Musica Antiqua - Lutz und Martina Kirchhof laden mit Laute und Gambe zur Reise in die höfische Renaissancewelt

Partnerin schleudern verboten

VON ARMIN KNAUER

REUTLINGEN-SONDELFINGEN. Der Reiz an der Alten Musik besteht darin, dass sie einen in ganz andere Welten fallen lässt. Im ersten Musica-Antiqua-Konzert der Sommerreihe hatte das vergangene Woche noch nicht so richtig funktioniert – zu angestrengt die Virtuosität, zu wenig passte eine moderne Konzertgitarre ins 18. Jahrhundert.

Fast wären allein schon Lutz Kirchhofs vergnüglich erzählende Streifzüge durch die Musikwelt des 16. bis 18. Jahrhunderts das Eintrittsgeld wert gewesen. Mit augenzwinkernd servierten Infos bereitete er den Boden auch für das klangliche Eintauchen in die Vergangenheit. GEA-FOTO: KNAUER
Fast wären allein schon Lutz Kirchhofs vergnüglich erzählende Streifzüge durch die Musikwelt des 16. bis 18. Jahrhunderts das Eintrittsgeld wert gewesen. Mit augenzwinkernd servierten Infos bereitete er den Boden auch für das klangliche Eintauchen in die Vergangenheit. FOTO: Armin Knauer
Wie viel besser gelang dieses sich Fallenlassen in andere Welten beim zweiten Konzert am Mittwochabend in der Stephanuskirche. Nicht nur, dass Lutz und Martina Kirchhof auf damals gebräuchlichen Instrumenten spielten – Laute und Gambe. Sie wären in ihren Kostümen auch gar nicht aufgefallen in einer Hofkapelle der Renaissance. Und es fügt sich ins Bild, dass sie in einem Bauernhaus aus dem 17. Jahrhundert leben.

Von Ballsälen und Tanzschritten

Geschmeidiger ist man selten in das Flair der Vergangenheit geführt worden, musizierend wie moderierend. Denn Lutz Kirchhof ist außer einem exzellenten Lautenisten auch ein Erzähler, wie er jedem orientalischen Marktplatz zur Ehre gereichte. Mit Charme und Witz breitet er fürstliche Ballsäle vor dem inneren Auge aus. Er deutet höfische Tänze an, erklärt die Instrumente und vergisst nicht, augenzwinkernd die Klage der Barocklautenisten einzuwerfen, als die Lauten immer komplizierter wurden und so viel kosteten wie ein Pferd.

Ganz frei und entspann erzählt er das und erläutert sogar die Zugabe: Ein Tanz namens Volte sei das, der kirchlicherseits verboten wurde, weil er vorsah, dass der Herr seine Dame beim Mieder packt und entschlossen in die Luft schleudert. Da fragt man(n) sich, warum gibt’s den Tanz heute nicht mehr?

Diese charmante Gelassenheit legt sich auch über die Musikvorträge. Erst heißt es aufwärmen mit Tanzsätzen von Pietro Paolo Borrono aus dem 16. Jahrhundert. Die Renaissancelaute füllt den Raum unter den flinken Fingern von Lutz Kirchhof mit hell glitzernden Tonfolgen und verblüffend luftigen Bässen. Darüber schlängelt sich geschmeidig, biegsam und immer etwas näselnd Martina Kirchhofs Soprangambe. Ein kurioses Instrument ist das: von der Form her ein auf Bratschengröße geschrumpfter Kontrabass. Das Ding wird seiner Winzigkeit zum Trotz wie ein Cello zwischen – oder eher auf – den Knien gespielt.

Nach einigen solistischen Beiträgen geht’s ans Eingemachte, an die hohe Kunst. Laute und Gambe mit ihrem zarten Klang waren nicht für den Tanzboden gedacht, sondern dazu, an den Adelshöfen handverlesene Zuhörer mittels sublimer Tonkunst in entrückte geistige Sphären zu katapultieren. Den beiden Kirchhofs gelingt das so unangestrengt und graziös, dass man nur genießen kann. Mal legt die Laute den Grund für zart singende Höhenflüge der Gambe, mal schrauben sie sich Hand in Hand wie eine Stimme nach oben. Eine äußerst verfeinerte Meditationsmusik des 16. Jahrhunderts ist das, von Komponisten wie Felix Anerius, Rugieri Giovanelli oder Francesco Soriano. Oft steht dabei der Gedanke an Jesus oder Maria im Zentrum der klanglichen Meditationen.

Von der Renaissance zum Barock

Der zweite Teil führt von der Renaissance ins Barockzeitalter. Von der schärferen, kerniger klingenden Renaissancelaute zur wärmeren, weicheren, mit ihren 24 (!) Saiten auch orchestraleren Barocklaute. Und von der prägnant näselnden Soprangambe zur seidenweich schimmernden Bassgambe.

Um Telemann geht es nun und um den großen Meister der Barocklaute, Sylvius Leopold Weiss. Es geht um Musik, die das spieltechnische Potenzial der Instrumente noch weit gezielter auslotet – mit endlos kniffligem Mehrstimmenspiel auf der Gambe etwa. Und doch auch hier gelöste Sanglichkeit der Linien.

Als Finale darf man den Freunden Sylvius Leopold Weiss und Johann Sebastian Bach dabei zuhören, wie sie sich am gemeinsamen Musizieren ergötzen. Bach hat eine solche nur fürs eigene Vergnügen gedachte Sitzung in Noten konserviert. Weiss entfaltet da eine heiter ausschreitende Lautensonate und sein Kumpel Bach lässt dazu improvisierend ganz sanft eine Gambenstimme einfließen. An diesem Abend spielen nicht Bach und Weiss, sondern Kirchhof und Kirchhof, aber das heitere Gefühl gemeinschaftlicher Musizierfreude füllte genauso den Raum.

Ach ja, und dann kam noch besagte Volte als Zugabe. Und nein, Lutz Kirchhof hat seine Partnerin nicht durch die Luft geschleudert. Er musste ja spielen. Und sie auch. (GEA)



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