Oberbürgermeisterwahl - Nürtinger Internet-Nutzer stellen eigene Bewerberin auf. Diese verweigert halbherzig

OB-Kandidatin wider Willen in Nürtingen

Von Hans-Jörg Conzelmann

NÜRTINGEN. Am Sonntag fallen zwei Entscheidungen: Zum einen geht es um die Besetzung des Oberbürgermeister-Postens in der 40 000-Einwohner-Stadt Nürtingen. Im ersten Wahlgang am 9. Oktober konnte keiner der Kandidatin die absolute Mehrheit erreichen.

Idylle in Nürtingen? Von wegen: Die Wahl des Oberbürgermeisters schlägt bundesweit Wellen. FOTO: STADT NÜRTINGEN
Idylle in Nürtingen? Von wegen: Die Wahl des Oberbürgermeisters schlägt bundesweit Wellen. FOTO: STADT NÜRTINGEN
Zum anderen geht es um die Frage, wie künftig Wahlen entschieden werden. Erstmals könnte ein OB-Sessel quasi aus dem Internet heraus besetzt werden - mit einer Kandidatin, die gar nicht antreten wollte und folglich nicht auf dem Wahlzettel steht.

Ihr Name ist Claudia Grau (47). Die gebürtige Heilbronnerin ist Kulturbürgermeisterin in Nürtingen, parteilos und seit Mai 2011 Erste Beigeordnete des Oberbürgermeisters. Vor der Wahl hatte sie mehrfach eine Kandidatur abgelehnt. Sie wolle nicht gegen ihren Chef antreten, sagte die 47-Jährige. »Ich beteilige mich nicht an Wahlaktionen, habe sie weder veranlasst noch in irgendeiner Weise befördert«, versichert Grau auf der städtischen Internetseite.

Nur wenn ihr Chef verzichten würde, würde sich das ändern. »Da Herr Heirich weiterhin zur Wahl steht, stehe ich nach wie vor nicht als OB-Kandidatin zur Verfügung.« Denn Otmar Heirich (60) kandidiert wieder. Der gebürtige Niedersachse ist seit acht Jahren OB in Nürtingen. Zuvor war er Bürgermeister in Lauda-Königshofen. Der gelernte Rechtsanwalt ist seit 1972 SPD-Mitglied.

»Sie kann nicht gegen ihren Chef antreten, da sie loyal ist«
 

Seine einstige Popularität - Heirich war 2004 Stimmenkönig bei der Kreistagswahl - begann mit der geplanten Ansiedlung des Boss-Logistikzentrums zu schwinden. Die Gegner warfen dem OB vor, Fakten zu vertuschen und das Projekt durchdrücken zu wollen. Dass Boss dann selbst einen Rückzieher machte, war für das Ansehen des OBs nicht mehr relevant.

Was die konservativen Kräfte im Gemeinderat nicht schafften, schafften jetzt einfache Internet-User: einen ernsthaften Gegenkandidaten zu finden. In sozialen Netzwerken wie Google+ und Facebook oder per E-Mail-Kette rufen sie die Wähler auf, die Kulturbürgermeisterin zu wählen, auch wenn sie gar nicht will. Mit Erfolg: In der ersten Runde erreichte Grau sechs Prozent. 709 Wahlberechtigte folgten dem Aufruf und schrieben den Namen »Claudia Grau« auf den Stimmzettel, ohne einen der gesetzten Kandidaten in der Liste anzukreuzen.

Sechs Prozent klingt zunächst wenig. Doch inzwischen hat ein Kandidat der Grünen zurückgezogen und seinen Wählern Claudia Grau empfohlen. Er hat rund 10 Prozent der Wähler im Rücken. Und weitere 25,5 Prozent der Stimmen stehen zur Disposition. Sie erhielt Sebastian Kurz, ursprünglich aussichtsreicher Gegenkandidat mit CDU-Ticket und eigentlich größter Heirich-Konkurrent. Er musste jetzt einräumen, Inhalte seiner Internetseite irgendwo abgeschrieben zu haben. Wie sich seine Wähler verhalten, ist unklar. Eine Möglichkeit: Sie werden Grau-Wähler.

