Literatur - Der Bestsellerautor T. C. Boyle diskutiert im Stuttgarter Wizemann mit dem Literaturkritiker Denis Scheck

Ausflug in künstliche Paradiese mit T. C. Boyle

VON THOMAS MORAWITZKY

STUTTGART. Niemals hätte T. C. Boyle sich in die Kuppel sperren lassen. Der US-amerikanische Bestsellerautor lacht. Am Mittwochabend ist er zu Gast in Stuttgart, diskutiert im restlos ausverkauften Wizemann mit dem Literaturkritiker Denis Scheck. Die Kuppel, von der er spricht, hat er erfunden und doch nicht: In »Die Terranauten«, Boyles jüngstem, 16. Roman, lassen acht Menschen, vier Männer, vier Frauen, sich für die Dauer von zwei Jahren in ein geschlossenes Ökosystem in der Wüste von Arizona einschließen: Die Ecospähre 2, analog zur Eco- sphäre 1, der Erde, deren Luft alle anderen Menschen atmen.

Tom Coraghessan Boyle pflegt seinen Pessimismus mit bissigem Humor.
Tom Coraghessan Boyle pflegt seinen Pessimismus mit bissigem Humor. FOTO: dpa
Ihr Ziel ist, zu beweisen, dass ein Überleben in einem solchen System möglich ist – auf anderen Planeten oder, auch diese Möglichkeit stellt Boyle in den Raum, auf der Erde, sollte sich dieser Lebensraum irgendwann in »Scheiße« verwandeln.

Für ihn, den Pessimisten, der insbesondere den Amerikanern ihr mangelndes Umweltbewusstsein vorhält, ist das nicht die unwahrscheinlichste Zukunftsprognose. Aber T. C. Boyle pflegt seinen Pessimismus auf entspannte Weise, mit bissigem Humor. »Bis vor kurzem«, sagt er ganz nebenbei, »waren die USA ja noch eine Demokratie.«
»Bis vor kurzem waren die USA ja noch eine Demokratie«
 

Boyles Ökosphäre ist ein leicht erkennbares Abbild der Biosphäre 2, einem privat finanzierten Projekt, das in den frühen 1990er-Jahren am selben Ort, nahe Tucson/Arizona, stattfand, weltweites Aufsehen erregte, scheiterte, vergessen wurde. Zurück blieben beeindruckende Techno-Ruinen im Wüstensand. In Boyles eingeschlossener Welt gehen die Dinge andere Wege; zu viel zu verraten hieße, sich am Leser zu versündigen. Einer der vier Männer, die im synthetischen Eden ausharren, ist, so formuliert es sein Autor, ausgestattet mit einer »zu großen Libido« – und die wird ihr Recht einfordern.

»Die Terranauten« ist mehr als ein Dschungelcamp, in dem die Hormone kochen – Boyle macht aufmerksam auf eine weitere Implikation des Szenarios: Das Paradies unter Glas, in das er seine gar nicht so paradiesischen Charaktere schickt, ist ein sehr exklusives. Hier geht es um Einschluss so sehr wie um Ausschluss; das Erbe der New-Age-Bewegung hat sich in ein elitäres Konzept gewandelt. T. C. Boyle, der sich sehr deutlich als Demokrat und Gegner Donald Trumps zu erkennen gibt, sagt: »Ich selbst bin Teil des Problems.«

Aber Boyle ist Schriftsteller, einer, der sich tatsächlich mehr für das Problem als für die Lösung interessiert. Er ist ein Meister des flüssigen Stils und der schleichenden Satire; seine Geschichte erzählt er aus drei sehr unterschiedlichen Perspektiven.

In die Rolle von Dawn Chapman, Bewohnerin der Kuppel, schlüpft am Mittwochabend Pia Maria Fedelucci, freie Schauspielerin aus Stuttgart – sie liest den Beginn des Buches und einen weiteren Abschnitt aus seiner ersten Hälfte. Dann tritt T. C. Boyle ans Pult, taucht ein in den Monolog von Ramsay Roothorp, ihrem mit Testosteron gesegneten Mitbewohner – und das Stuttgarter Publikum erlebt, wie der Autor, ganz leicht und natürlich sehr sicher im Text, seine Figur von innen her erkundet, mit kräftiger Gestik, starkem Ausdruck, lebhaft genau gesetzten Betonungen, ein Meister auch des Spiels, der Mimesis, dabei so locker wie ein echter Rockstar.
»Ich lebe wie ein Mönch und ordne mein ganzes Leben meiner Arbeit unter«
 

Musiker wollte T. C. Boyle, geboren 1948 in New York, in jungen Jahren auch werden; in die Zeit der US-amerikanischen Gegenkultur wurde er hineingeboren. Sein nächstes Buch, verrät er Denis Scheck, wird von der Erfindung des LSD durch den Schweizer Chemiker Albert Hofmann handeln, von den psychiatrischen Experimenten mit der Droge. Der Saxofonist John Coltrane soll einen fiktiven Auftritt haben. Vielleicht auch Ernst Jünger, der mit Hofmann auf die Drogenreise ging. Boyle hat zuvor noch nicht von ihm gehört – Scheck macht ihn mit ihm bekannt.

Drogenerfahrungen besitzt auch T. C. Boyle, obwohl sie lange zurück liegen. Längst glaubt er, sein Gehirn sei nicht mehr in der Lage, derartiges zu verkraften – er hat sich gar, und das erzählt er mit einem Grinsen, in Kalifornien auf eine Liste setzen lassen, um irgendwann ein Spenderhirn zu erhalten.

Denis Scheck freilich wäre mit einer solchen Transplantation gar nicht einverstanden – er schätzt das Organ, das aktuell in Boyles Schädel arbeitet, zu sehr. T. C. Boyle hat die Literatur an die Stelle aller Drogen gesetzt, sagt von sich: »Ich lebe wie ein Mönch und ordne mein ganzes Leben meiner Arbeit unter.« Die fiktiven Welten, die er schafft, sind ihm aber ebenfalls Droge, machen ihn süchtig. Wer unter seinen Lesern würde widersprechen? (GEA)



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