Wirtschaft
Modekonzern - Kritische Aktionäre fordern besseren Umgang mit Mitarbeitern von Zulieferern in Asien

Hugo Boss weist Kritik an Arbeitsbedingungen zurück

VON FRANZ PFLUGER

STUTTGART. Hauptversammlung von Hugo Boss. Es gehört zur Regel, wenn das Modeunternehmen vor den Aktionären über mehr Umsatz, steigende Erträge berichtet und eine gute Zukunft vorhersagt: So war es wieder – Boss-Vorstandschef Claus-Dietrich Lahrs will im laufenden Geschäftsjahr den Umsatz im mittleren einstelligen Bereich steigern und das bereinigte Ebitda um fünf bis sieben Prozent verbessern. Im vergangenen Jahr hat der Lifestyleunternehmen 2,6 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet und ein Konzernergebnis in Höhe von 334 Millionen Euro erzielt. Die Dividende für 2014 wird um acht Prozent auf 3,62 Euro erhöht. Lob von den Aktionären blieb nicht aus.

Mode hat in der Branche viele Gesichter. Nicht alle sieht man. Hugo Boss ? hier ein Foto von einem Modell ? weist Vorwürfe, in Asien zu unwürdigen Verhältnissen in den Textilfabriken beizutragen, entschieden zurück. An einem Projekt »Faire Löhne« wird gearbeitet.  FOTO: HB
Mode hat in der Branche viele Gesichter. Nicht alle sieht man. Hugo Boss – hier ein Foto von einem Modell – weist Vorwürfe, in Asien zu unwürdigen Verhältnissen in den Textilfabriken beizutragen, entschieden zurück. An einem Projekt »Faire Löhne« wird gearbeitet. FOTO: HB
Wären da nicht Gisela Burckhardt, Autorin des Buches »Todschick«, und Paul Russmann vom Dachverband der Kritischen Aktionäre gewesen, man könnte fast von einer langweiligen Hauptversammlung sprechen – sofern Erfolg überhaupt langweilig sein kann. Sie machte am Rednerpult dem Konzern massive Vorwürfe. Boss habe in Bangladesch zwei Lieferanten gehabt, bei den Frauen bis zu 15 Stunden arbeiten mussten. Mit der Erklärung, man zahle den Mindestlohn – 50 Euro im Monat – könne man sich nicht aus der Verantwortung nehmen. Das Existenzminimum – also das, was an zum Leben gebraucht werde – liegt nach Angaben von Organisationen bei 290 Euro.

Vorwürfe zurückgewiesen

Von der Boss-Aussage, man kontrolliere die Lieferanten, hält die Kritikerin nicht viel. Gehaltslisten seien gefälscht und die kontrollierten Unternehmen würden getäuscht. »Warum schließen Sie sich nicht dem Rana Plaza-Arrangement, das auf Standards der Internationalen Arbeitsorganisation ILO beruht und von globalen Markenfirmen abgeschlossen wurde, nicht an«, fragt sie. Unter den circa 200 Betrieben, die inzwischen der Vereinigung beigetreten seien, seien auch 50 deutsche Betriebe. Gipfel der Kritik war die Behauptung, Boss verlange von jungen Frauen bei der Einstellung im Boss-Werk Izmir die Zusage, in den nächsten fünf Jahren nicht schwanger zu werden. Eine nachhaltige Politik forderte auch Paul Russmann. »So ein Verhalten passt nicht zur Edelmarke.« »Wenn Boss sich in den nächsten zwei Jahren nicht bessert, stehen wir kritische Aktionäre vor ihren Shops. Und wir sind viele.«

Die Behauptung, dass Mitarbeiterinnen in der Produktion in Izmir angeblich 5 Jahre nicht schwanger werden dürfen, weist Boss auf das Schärfste zurück. »Unsere Mitarbeiter haben in jeder unserer Niederlassungen die gleichen Rechte, was auch unserem Code of Conduct entspricht.« Boss Izmir zähle zu den attraktivsten und beliebtesten Arbeitgebern in der dortigen Region.

