Ramadan - Gemeinsames Fastenbrechen in Wannweil: Zeichen der Freundschaft zwischen Muslimen

Die lange Durststrecke bis Sonnenuntergang

WANNWEIL. Der magische Zeitpunkt lautet 21.26 Uhr: Darauf warten 180 Personen sehnsüchtig. Kurz vor halb zehn ist die Sonne offiziell untergegangen und der Ruf des Muezzins ertönt. Für gläubige Muslime ist es das Zeichen, dass nun das Fastenbrechen begonnen hat: Essen, Trinken, Rauchen - all das ist nun erlaubt. Für die Muslime ist der Ramadan ein Monat, der ihnen viel abverlangt. An heißen Tagen ist eiserner Wille gefragt, um auch bei Temperaturen um die 30 Grad zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang keinen Tropfen Flüssigkeit zu sich nehmen. Wenn sich andere das Mittagessen schmecken lassen oder später der Duft von gegrilltem Fleisch und Gemüse durch die Nachbarschaft zieht, würden Muslime ihre Sinnesorgane am liebsten abschalten. »Manchmal ist das schon ein bisschen schwierig«, sagt Selahattin Korkmaz, »nach den ersten Tagen stellt sich der Körper aber darauf ein.« Korkmaz ist Leiter der Wannweiler Moschee und Vorsitzender des deutsch-türkischen Vereins. In dem 5 000-Einwohner-Ort an der Echaz ist es längst Tradition, dass während des Ramadans das Fastenbrechen einmal öffentlich begangen wird. Rund 180 Personen hatten sich am Samstagabend im Gemeindehaus versammelt und ließen sich das Iftar, das Mahl am Abend, schmecken. Doch bevor es so weit war und die Dattel, die in einem weißen Papierschälchen an jedem Platz lag, gegessen werden durfte, gab es Grußworte. Für Bürgermeisterin Anette Rösch ist das gemeinsame Fastenbrechen, zu dem alle Bürger eingeladen sind, wichtig, um das Verständnis für andere Kulturen zu fördern. Besonders, »da wir in schwierigen Zeiten leben«. Rösch spielte damit auf die Terroranschläge in Europa sowie die Flüchtlingssituation an.

Gegen Spaltung der Religionen

Viele, die inzwischen den Ramadan in Deutschland begehen, haben das vor wenigen Jahren noch in Afghanistan, dem Irak oder Syrien getan. Verfolgung und Krieg waren der Grund, die Heimat zu verlassen. Auch Selahattin Korkmaz sieht in den terroristischen Attacken den Versuch, »Christen und Muslime zu spalten«. Dass Angehörige beider Religionen im Fastenmonat zusammenkommen, um in Freundschaft miteinander zu essen, sieht er als »gutes Zeichen für die Integration«.Als es dann endlich so weit ist und Mustafa Dogan das Tischgebet spricht, sind es die Nichtmuslime, denen die Linsensuppe zuerst gereicht wird. »Sie sind doch unser Gast«, heißt es trotz knurrenden Magens und trockener Kehle. Mit der Dattel, mit der laut Überlieferung der Prophet Mohammed das Iftar eröffnete, endet die zum Teil 16 Stunden lange Durststrecke. Am Buffet, das mit Köstlichkeiten wie Kebab, gefüllten Paprika, Weinblättern sowie Wassermelone und süßen Nachspeisen lockt, geht es entspannt zu: Niemand drängelt.Auf die Frage, ob er froh sei, dass der Ramadan bald wieder zu Ende ist, antwortet Korkmaz lächelnd mit einem »Ja« und einem »Nein«. Das Mitgefühl für diejenigen, die nicht freiwillig fasten, überwiege aber letztlich Hunger und Durst. Auch für Mesut Sezgin, der zusammen mit Hauptamtsleiter Volker Steinmaier jedes Jahr die Veranstaltung organisiert, überwiegen die Vorteile des Ramadans: »Man lernt das zu schätzen, was man hat.« Das größte Problem sei bei ihm der Schlafmangel. Da die Sonne im Juni kurz nach fünf Uhr aufgeht, findet auch das Frühstück entsprechend früh statt. Viel Wasser, leichte Speisen und keine Gewürze lautet Sezgins Regel, um gut durch den Tag zu kommen. Korkmaz verzichtet morgens auf Kohlenhydrate, bevorzugt Eiweiß und Milchshakes.Thomas Münch, der im Namen der katholischen Kirchengemeinde ein Grußwort sprach und mit seiner Frau Gerlinde das gemeinsame Fastenbrechen mitinitiiert hat, freut sich, dass die Religionen auf diese Art zueinanderfinden. Den ganzen Samstag hatten die vier Köchinnen des türkischen Kochkurses in Wannweil die Leckereien für den Abend vorbereitet. Naschen oder die Soße abschmecken war nicht erlaubt. Nur Kinder, Kranke oder Schwangere sind vom Fasten ausgenommen. (tbö) Seite 7

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