Verein - Bei der Hauptversammlung des Vereins zur Hagelabwehr prallten die Meinungen wieder aufeinander

Geld der Hagelflieger reicht nur für sechs Wochen

VON TILL BÖRNER

METZINGEN. Sechs Wochen lang erfuhr der Landkreis Reutlingen im vergangenen Jahr Schutz aus der Luft. Von Mitte Juni bis Ende Juli standen zwei Piloten bereit, die bei drohender Hagelgefahr fünfmal ihre Flugzeuge in die Luft brachten, um die entsprechenden Wolken mit Silberjodid zu impfen.

Der Hagelflieger-Pilot Markus Duwe erläuterte in Neuhausen das System der Hagelabwehr.
Der Hagelflieger-Pilot Markus Duwe erläuterte in Neuhausen das System der Hagelabwehr. FOTO: Till Börner
»Leider dauert die Hagelsaison aber vier Monate«, erklärte Gabriele Gaiser bei der Hauptversammlung des Vereins zur Hagelabwehr für den Landkreis Reutlingen. Im besten Fall, so wünscht es sich die Vorsitzende, stünden die Flieger von April bis September bereit. Für so einen langen Zeitraum mangelt es dem Verein, der sich ausschließlich durch Beiträge und Spenden finanziert, aber an Finanzkraft.

Knapp 900 Zahler gebe es momentan, sagte Gaiser im Feuerhaus in Neuhausen. Das Geld kommt von 821 Mitgliedern, darunter die zwei Gemeinden Metzingen und Grafenberg, zahlreiche Firmen und Vereine, zu denen die Weingärtnergenossenschaft Metzingen-Neuhausen zählt, sowie viele Einzelpersonen. Außerdem erhält der Verein Geld von 73 Spendern. Alles in allem nicht genug, um die komplette Hagelsaison abzudecken, schließlich liegen die Kosten bei 26 400 Euro pro Monat.
»Die Hagelsaison dauert aber vier Monate«
 

Die Gründung des Vereins erfolgte ein Jahr nach dem verheerenden Unwetter vom 28. Juli 2013, das eine Schneise der Verwüstung im Landkreis hinterlassen hatte. Neuhausens Ortsvorsteherin Lilli Reusch erinnerte am Freitagabend an »die Schockstarre nach dem Hagel« und daran, dass »Einsatzkräfte und Bürger ans Ende ihrer Kräfte kamen«. Noch heute zeugen Abdeckplanen in dem Metzinger Teilort von dem Großschadensereignis, dessen Folgen nicht überall behoben sind. Und dennoch sei das Ereignis nicht mehr so präsent, mutmaßte Gabriele Gaiser, »das merkt man an unseren Mitgliederzahlen«.

Im ersten Jahr des Bestehens füllte auch der Landkreis die Vereinskasse noch mit einem Zuschuss von 24 000 Euro, eine weitere Unterstützung lehnte der Kreistag anschließend aber ab. Gabriele Gaiser verwies auf den Südwesten des Bundeslandes. Der Hagelabwehr-Verein im Schwarzwald-Baar-Kreis genieße dort mehr Unterstützung und habe über 3 000 Mitglieder, was daran liege, dass über der Region schon mehrere Unwetter niedergingen.

»Nicht jeder Hagel kann verhindert, aber die Körner können verkleinert werden«, ist sich die Vorsitzende des Hagelfliegervereins sicher. Eine Meinung, die höchst umstritten ist. Zu den Kritikern zählen Maximilian Conrad und Benjamin Wolf, der eine ist Informatiker, der andere Chemiker. Beide fotografieren in ihrer Freizeit Gewitterwolken und sind Mitglieder des Vereins »Skywarn Deutschland«, der helfen will, Unwetterwarnungen zu präzisieren, um die Bevölkerung frühzeitig zu warnen.

Bereits in der Vergangenheit äußerten die beiden Männer Zweifel an der Wirksamkeit von Hagelfliegern, am Freitag wiederholten sie ihre Bedenken und zogen den starken Regen- und Hagelschauer vom 24. Juni des vergangenen Jahres als Beispiel heran, der in Pfullingen einen Millionenschaden verursachte.

»Eine Stunde lang hat ein Hagelflieger die Wolken geimpft und trotzdem gab es Körner, die einen Durchmesser von neun Zentimetern hatten«, sagte Wolf und beschwerte sich, dass es keine Diskussion über diesen Einsatz gebe: »Niemand will sagen, dass das einfach nicht funktioniert hat.«
»Niemand will sagen, dass das einfach nicht funktioniert«
 

Gabriele Gaisers argumentierte mit dem Einsatz von Hagelfliegern in Österreich und den USA, dort werde diese Methode zum Teil seit Jahrzehnten als Katastrophenschutz eingesetzt. »Die Hagelabwehr ist ein sehr emotional belegtes Thema«, sagte die Vereinsvorsitzende, die einen weiteren Meinungsaustausch bei der Hauptversammlung nicht zuließ.

Bis ein endgültiger wissenschaftlicher Beweis vorliegt, der belegen kann, ob das Besprühen der Wolken mit Silberjodid die Hagelgefahr mindert oder eben nicht, wird die Methode weiter höchst umstritten bleiben.

Pilot Markus Duwe, der den rund fünfzig anwesenden Vereinsmitgliedern einen Rückblick auf die »kurze Einsatzsaison 2016« gab und das System der Hagelabwehr erläuterte, wird auch in den kommenden Sommermonaten wieder zum Schutz des Landkreises Reutlingen in die Luft gehen. Allerdings, das betonte Gabriele Gaiser, lasse der derzeitige Kassenstand nur eine Buchung des Flugzeugs von sechs bis acht Wochen zu. Um wenigstens noch den August abdecken zu können, würde es mehr Unterstützung brauchen. Den größten finanziellen Zuspruch erhält der Verein überwiegend aus Metzingen und Grafenberg, den beiden Orten, in denen das Hagelunwetter von 2013 die größten Schäden angerichtet hatte. (GEA)

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