Wetterfolgen - Manuel Straßer lebt als Brennmeister mit und von der Natur und hat turbulente Jahre hinter sich

Hagel, Kirschessigfliege und Frost bedrohen den Schnaps

VON RUTH WALTER

DETTINGEN. »Jammern ist nicht mein Ding«, sagt Manuel Straßer, als er auf die Wetterunbilden der letzten Jahre angesprochen wird: 2013 das starke Hagelunwetter, 2014 das erstmalige Auftauchen der Kirschessigfliege in hiesigen Breiten und nun dieses Jahr die späten Frosttage im April, als Beerensträucher und Obstbäume weitgehend bereits in der Blüte standen und diese daraufhin abstarben. Der 31-Jährige betreibt in Dettingen eine Brennscheuer, wo er aus Obst und Beeren hochwertige Destillate wie Edelbrände und Fruchtliköre herstellt sowie Säfte und Seccos. Wetterkatastrophen betreffen ihn also immer existenziell.

Manuel Straßer stellt Obst- und Beerendestillate in seiner  Brennscheuer in Dettingen her und geht mit Frischobst auf zwei Wochenmärkte. Die Natur hat ihm in den vergangenen Jahren manches Problem beschert.
Manuel Straßer stellt Obst- und Beerendestillate in seiner Brennscheuer in Dettingen her und geht mit Frischobst auf zwei Wochenmärkte. Die Natur hat ihm in den vergangenen Jahren manches Problem beschert. FOTO: Gerlinde Trinkhaus
»Das Schlimme dieses Jahr: Es hat alle Obstarten getroffen«, erklärt Manuel Straßer. Die Natur sei immer für Überraschungen gut, bislang aber meist auch für Ausgleich: Dann falle mal die eine, mal die andere Frucht aus. Doch 2017 »hat der Frost alle Obstsorten erfasst«. Dem Dettinger Jungunternehmer fehlen bei der gesamten Obsternte 80 bis 95 Prozent eines durchschnittlichen Jahres. Das ist katastrophal. »Unser Wetter wird immer extremer, was Hagel, Frost und Wasser betrifft«, stellt er sachlich fest. Mit dem Pessimismus hat er's nicht so.

»Das Schlimme dieses Jahr: Es hat alle Obstsorten getroffen«
 

Da weiß der staatlich geprüfte Brennmeister und Betriebswirt zu schätzen, dass seine Produkte, also die Destillate, mit den Jahren immer besser werden. Die Lagerhaltung hilft ihm auch mal über ein schlechteres Jahr hinweg.

Anders bei den Wochenmärkten: Manuel Straßer geht zweimal pro Woche auf den Markt, freitags in Dettingen und samstags nach Bad Urach. »Da lebe ich vom Frischobst.« 200 Bäume, (Sauer-)Kirschen, Äpfel, Birnen und Zwetschgen, hegen und pflegen er und seine Familie. Durchschnittlich werfen diese Bäume 20 bis 25 Tonnen ab, dieses Jahr war es nicht mal eine Tonne. Dabei waren die Früchte größer als in anderen Jahren. Aber sie hingen so vereinzelt, dass am Ende ein mageres Ergebnis auf der Waage erschien. »Der Boskop ist total ausgefallen.«

Erfreulicherweise bilden die Tafeltrauben an den 50 Weinstöcken von Manuel Straßer eine positive Ausnahme. Sie haben sich nach dem Frost berappelt und noch mal ausgetrieben. »Wir mussten die allerdings etwas früher ernten als sonst, weil auch die Vögel in Not sind.«

Der Dettinger hat in diesem Jahr mit Erstaunen festgestellt, dass die Vögel so wenig zu fressen finden, dass sie sogar auf die wenigen Sauerkirschen und roten Johannisbeeren scharf waren, die sie üblicherweise wegen ihrer Säure nicht beachten.

Straßer hegte zunächst eine gewisse Hoffnung auf die Alb. Dort, wo es immer einen Kittel kälter ist als im Tal, haben die Bäume nach dem Frost erst geblüht und Früchte angesetzt. Doch auch diese Hoffnung hat das Wetter mit ordentlich starkem Hagel im August zunichtegemacht. Außerdem gibt es in diesem Jahr auch keine Schlehen zu ernten.

Da schätzt sich der junge Brennmeister glücklich, dass er im starken Kirschenjahr 2014 viele Früchte zu Saft verarbeitet hat. Er habe sogar von anderen Leuten zugekauft, wiewohl er finanziell stark in Vorleistung gehen musste. »Davon lebe ich jetzt.« So ist auch in diesem Jahr der Kirschglühwein auf dem Dettinger Weihnachtsmarkt gesichert. Denn seit zwanzig Jahren weiß er von Besuchern, auch von außerhalb, die extra dafür anreisen.

»Derzeit lebe ich von meinem Lagerbestand«, erklärt der Dettinger. Dieses Vorausdenken hat er als Erfahrung vom Vater übernommen, der das Geschäft seit 70 Jahren kennt. Denn aus Qualitätsgründen möchten die Straßers ihre Destillate nicht zu früh verkaufen. Mindestens zwei Jahre bleiben die Produkte sowieso liegen, bevor sie auf den Markt kommen.

Zwei gute Seiten kann der Dettinger diesem verheerenden Obstjahr dennoch abgewinnen: »Die Kirschessigfliege hat sich nicht stark vermehren können, weil sowohl das Futter als auch die Wirte fehlten.« Manuel Straßer hat bemerkt, dass die unterm Laub überwinternde Drosophila suzukii, die mit ihrer Eiablage gesunde Früchte in Nullkommanichts zum Faulen bringt, selbst strenge Winter überlebt. Aber in diesem Sommer ist ihr dann doch die Luft ausgegangen.

Und zweitens: Bei den Verbrauchern steigt die Wertschätzung des heimischen Obstes. Was in starken Erntejahren auch mal als lästige Sache empfunden wird, ist nun gefragtes Produkt. (GEA)

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