Angekurbelt hat die Bewegung Raimund Popp, freischaffender Programmierer und nach eigenen Angaben »Durchschnittsbürger«. Seine aktuelle Spekulation in Facebook: »Frau Grau tritt das Amt an, wenn wir sie wählen.« Dass sie nicht kandidiert, rechnet er ihr hoch an: »Sie kann nicht gegen ihren Chef antreten, da sie loyal ist. Genau das wünsche ich mir die nächsten acht Jahre.«

Dass eine solche Wahl legal wäre, ist in Nürtingen unstrittig. »Ihre Wahl wäre gültig. Sie muss sie dann nur noch annehmen«, bestätigte eine Sprecherin der Stadt. Einzige Voraussetzung für die Gültigkeit der Wahl: der Name Claudia Grau muss auf dem Stimmzettel klar identifizierbar sein.

Der Amtsinhaber bekam bei der Wahl am 9. Oktober mit rund 40 Prozent zwar die meisten Stimmen. Die nötige absolute Mehrheit verpasste er aber klar. Er verbucht dies dennoch als Erfolg und als »gute Basis« für einen zweiten Wahlgang. Da freilich gehen die Spekulationen auseinander. »Das ist ein sehr schlechtes Ergebnis für einen amtierenden Oberbürgermeister. Die Situation ist für den OB brandgefährlich«, sagte der Tübinger Politikwissenschaftler Hans-Georg Wehling der »Stuttgarter Zeitung«.

OB Heirich selbst empfindet die Internet-Aktion als »höchst befremdlich« und »undemokratisch«. Dahinter steckten offenbar Leute »aus der links-alternativen Ecke«, die sich nicht sonderlich für die Wahl interessierten, aber ihren Spaß haben wollen. Zu Claudia Grau habe er nach wie vor ein hervorragendes Verhältnis. »Wir sind ein gutes Team und wollen Nürtingen voranbringen.« Auch Claudia Grau betont, sie habe »einen Auftrag als Bürgermeisterin zu erfüllen«. Inzwischen nehme das Ganze ungute Ausmaße an. »Alle leiden«, berichtet sie aus dem Nürtinger Rathaus.

Bleibt die Frage: Was macht sie, wenn sie gewählt wird? »Dazu sage ich nichts. Das wäre Wahlbeeinflussung«, lautet ihre offizielle Sprachregelung. Doch spricht sie gelegentlich auch davon, sich im Falle einer Wahl der Verantwortung »nicht zu entziehen«.

Ein ähnlich kurioser, aber völlig anders gelagerter Fall geschieht derzeit in der 4 400-Einwohner-Gemeinde Starzach im Landkreis Tübingen. Auch dort bewirbt sich Amtsinhaber Thomas Noé erneut für den Bürgermeister-Sessel im Rathaus. Nur: Das Rathaus will ihn nicht. Seine Mitarbeiter haben ihm 2009 das Vertrauen schriftlich entzogen. Im Rathaus geht es um Mobbing, um den Umgang des Chefs mit seinen Mitarbeitern, um Führungsstil.

Ein Mediationsverfahren brachte vordergründig Linderung, doch erledigt hat sich die Sache nicht. Im Gegenteil. Das zeigt ein höchst bemerkenswerter Vorgang vor wenigen Wochen: Als es um die Ausschreibung der Neuwahlen im Staatsanzeiger ging, sprach der Gemeinderat dem Rathauschef einstimmig das Misstrauen aus.

»Dazu sage ich nichts. Das wäre Wahlbeeinflussung«
 

Man wolle nicht, dass Amtsinhaber Noé ein weiteres Mal kandidiere, heiß es in öffentlicher Sitzung. Kritikpunkte sind mangelnde Führungsqualitäten, aber auch Perspektivlosigkeit und mangelnde Erfolge für den Ort.

Wer als Gegenkandidat antritt, ist noch unbekannt. Ende der Bewerbungsfrist ist der 10. Januar, Kandidatenvorstellung ist am 19. Januar, mögliche zweite Wahl ist am 12. Februar. (GEA)



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