Bahnhofsmission: Eine Oase der Gesellschaft

Von Jürgen Rahmig

BERLIN/ TÜBINGEN. Seit 120 Jahren gibt es in Deutschland die Bahnhofsmission. Die erste Einrichtung dieser Art entstand am heutigen Ostbahnhof in Berlin. Sie gibt es heute noch. Obwohl die Bahnhofsmissionen die ältesten ökumenischen Einrichtungen überhaupt sind, haben Caritas und Diakonie erst über 100 Jahre später in Berlin eine gemeinsame Geschäftsstelle ins Leben gerufen. Eine ganz besondere Bahnhofsmission gibt es in Tübingen. Sie unterhält auch ein »Nachtcafé«

Daniela Stumpe in Tübingen holt einen Kleiderkasten vom Schrank.
Daniela Stumpe in Tübingen holt einen Kleiderkasten vom Schrank. FOTO: Jürgen Rahmig
»Wir beschäftigen uns mit dem Thema Migration aus Rumänien und Bulgarien schon seit Jahren«, sagt Christian Bakemeier zur Diskussion über die neue Zuwanderungswelle. Er teilt sich zusammen mit Dr. Gisela Sauter-Ackermann die Bundesgeschäftsführung der Bahnhofsmissionen in Deutschland. Bakemeier vertritt sozusagen die evangelische Seite, die Diakonie, Gisela Sauter-Ackermann die katholische Seite, die Caritas. Die neue Geschäftsstelle unter der S-Bahn-Haltestelle Jannowitzbrücke an der Spree in Berlin ist seit neun Monaten die erste kirchenübergreifende Bundesgeschäftsstelle im Bereich von Caritas und Diakonie.

»Die Bahnhofsmissionen sind die ältesten ökumenischen Institutionen, die es neben der Militärseelsorge überhaupt gibt«, sagt Sauter-Ackermann. Das ist nichts Neues. Neu ist aber nach über 100-jähriger Zusammenarbeit der katholischen und evangelischen Bahnhofsmission vor Ort, dass die Geschäfte auf Bundesebene an einem Ort zusammengezogen wurden. »Natürlich können wir so Ressourcen gemeinsam und effektiver nutzen«, sagt Sauter-Ackermann. Der Service für die Bahnhofsmissionen wird dadurch erheblich verbessert.

Die Missionen vor Ort managen sich zwar selbst, weil sie sich in örtlicher Trägerschaft befinden. »Wir geben ihnen bestimmte Infrastruktur, Leistungen, zum Beispiel für Flyer oder Fortbildungen für Ehrenamtliche und Hauptamtliche«, erklärt die Geschäftsführerin.

»Wir sind so etwas wie ein Dachverband. Wir treffen auch die Rahmenvereinbarung mit der Bahn. Wir sorgen grundsätzlich dafür, den Sand aus dem Getriebe zu nehmen«, sagt Bakemeier schmunzelnd. 2 000 ehrenamtlichen Mitarbeitern stehen 200 hauptamtliche in 103 Missionen gegenüber. Jedes Jahr helfen sie rund zwei Millionen Gästen insgesamt fast fünf Millionen Mal.

Der gesellschaftliche Wandel spiegelt sich auch in der Arbeit und der Klientel der Bahnhofsmissionen. »Heute spüren wir das Thema Flucht, und die Lampedusa-Flüchtlinge sind auch ein Problem der Bahnhofsmissionen, weil sie natürlich Anlaufstellen in den Städten suchen, die keine bürokratischen Hürden aufbauen, sondern erst mal Nahrung, Kleidung und Obdach vermitteln.«

Als ein in seiner Art beeindruckendes Konzept für eine Bahnhofsmission vor Ort nennt Bakemeier Tübingen. Im Fenster am Tübinger Hauptbahn weist ein Schild darauf hin, dass die Bahnhofsmission Tübingen nicht nur von 9 bis 17 Uhr offen hat, sondern von Mittwoch bis Sonntag auch von 17.30 bis 22 Uhr. Gemeint ist das sogenannte »Nachtcafé – Atempause am Abend«. Das Nachtcafé sei in seiner Art schon einmalig bei der Bahnhofsmission, sagt Daniela Stumpe, die seit 2009 auf der Missionsstelle in Tübingen arbeitet, zuerst ehrenamtlich, inzwischen hauptamtlich in Teilzeit.

»Hier ist das Publikum bunt gemischt, hierher kommen Arme wie Reiche, Junge wie Alte«
 

Die übrigen Kräfte sind ehrenamtlich tätige Studenten oder Praktikanten. Um so eine Mission von morgens bis abends und im Nachtcafé betreiben zu können, sind gut zwei Dutzend Helfer nötig. Eine Frau, die hier öfters auf ihren Zug wartet, kommt herein und bekommt ein Glas Wasser zum Trinken. Sie möchte nicht in die Bahnhofskneipe, wie sie sagt – und Daniela Stumpe ergänzt: »Nicht jeder will zum Warten ins Bahnhofslokal und dort Geld ausgeben müssen«. Die Frau sagt: »Hier ist das Publikum bunt gemischt, hierher kommen Arme wie Reiche, Alte und Junge.« Das gefalle ihr. Manche alte Menschen oder auch Frauen kommen zum Warten lieber in die Bahnhofsmission. Da fühlen sie sich wohler, unbelästigt, es ist gemütlicher, man fühlt sich aufgehoben und sicher.

