Reutlinger Ausstellung - Das Spendhaus rückt aus seiner HAP-Grieshaber-Sammlung »Kindheitsbilder« in den Blick

HAP Grieshaber: Kindheitsbilder

VON HERMANN PFEIFFER

REUTLINGEN. In der auf das vierte Stockwerk konzentrierten Ausstellung im Reutlinger Spendhaus mit dem Titel »HAP Grieshaber: Kindheitsbilder« befindet sich der Malbrief »Baby« des Holzschneiders an den Münchner Kunstkritiker Dr. Franz Roh und an die Kunsthistorikerin Juliane Roh.

Arbeit von HAP Grieshaber mit dem Titel »Texasjunge« (1955, Ausschnitt). FOTO: PFEIFFER
Arbeit von HAP Grieshaber mit dem Titel »Texasjunge« (1955, Ausschnitt). FOTO: PFEIFFER
Dem Ehepaar schrieb Grieshaber am 5. Juli 1954 auf dem in Rosa gedruckten Holzschnitt mit dem Motiv des Neugeborenen: »Auf der Achalm ist, der Natur abgetrotzt und gegen alle Zivilisation, ein Mädchen geboren. On verra.« Es handelt sich bei der Schau mit rund 30 Exponaten, ergänzt durch bisher nicht gezeigte Leihgaben aus Privatbesitz, um die Fortsetzung der Reihe »Aspekte der Sammlung: HAP Grieshaber«, die seit 2011 alljährlich mit wechselnden Themen stattfindet.

Mit der Geburt der Tochter Riccarda Maria, genannt Ricca (»es sieht aus, als käme ich ins Leben durch ein Leben«) gewinnt die künstlerische Fortschreibung Grieshabers weiter an Gewicht. Zuvor lernte er als Dozent an der Kunstschule im Kloster Bernsteinschule bei Sulz dort die Malerin Riccarda Gohr kennen (ab Februar 1953 seine Ehefrau).

Es entstanden »mehrere großartige Holzschnitte, in denen die Einzelergebnisse der künstlerischen Vergangenheit synthetisch zusammenwachsen und die Höhe der Meisterschaft erreicht wird, auf der sich Grieshaber fortan bewegt« (Wilhelm Boeck in der Grieshaber-Monografie, 1959).

Die Lebenssituation auf der Achalm, wo er durch den Familienzuwachs – Riccarda Gohr brachte ihre Tochter Nani mit in die Ehe – das primitive Gartenhaus zum gangbaren Wohnsitz der vier Personen zu erweitern hatte, färbte ganz wesentlich auf sein Werkschaffen ab. Mit der Vaterschaft boten sich ihm Sichtweiten, die nach Grieshabers eigenen Worten »Grund zur Formfindung« auslösten.

Schon vor der Geburt der Tochter entstand der vielfarbige, mit Armen und Beinen durchwirkte Holzschnitt »Tanz der Gebärenden«, dem unmittelbar die achtteiligen »Baby«-Blätter folgten, von denen das Städtische Kunstmuseum fünf besitzt: Kraftvolle Drucke in der Auseinandersetzung mit dem Thema Säugling in unterschiedlichsten Farb- und Formvariationen. Bilder, die den zupackenden Künstler in dieser Zeitspanne sagen lassen: »Die Holzschnitte sind jetzt farbiger, komplizierter verwoben, ich glaube auch etwas mehr Spannung in die lyrische Form gebracht zu haben.«

Zärtlichkeit und Intimität

Dem Holzschnitt »Baby III« stellte Beate Thurow, noch in ihrer Funktion als Leiterin des Spendhauses, im Dezember 2004 das Ölbild »Baby im Stubenwagen« (1954) von Riccarda Gregor-Grieshaber gegenüber. Sie sah im Gemälde durch den bildbestimmenden Tüllvorhang am Stubenwagen Zeichen von »Zärtlichkeit und Intimität«. Der Holzschnitt dagegen werde bestimmt durch Klarheit, Direktheit und Präzision der Formen, wobei der kleine Körper durch den monochromen Braunton jeglichen zärtlichen Affekt vermissen lasse.

Zur Ausstellung gehört auch der Holzschnitt »Stillende« (1955) mit der blattfüllenden schnörkellosen Frauenfigur, die in flächiger Farbgliederung durch die Überbetonung der Brüste dem Kind das notwendige Lebenselixier garantiert. Wie eng bei Grieshaber Entwurf und Ausführung beieinander liegen, zeigt einmal mehr die daneben platzierte Gouache.

Die Fortsetzung der Kindheitsbilder übernimmt der durch seine Zergliederung diffuse Farbholzschnitt »Texasjunge« (1955). Es folgen 1956, ganz in bildhafter Begleitung und im Wohlwollen der Kinder behaftet, die Holzschnitte »Nani«, »Sommer«, »Sandkasten«, »Spielplatz«, »Schaukelpferd« – alle nicht in der Ausstellung vertreten. Zu sehen sind dagegen in Vitrinen das Leporello »Herzauge« (1937) und die Collagen »Seestern und Tomahawk« (1956) unter Resopal.

Ausstellungsinfo


Die Ausstellung im Spendhaus dauert bis 17. September. Geöffnet ist Dienstag bis Samstag von 11 bis 17 Uhr, Donnerstag von 11 bis 19 Uhr, sonn- und feiertags von 11 bis 18 Uhr. (GEA)

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