Weltspiegel
Raumfahrt

Airbus baut am Bodensee für 44 Millionen Euro einen Reinraum

VON EMANUEL K. SCHÜRER

FRIEDRICHSHAFEN. »Was vor über hundert Jahren die Automobilindustrie war, ist heute die Raumfahrt«, sagt Nicolas Chamussy. Der Mann muss das vielleicht sagen, er leitet schließlich beim Airbus-Konzern die Raumfahrt-Sparte. Doch die Landesregierung sieht das ähnlich.

Foto: Airbus
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»Die Luft- und Raumfahrtindustrie ist für das Land ganz wichtig und bedeutend. Sie zählt zu den Leitbranchen hier in Baden-Württemberg«, sagt die Stuttgarter Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU). Die Branche boomt. Neue Kapazitäten sind nötig. So wurde diese Woche in Immenstaad bei Friedrichshafen der Grundstein gelegt für ein circa 44 Millionen Euro teures Technikzentrum zum Satellitenbau. »Integrated Technology Centre« oder ITC heißt das offiziell, schließlich spricht man bei Airbus Defence and Space wie überhaupt in der Branche vorzugsweise englisch und nutzt gerne Abkürzungen. »Immenstaad wird dabei zum weltweiten Zentrum des Satellitenbaus. Das begrüße ich sehr«, freut sich die Ministerin.Mit seiner komplexen Technologie und Ausstattung wird das ITC in Europa einzigartig sein, da sind sich die Bauherren sicher. Sie drücken auch beim Tempo kräftig aufs Gas. Bereits in sechs Monaten soll das riesige Gebäude am Bodensee-Ufer geschlossen sein und mit dem Innenausbau begonnen werden. Die Fertigstellung ist für den Spätsommer des kommenden Jahres geplant.

Einzigartiges Lüftungssystem

»Kern des 4 250 Quadratmeter großen, vierstöckigen und teilunterkellerten ITC ist ein zentraler Reinraum für die Entwicklung und den Bau von Satelliten«, heißt es bei Airbus. Der Neubau erweitert die bestehende Anlage für den Satellitenbau (in der Fachsprache: »die Satelliten-Integration«). Die künftige »Integrationshalle« erlaubt auf über 2 000 Quadratmetern den gleichzeitigen Bau von bis zu acht großen Satelliten und auch die Integration von komplexen Subsystemen und Nutzlasten. In den Nebenräumen gibt es weitere Flächen für die Komponentenfertigung, Labore, einen großen Besucherbereich und Technikflächen. Das Besondere an dem neuen Gebäude ist der Reinraum. Wo Satelliten zusammengebaut werden, könnten Luftverunreinigungen ganz fatale Folgen haben. Für die hoch komplizierten und empfindlichen Geräte könnte jedes Staubkorn gefährlich werden. In dem neuen Gebäude wird deshalb ein hochmodernes und nach Airbus-Angaben in Europa einzigartiges Lüftungssystem die Partikel in der Luft reduzieren und auch molekulare Kontaminationen verhindern. »Bei einem maximal 90-fachen Luftwechsel werden bis zu 800 000 Kubikmeter Luft pro Stunde umgewälzt und durch 320 spezielle Filter gereinigt«, teilen die Bauherren mit. »Wir könnten also quasi pro Stunde 95 Zeppeline aufblasen«, verdeutlicht der Standortleiter Pilz die Dimensionen. Die neuartige Luftreinhaltetechnik spart bis zu 70 Prozent der Betriebskosten gegenüber herkömmlicher Anlagetechnik.

