USA - Zum »Tiefschneetauchen« nach Wyoming. Uriges Schneevergnügen im Wilden Westen
Schnorchel empfohlen
VON HEIKE SCHMIDT
Die Promis laufen anderswo Ski. Im ruhigen Skigebiet von Grand Targhee sind viele Familien unterwegs. FOTO: GRAND TARGHEE RESORT/TMN
Einen Schnorchel soll man mitbringen - zum Skifahren! Das muss ja wohl ein Witz sein. Aber Brigid Sinram nickt ernsthaft. Die junge Frau ist in Grand Targhee im Nordwesten des US-Bundesstaates Wyoming für den täglichen Schneebericht zuständig. Von bodenlosem Tiefschnee nach legendären Winterstürmen schwärmt sie, ungewalzt und pulverleicht, der wie eine Bugwelle voranfließt, in meterhohen Wogen aufstiebt und wie Gischt ins Gesicht spritzt: »Wart?s nur ab, bis Du in unsere Powder Reserve eintauchst!«
An diesem Tag segeln zwar nur rosa Schäfchenwolken über den Abendhimmel. Doch pro Jahr fallen im Schnitt rekordverdächtige 13 Meter Schnee auf den kleinen Wintersportort an der Westflanke der zerklüfteten Teton-Berge. Der berühmte Skiort Jackson Hole mit seinen Schlangen an den Liften und dem Après-Ski-Rummel, Freestyle-Fanatikern und Promi-Gästen liegt auf der anderen Seite. Eine knappe Autostunde nah und doch eine halbe Welt entfernt.
Genau 96 Gästezimmer gibt es in Grand Targhee, drei Speiselokale, eine Kneipe, ein Gemischtwarenlädchen und ganze fünf Lifte, das »Zauberteppich«-Förderband für die Skischul-Knirpse großzügig mitgerechnet. Einen Pistenplan sollten Gäste dennoch einstecken: Weil das Skigebiet zwei Gipfel mit den dazugehörigen Felsnasen und Gebirgskämmen verknüpft, fühlt es sich weitläufiger an als die rund 70 gekennzeichneten Abfahrten. »The Bad«, »The Good« and »The Ugly« heißen die zum Beispiel: drei schwierig zu fahrende, schwarz gekennzeichnete Scharten, die in den »East Woods« münden.
Wyoming ist Wilder Westen. Dies war das Zuhause von Shoshonen und Schwarzfuß-Indianern, und nach dem Häuptling Targhee ist das Resort benannt worden. Einen starken Charakter soll er gehabt haben, und friedliebend soll er gewesen sein. Der Name passt: Grand Targhee ist originell, ruhig und gemütlich. Hier werden Mehrtages-Skipässe noch per Lochzange abgeknipst. Die Stockbetten in den drei schlichten Lodges erinnern an Jugendherbergen. Nach Liftschluss schnüffeln Rotfüchse auf Beutezug durch die Talstation. Und zum knallrotem Skianorak werden gern ausgebeulte Cowboyhüte getragen.
So hält es auch Leon Weston. »Slim«, wie ihn alle nennen, ist seit Resorteröffnung 1969 dabei. Im Sommer züchtet er Brahmanenbullen fürs Rodeo in Las Vegas, im Winter »reitet« der Großvater sein Snowboard und checkt die Skipässe. 25 Dollar Kopfgeld gibt?s pro Schwarzfahrer, »fünf habe ich in dieser Saison schon erwischt«.
Wer aus dem höchsten Lift, dem »Dreamcatcher«-Vierersessel, steigt und der »Teton Vista Traverse« folgt, empfindet die Viertausender nur eine kurze Steilpiste entfernt wie zum Greifen nah. Selbst vom Grand Teton Nationalpark aus hat man nicht so eine Sicht. Der liegt gleich auf der Ostseite und schützt seit 1929 die spektakuläre Gipfelkette, die aus dem Talkessel ragt wie eine Reihe gigantischer Haifischzähne. »So müssen Berge aussehen«, fand schon US-Präsident Teddy Roosevelt im frühen 20. Jahrhundert. Frankophone Trapper fühlten sich eher an weibliche Formen erinnert - sicher war monatelange Einsamkeit Schuld. Tétons ist das französische Wort für Brust.
Trotz der pikanten Namensgebung, den glitzernden Gletschern, kristallklaren Seen und donnernden Wasserfällen lassen die meisten Durchreisenden den Teton Park links liegen. Die geologische Wunderwelt von Yellowstone, wo Geysire zischen und Schlammlöcher blubbern, ist ja nur ein paar Meilen auf den Highway 191 entfernt. »Wir sind Yellowstones kleine Schwester«, sagt die Rangerin Kristen Dragoo. Sie leitet Schneeschuhtouren durch den Park und freut sich über kleine Gruppen. »Mmanchmal sehen wir Hermeline vorbeihuschen«.
Dichter Wald umschließt das Skigebiet. Alta, das nächste Dorf mit 469 Einwohnern, liegt 20 Kilometer weiter im Westen, die kurvige »Ski Hill Road« herunter. Nur Urlauber wohnen hier oben. Doch das soll sich künftig ändern. Denn das Resort gehört nicht mehr einem Club von Skifreunden aus dem benachbarten »Kartoffelstaat« Idaho, sondern George Gillett jr. Der Milliardär aus Colorado besaß zeitweise auch den Skiriesen Vail in seinem Heimatstaat. Zwar hat die Wirtschaftsflaute seine Expansionspläne vorerst auf Eis gelegt. Irgendwann soll es jedoch 450 Wohneinheiten und neue Lifte geben.
An diesem Morgen wühlen sich auf dem »Snowcat Terrain« von Peaked Mountain aber nur umgebaute »Schneekatzen« die »Powder Reserve« herauf. Die Gäste sind mit Skiführer Dana Stillson unterwegs. Eine goldgeränderte Fliegerbrille und ein vereister Schnurrbart sind seine Markenzeichen, dazu ein Paar »Fat Ski«. Die sind breiter und kürzer als normale Bretter, »so schwimmst Du im Tiefschnee oben«.
Einen Lawinenpiepser hat Dana im Rucksack. Ein Schnorchel ist nirgends zu sehen. Selbst im »Snorkels Café«, wo das lebensgroße Foto eines Schnorchel-tragenden Skifahrers die Wände ziert, war am Abend vorher keiner zu kriegen. Vielleicht lässt man den extra dicken Strohhalm, für alle Fälle mitgenommen, doch lieber in der Jackentasche? (tmn)