Hugo Boss überprüfe in Social Compliance Audits regelmäßig die Arbeitsbedingungen bei seinen Zulieferern. Diese Audits böten eine gute Möglichkeit, realistische Situationsbeschreibungen vor Ort zu bekommen. Das Unternehmen habe zudem ein über hundertköpfiges Team im Einsatz, um seine Produktionspartner regelmäßig vor Ort intensiv zu betreuen. Gisela Burckhardt habe zu keinem Zeitpunkt das Gespräch mit Boss aufgenommen.

Der von Gisela Burckhardt besonders stark kritisierte Betrieb produziere schon seit geraumer Zeit nicht mehr für Boss. Man habe beispielsweise Arbeitsverträge und Maßnahmen zur Gebäudesicherheit getroffen. Weitere drei Betriebe, mit denen Boss in Bangladesch arbeite, kenne man gut. »Die von Frau Burckhardt dargestellten Arbeitsbedingungen schließen wir hier aus.«

Boss arbeite ferner kontinuierlich an der Verbesserung seiner Transparenz. So werde in diesem Jahr der zweite Nachhaltigkeitsbericht veröffentlicht. Auch würden die jährlichen FLA Assessments/Audits, die bei den Zulieferern von Boss durchgeführt werden, zukünftig auf der FLA Website veröffentlicht.

Boss zahlt nur Löhne in seinen eigenen Produktionsstätten. In Bangladesch und Osteuropa habe Boss gar keine eigenen Betriebe. Der einzig verbindliche Richtwert für die gesamte Industrie sei momentan der jeweilige gesetzliche Mindestlohn. Boss kontrolliere bei jedem seiner Partner streng das Einhalten der gesetzlichen Mindestlöhne. Boss arbeite im Rahmen seiner FLA-Mitgliedschaft an einem Projekt, namens »Fair Compensation«, welches sich der Bezahlung fairer Löhne verschrieben habe. Boss könne keinesfalls im Alleingang bei Zulieferern höhere Löhne erzwingen. Es müssten verbindliche Standards erarbeitet werden, worum sich der Konzern intensiv bemühe. Im Zuge des »Fair Compensation Projekts« werde eine Strategie erarbeitet, wie Löhne zukünftig gezahlt werden sollen und welche Rahmenbedingungen einzuhalten seien.

Königsweg Einzelhandel

Boss setzt weiterhin auf den Einzelhandel. Der Umsatz, der über diesen Vertriebskanal erzielt wird, macht inzwischen 57 Prozent des Gesamtumsatzes aus. 2020 werde dieser Wert bei 75 Prozent liegen. 66 neue Geschäfte wurden 2014 eröffnet, in diesem Jahr kommen circa 50 hinzu. Dieser Kurs erhöht die Investitionen. 200 bis 220 Millionen Euro werden insgesamt in diesem Jahr investiert. Ein Wachstumstreiber werde auch Boss-Women sein. Vorangetrieben wird auch die Internationalisierung. Beispielsweise wird die Region Nahost von Boss eigenständig bedient. Zur Wachstumsstrategie gehört auch der Ausbau der Vertriebswege. »Omni-Channel« ist das Zauberwort. Die Entwicklung der Aktie seit 2009 – ein Plus von 400 Prozent – dokumentiert den Erfolg.

Verstärkt werden die operativen Prozesse. Das neue Liegewarenlager in Filderstadt-Bonlanden stärke die Flexibilität und die Effizienz. Aus dem alten Liegewarenlager in Wendlingen werde ein Omni-Channel-Lager. In den USA wurde eine Fertigungsstätte verkauft.

Bedingt durch den Ausstieg des Finanzinvestors Permira hat die Arbeitgeberseite neue Vertreter im Aufsichtsrat. Gewählt wurden Kirsten Kistermann-Christophe (Oberursel), Axel Salzmann (Groshansdorf und Hermann Waldemer (Pully/Schweiz). In ihren Ämtern bestätigt wurden Gaetano Marzotto und Luca Marzotto. Die Familie Marzotto ist seit 23 Jahren bei Boss engagiert und hält heute noch acht Prozent der Aktien. Gewählt wurde auch Michel Perraudin (Hergiswil/Schweiz). Er steht künftig dem Aufsichtsrat vor. Der bisherige Aufsichtsratschef Hellmuth Allbrecht scheidet aus. (GEA)



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