Hightech vom Feinsten

Außerdem können die Satellitenbauer dann die genormten Reinheitsklassen innerhalb der Halle flexibel einstellen. Das heißt, von der Reinhalteklasse ISO 5 bis ISO 8 lässt sich alles einstellen, ohne dass eine Abtrennung etwa durch eine Trennwand nötig wäre. Es soll, je nach ISO-Stufe, eine bestimmte Anzahl Partikel mit einer entsprechenden maximalen Größe nicht überschritten werden. Insgesamt gibt es neun solche ISO-Stufen. Zur Qualitätssicherung werden Druck, Temperatur, Feuchte und Partikelzahl in jedem Reinraum-Bereich erfasst, geregelt und zur Qualitätssicherung auch archiviert. Die Satellitenbauer müssen ihren Kunden schließlich eine bestimmte Lebensdauer der Satelliten garantieren. Würden sie bei der Produktion einen Fehler machen, ließe sich der nach dem Transport ins All schließlich kaum mehr reparieren. So freuen sich die Airbus-Mitarbeiter schon auf den fertigen Neubau: »Das neue Center wird uns die bestmöglichen Arbeitsbedingungen bieten, um Satelliten integrieren zu können«, sagte der Standort-Leiter Dietmar Pilz bei der Grundsteinlegung.Gelobt wurden die Friedrichshafener Satellitenbauer denn auch von dem Airbus-Space-Systems-Chef Nicolas Chamussy, einem gebürtigen Franzosen: »Raumfahrt ist Hightech vom Feinsten und passt deshalb gut zu Baden-Württemberg, dem Land der Tüftler und Denker.« Die Nachfrage nach Raumfahrt nehme weiter zu. Unter anderem werden in Friedrichshafen die »weltbesten Radar-Erdbeobachtungssatelliten« gebaut, lobte Chamussy. Nun gelte es, diese »deutsche Radarkompetenz« auch auf den Weltmärkten zur Geltung zu bringen. Airbus weitet laut Chamussy seine Kapazitäten kräftig aus. Vergangenes Jahr seien mehr als 1 000 neue Mitarbeiter eingestellt worden und auch dieses Jahr würden Mitarbeiter gesucht. Die Nachfrage nach Satelliten steige und auch die technischen Ansprüche wüchsen weiter, so der Manager. Ein dickes Lob für die Satellitenbauer gibt es von Rolf Densing, dem Esa-Direktor für Missionsbetrieb und Leiter des Esa-Kontrollzentrums in Darmstadt (Esoc). Er pries bei der Grundsteinlegung unter anderem die Produktstrategie, Verlässlichkeit und Zuverlässigkeit. »Heute kommt es mir vor, als wäre der Weltraum voller Airbus-Satelliten«, witzelte er und berichtete, in der vergangenen Nacht seien zwei Satelliten aus Immenstaad sogar auf Kollisionskurs gewesen. Densing: »Es wird eng im All mit all den Airbus-Satelliten.«Densing erinnerte auch an die Rosetta-Mission als den »Höhepunkt der vergangenen Jahre«. Da sei es gelungen, in einer Projektdauer von zehn Jahren sieben Milliarden Kilometer durch den Weltraum zu fliegen, um dann nach komplizierten Flugmanövern auf einem vier Kilometer großen Kometen zu landen. »Glücklicherweise war es ein Produkt von Airbus«, so der Esa-Manager. (GEA)

AIRBUS IN FRIEDRICHSHAFEN

Airbus ist eines der großen Unternehmen der Luft- und Raumfahrt sowie der dazugehörigen Dienstleistungen. Der Umsatz betrug nach Firmenangaben 67 Milliarden Euro im Jahr 2016, die Anzahl der Mitarbeiter lag bei rund 134 000. Airbus baut nicht nur Verkehrsflugzeuge, sondern sieht sich auch als europäischer Marktführer bei Tank-, Kampf-, Transport- und Missionsflugzeugen. Zivile und militärische Hubschrauber werden ebenfalls produziert. Im Raumfahrtgeschäft sei Airbus die europäische Nummer eins und weltweit die Nummer zwei, heißt es bei dem Unternehmen. Der Standort Friedrichshafen mit seinen rund 2 200 Mitarbeitern ist nach Unternehmensangaben seit mehr als fünf Jahrzehnten Dreh- und Angelpunkt für die Entwicklung und den Bau von Satelliten, Instrumenten und Komponenten zur wissenschaftlichen Erforschung des Weltalls, der Erdbeobachtung und der Meteorologie. Besonders bei der Radartechnologie, die Erdbeobachtung unabhängig von Tageslicht und Wetter ermöglicht, seien die Experten aus Friedrichshafen weltweit gefragt. Ein weiterer Schwerpunkt am Bodensee sind Satelliten für die Schwere- und Magnetfeld-Forschung. (GEA)
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