hermann versteht zwar die Pointe des Werbespots, das Lachen fällt ihr dennoch schwer. Man stelle sich eine Gruppe Männer vor, die grölt, wenn eine Frau im TV eine gewischt bekommt, gibt sie zu bedenken: »Würden wir denn auch lachen, wenn es anders herum wäre?«

Angst vor Opferrolle

Für die Psychologin aus Pfullingen ist das Video nur einer von vielen Belegen dafür, dass in der Öffentlichkeit Gewalt gegen Männer oft als akzeptabel dargestellt wird. In ihrer täglichen Arbeit erlebt sie, dass Männer nicht selten unter körperlicher und psychischer Gewalt leiden, die sich meistens in den eigenen vier Wänden abspielt.

»Viele Männer wenden sich aber gar nicht erst an eine Beratung«, sagt sie, »weil sie Angst davor haben, dass ihnen nicht geglaubt wird.« Auch der Stereotyp von Männern als das harte Geschlecht verhindert bei vielen, sich ihre Rolle als Geschlagene einzugestehen. »Männer bekommen von Jung bis Alt weniger Hilfe und denken deshalb, sie müssten es mit sich alleine ausmachen.« Wenn sich ein Opfer doch dazu durchringt, Hilfe zu suchen, und zu Sandra Hermann in die Beratung kommt, geht es vor allem darum, Angebote zu machen oder auch einfach ein guter Zuhörer zu sein. Ob es dann am Ende zur Anzeige bei der Polizei oder zu einer Therapie gemeinsam mit der Partnerin kommt, hängt ganz vom Einzelfall ab.

Hermann zeigt auf, was möglich ist, »was dann gemacht wird, entscheiden die Leute aber immer selbst«. Ihre Klienten sind in der Regel 30 Jahre oder älter. Nach oben gibt es dann aber keine Grenze, weder beim Alter noch bei den Formen der Gewalt, mit denen sich die Männer konfrontiert sehen.

Körperliche Gewalt in der Pflege kommt da gleichermaßen vor wie psychische Gewalt in der Beziehung. Dazu gehören Beleidigungen wie »Du Versager«, Drohungen wie »Wenn du das machst, siehst du deine Kinder nie wieder« oder das regelmäßige Kontrollieren des Mobiltelefons.

Netzwerk für Männerberatung

Um noch mehr Männern helfen zu können, ist Hermann im April dieses Jahres dem »Männerberatungsnetzwerk« beigetreten. Auf dessen Homepage finden Betroffene kostenlose Anlaufstellen in ganz Deutschland. Sandra Hermann ist eine von dreien in Baden-Württemberg, die das ehrenamtlich anbieten.

Da die anderen Stellen in Karlsruhe und Heidelberg liegen, hat Hermann von Pfullingen aus ein entsprechend großes Einzugsgebiet. Mangels Bekanntheit halten sich die Anfragen an sie allerdings noch in Grenzen.

Wichtige Öffentlichkeitsarbeit

Das will Hermann aber schnellstmöglich ändern. Öffentlichkeitsarbeit ist ein wichtiger Teil ihres Engagements. »Da sind wir dran«, sagt sie. Unterstützung bekommt die 42-Jährige dabei von Andrea Sautter. Die Rechtsanwältin ist Leiterin der Reutlinger Außenstelle des »Weißen Rings«. Dieser hilft Opfern von Kriminalität – natürlich auch Männern.

Zusammen mit Sandra Hermann will Sautter das Thema der Gewalt gegen Männer mehr in die Öffentlichkeit bringen. »Selbst die Betroffenen haben oft ein falsches Bild davon«, sagt sie. Konkret geht es etwa darum, Flyer bei der Polizei auszulegen. »Das ist so wichtig«, ergänzt Hermann, »damit die Leute wissen, dass sie nicht alleine sind und es Hilfe gibt.«

Wichtig ist den beiden Frauen, zu betonen, dass dies keine Gegenbewegung zu den Angeboten für Frauen sein soll. Sie machen dies am Beispiel der Schutzeinrichtungen deutlich. Während die gut 400 Frauenhäuser in Deutschland staatliche Unterstützung erhalten, sind die vier Unterkünfte, die das Männerberatungsnetzwerk anbietet, ausschließlich privat und durch Spenden finanziert. Es gebe nicht zu viele Angebote für Frauen, sondern zu wenige für Männer, sagen Hermann und Sautter. Mehr Aktion vonseiten der Behörden wäre für sie wünschenswert, aber da fehle es wohl an Geld und politischem Willen.

Deshalb werde auf diesem Feld auch kaum Forschung betrieben. Umgekehrt werde jenes fehlende Wissen dann als Nachweis dafür angeführt, dass es auf männlicher Seite offenbar keinen Bedarf für Schutzunterkünfte gebe. Ein argumentativer Teufelskreis, stellt Hermann enttäuscht fest. Das Problem: »Da fehlt die Lobby und Studien kosten viel Geld.«

Hermann empfiehlt an dieser Stelle den Blick in die europäische Nachbarschaft. Im schweizerischen Brugg gebe es ein Männerhaus, bei dem die staatliche Unterstützung funktioniere. Der Bedarf lasse sich hier klar mit Zahlen belegen: rund 60 bis 70 Anfragen gebe es dort pro Monat.

Mit einem Tabu brechen

Sandra Hermann blickt mit gemischten Gefühlen in die Zukunft. Männliche Gewaltopfer gelten noch immer als Tabu-Thema. Sie weiß, dass es Zeit brauchen wird, bis sich die breite Masse dieser Problematik öffnen wird. »Ich hoffe sehr für alle Beteiligten, dass sich etwas tut«, sagt Hermann. »Denn momentan ist das alles sehr schräg und einseitig. Aber wenn Menschen miteinander leben wollen, darf Hilfe nicht einseitig sein.« (GEA)

www.maennerberatungsnetz.de



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