»Die Bahnhofsmission ist eine Oase in unserer Gesellschaft, wo es noch ohne Standesdünkel zugeht«, sagt ein freundlicher Herr, der auf dem Hocker am Tresen sitzt, hinter dem Daniela Stumpe und Franziska Luz in den blauen Kitteln ihre Arbeit tun. Franziska Luz ist Studentin in Tübingen und absolviert hier ein Praktikum, welches ihr richtig Spaß macht. Nach der neuesten Studie von Andreas Beusker (unterstützt durch die Konferenz für Kirchliche Bahnhofsmission) über das Ehrenamt dieser Einrichtung wollen die vielen Mitarbeiter Menschen helfen und die Gesellschaft mitgestalten. Das jedenfalls sind die beiden Hauptgründe, die sie für ihr Engagement in den Bahnhofsmissionen angeben. Darüber hinaus schätzen rund 61 Prozent – besonders jüngere Mitarbeitende – die Möglichkeit, Qualifikationen zu erwerben. Das können sie in den Bahnhofsmissionen. Man legt Wert darauf, alle Helferinnen und Helfer umfassend für ihre anspruchsvollen Aufgaben zu schulen. Das organisiert jetzt zentral die neue Geschäftsstelle in Berlin.

»Mit der Bahnhofsmission verbinden manche noch immer einen Verein frömmelnder Betschwestern, bei denen man ein Vater Unser und ein trockenes Brot und Pfefferminztee kriegt«, sagt Stumpe lächelnd. Heute ist die Bahnhofsmission auch eine Art Lotsenstelle. »Ich liebe es hier zu arbeiten. Die Tür geht auf, und man weiß nicht, was jetzt auf einen zukommt.«

Der Mann auf dem Hocker sagt: »Ich lade meine Batterien auf.« Er nippt an seinem Tee. Dann klingelt es. Jemand erkundigt sich telefonisch, ob man hier ausrangierte Kleidung abgeben kann. Das geht grundsätzlich, aber der Platz in dem kleinen Raum mit seinen Bistrotischen ist beschränkt und die Klamottenkisten noch voll. Als wäre das das Signal, geht die Tür auf und ein weiterer Gast – so nennen die Missionen ihre Besucher – kommt herein.

Die Frau hat ihren ständigen Begleiter dabei, ihren Hund Cindy, er ist ihr ein und alles. Ihn hat sie in einem Körbchen an der Autobahn gefunden mit fünf Euro drin. Sie erkundigt sich nach einer Essensmöglichkeit, nach einer Zugverbindung nach Heidenheim und regt sich darüber auf, dass die Menschen nichts mehr geben. Sie könnte noch eine warme Jacke gebrauchen. Die beiden Helferinnen holen eine Kleiderkiste vom Schrank, letztlich findet sich aber nicht das passende Teil.

Zum normalen Alltag gehören Ältere, die nicht wissen, auf welches Gleis sie müssen, am Fahrkartenautomaten Hilfe brauchen, oder es kommt jemand und sagt, da liege jemand, der sich verletzt hat oder einen Schwächeanfall erlitten. Die Mission hat ihren kleinen Raum direkt neben der Polizei. »Wenn wir nicht mehr weiterkommen, gehen wir rüber oder rufen an, und auch umgekehrt«, sagt Daniela Stumpe.

»Viele Menschen haben dann niemanden mehr, mit dem sie reden können«
 

»Das Thema Mobilität spielt eine immer größere Rolle. Die Menschen werden älter und benötigen Unterstützung beim Reisen, auch Menschen mit Behinderungen sind ein großes Thema bei den Missionen, aber weiterhin auch die Mühseligen und Beladenen, die in den Städten nichts anderes finden als die Bahnhofsmissionen«, sagt Bakemeier. »Sie können da ein paar Stunden sitzen, Kaffee trinken, darüber kommt man ins Gespräch und guckt, ob man nicht etwas für sie tun kann.« Der Bedarf ist also weiter da und es werden weiter neue Missionen gegründet, ganz aktuell in Schwerin.

Das Konzept des Nachtcafés ist ein anderes, als es die Mission tagsüber anbietet. Die meisten Arbeitsprojekte in sozialen Einrichtungen enden gegen Abend. Dann wissen viele Menschen nicht, wohin und was tun. »Und viele Leute haben dann niemanden mehr, mit dem sie reden können. Im Nachtcafé können sie das«, sagt Daniela Stumpe, die gelernte Sozialpädagogin, und vergleicht es mit der Vesperkirche. Im Nachtcafé gibt es Tee, Kaffee, Wasser und manchmal auch Saft. Zum Essen gibt es da nichts. (GEA)

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