Neue Musik - Horacio Lavandera im Spendhaus

Klavierkunst auf Wolke sieben

VON CHRISTINA RICHTER-IBáNEZ

REUTLINGEN. Haben Sie schon von Horacio Lavandera gehört? Offenbar nicht, denn sonst hätten Sie sich das Musica-Nova-Konzert am Mittwochabend im Reutlinger Spendhaus sicher nicht entgehen lassen. Der argentinische Pianist gastiert in Konzertsälen von London bis Tokio mit klassischen Programmen – als Interpret Neuer Musik ist er dagegen noch ein Geheimtipp.

Der Abend bei Musica Nova begann zunächst beinahe romantisch mit Werken von Alberto Ginastera, dem »Bartók Argentiniens«, der in seinen Werken der 1930er- und 1950er-Jahre Polytonalität und Folklore des Landes kompositorisch verband. Charakteristisch sowohl für die »Danzas Argentinas« (1937) als auch die erste Sonate (1952) sind aufsteigende Akkordbrechungen, Läufe und Glissandi, Ton- und Akkordrepetitionen, Perkussivität und Motorik.

Unfassbare Tonstürme

Schon hier wünschte man sich mit Lavandera auf die große Bühne, auf der sein Spiel noch besser zur Geltung käme. Gewaltig und obertonreich klangen der ganze Flügel und der Raum im »Allegro marcato« der Sonate. Im »Presto misterioso« entstand dagegen eine vibrierende sanfte Klangfläche, dann ein ganz ausgehörter Schluss des »Adagio molto appassionato«, der den Atem verschlug. Dass diese Werke zu Lavandera gehören, der bei einem Freund Ginsteras ausgebildet und in die Interpretation genauestens eingeführt wurde, war deutlich zu spüren.

Auch ein anderes Werk des Abends schien durch die Zusammenarbeit mit dem Komponisten zu Lebzeiten autorisiert, nämlich Karlheinz Stockhausens »Klavierstück XI«. Es bildete einen beinahe meditativen Abschluss, indem es auf zwei hochvirtuose, fast unspielbar erscheinende Stücke folgte. Das waren zunächst Lavanderas eigene sieben Klavierstücke, denen einerseits eine komplizierte mathematische Konstruktion zugrunde liegt, die aber andererseits durch sprechende Titel Raum für Assoziationen lassen. In »Fuzzy nebulae« wechseln unfassbare Tonstürme in verschiedenen Lagen und deren Nachhall; bei »nubes« (Wolken) schweben Akkorde leise und nur in minimalen Variationen.

»Herabstürzende Säulen«

Das Spiel mit großer Bewegung und Klangmasse und deren Nachhall ist das Charakteristikum von Lavanderas Komposition, der vor dem letzten Teil ganz reflexiv einen Bach-Choral einfügt. Dann aber reißt in »Columnas descendentes« (Herabstürzende Säulen) ein Klangteppich den Zuhörer förmlich in die Tiefe; er wird von einer vibrierenden Steigerung wieder emporgehoben und dann in den Extremlagen des Klaviers dissoziiert.

Wer meinte, dem wäre pianistisch nichts mehr hinzuzufügen, kannte Iannis Xenakis' »Herma« noch nicht. Es gilt als eines der schwierigsten Klavierstücke, in dem sich 20 Töne pro Sekunde mit Pausen ablösen. Der Flügel bog sich noch einmal unter Lavanderas Kraft, der mit großer Konzentration und doch einem entspannten Lächeln Xenakis' stochastische Musik so einfach aussehen ließ.

Als Nachschlag gab es Astor Piazzollas »Libertango« in einer Fassung für Klavier solo. Wirklich, wenn Sie das verpasst haben, sollten Sie sich den Namen merken und eines der nächsten Konzerte Lavanderas besuchen – er gehört in eine voll besetzte Stadthalle. (GEA)



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