Konzert - Klaus Sebastian Drehers Oratorium »Die Graue Passion« in der Besetzung der Uraufführung in der Stiftskirche

Leidensgeschichte greifbar gemacht

VON CHRISTOPH B. STRÖHLE

TÜBINGEN. Eine »besondere Motette« hatte Tübingens Stiftskirchenkantor Ingo Bredenbach für Samstag angekündigt. Ein besonderer Abend wurde es auch in der Stiftskirche, zumal das von Klaus Sebastian Dreher komponierte Oratorium »Die Graue Passion« eigens für diesen Anlass – und die Uraufführung im März in der Stadtkirche Stuttgart-Bad Cannstatt – entstanden ist.

Die Uraufführungsbesetzung war hier erneut zu hören, nur dass Bredenbach anstelle von Jörg-Hannes Hahn dirigierte. Neben Vokalsolisten und Instrumentalisten, darunter das Posaunen Consort und das Percussion Ensemble Stuttgart, waren Sänger der Hymnus-Chorknaben, von Cantus und Bachchor Stuttgart sowie die Tübinger Stiftskirchenkantorei in die »Uraufführung II« (wie es im Programmheft hieß) eingebunden.

Angelehnt an Holbein-Zyklus

Dreher, Jahrgang 1967, ist Professor für Schlagzeug, Methodik und Percussionensemble an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart. In seiner »Grauen Passion« hat er Textfragmente einer mittelhochdeutschen Passionsharmonie im Anklang an die Altarbildtafeln von Hans Holbein dem Älteren vertont.

Dieser Zyklus von Altarbildtafeln ist um 1500 in Holbeins Augsburger Werkstatt entstanden. Die Bilder stellen in zwölf Stationen den Leidensweg Christi dar, sparen dabei aber die Kreuzigung aus. Die Staatsgalerie Stuttgart hatte Holbeins »Graue Passion« im Jahr 2003 für 13,2 Millionen Euro den Fürstenbergschen Sammlungen in Donaueschingen abgekauft und sie aufwendig restauriert.

»Grau« ist diese Passion, weil sie sich an der von flämischen Malern wie Rogier van der Weyden und Jan van Eyck im 15. Jahrhundert perfektionierten Grisaille-Malerei orientiert. Diese Kunst zielt darauf ab, Architektur-Elemente und Skulpturen möglichst perfekt nachzuahmen. Holbein der Ältere, an der Schwelle zur Neuzeit stehend, eignete sich dieses Prinzip an, nutzte es aber in seiner Malerei als Verfremdungseffekt.

Die klar verständliche Bildsprache einerseits, die modern wirkende Verfremdung andererseits, »das hat mich sehr angesprochen«, sagte Dreher im Komponistengespräch zur Werkeinführung vor dem Konzert. Sein Oratorium sei »stark vom Titel gebenden Bildwerk Holbeins angeregt, formal daran ausgerichtet und von Einzelheiten inspiriert«.

Eindringlich schildern die Bilder den Leidensweg Christi, vom Ölberg bis zur Grablegung – bei der Aufführung werden die Bilder in den Raum projiziert. Dreher gelingt es seinerseits, die Passion – in einer fest im Heute verankerten Tonsprache – greifbar zu machen. Die Auferstehung hat der gebürtige Stuttgarter nicht mit vertont, sondern stattdessen ein Kyrie ans Ende gesetzt.

Das Libretto speist sich aus einer mittelhochdeutschen Evangeliensynopse der Passion, verfasst von einem unbekannten Autor auf Schwäbisch beziehungsweise Alemannisch. Hinzu kommen die sieben letzten Worte Jesu am Kreuz, das Vaterunser in verschiedenen Sprachen, das Kyrie sowie Bruchstücke aus dem Kirchenlied »O Haupt voll Blut und Wunden« von Johann Crüger und Paul Gerhardt.

Eingearbeitete Brecht-Zitate

Die ungewöhnlichsten Libretto-Bestandteile sind sicherlich die Zwischenrufe und das Vaterunser der Bauern aus der Trommelszene der stummen Kattrin in Bertolt Brechts Drama »Mutter Courage«.

Postmodern kommt diese Vergegenwärtigung von Jesus am Kreuz daher. Clusterhafte Klänge kombiniert Dreher mit Lautmalereien, die Rhythmik des Orients mit Elegien, die im Gestus etwa an Johannes Brahms' »Deutsches Requiem« erinnern. Anleihen bei Philip Glass' Minimal Music meint man herauszuhören – und entdeckt zugleich so viel Kraftvoll-Eigenständiges. Wirkungsvoll platzierte ungewöhnliche Intervallsprünge unterstreichen das Gesungene.

Insbesondere die Amerikanerin Christie Finn als Jesu Stimme geht erstaunlich souverän mit diesen Herausforderungen um. Ihr Sopran ist technisch brillant, ausdrucksstark, klanglich lupenrein. Auch Frank Wörner als Evangelist und Pilatus kann seiner Bassstimme wunderbare Momente abgewinnen, wird jedoch bei der Grablegung, von der er als Sprecher berichtet, vom Orchester übertönt.

Der Kammerchor unterstützt Jesu Innenschau. Der rechts und links von ihm platzierte große Chor singt, spricht und hat klangliche Aufgaben – fabriziert etwa Peitschen- oder Schrittgeräusche. Auf dem Lettner postiert, sorgen die Hymnus-Chorknaben für eine zusätzliche Klangfarbe. Sie erweitern die Seelentiefe oder spitzen die Dramatik zu. Im Orchester finden sich überwiegend Blas- und Rhythmusinstrumente, darunter Marimbafon, das bei der Kreuztragung in einen klangvollen Dialog mit der Sopranistin tritt.

Äußerst beeindruckend, was alle Beteiligten da musikalisch auf die Beine gestellt haben! Vom Tübinger Publikum gab's dafür stehende Ovationen. (GEA)

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