Wo Jessica Helmschmidt ist, ist es jetzt eiskalt. Die Reutlingerin ist für 15 Monate zum wissenschaftlichen Arbeiten in der Antarktis. Es ist eines der letzten Abenteuer auf dieser Erde. Fernab von jeder Zivilisation ist das neunköpfige Team, zu dem die Umweltphysikerin gehört, bald ganz auf sich allein gestellt.
Die meisten dürfte die Aussicht eher erschrecken, 15 Monate in der Eiseskälte der Antarktis zu verbringen. Weit entfernt von jeder Siedlung, angewiesen auf ein Team von gerade mal neun Menschen. Die Reutlingerin Jessica Helmschmidt (29) hat sich darauf gefreut.
Am 5. Dezember ist Jessica Helmschmidt von Kapstadt aus mit der »Polarstern« aufgebrochen. Nach zwölf Tagen auf See kam sie an der Schelfeis-Kante an, wo die Forschungsstation Neumayer-II liegt. Gemeinsam mit acht weiteren Teammitgliedern wird die Wissenschaftlerin nun für insgesamt 15 Monate im Eis arbeiten und leben. Sie ist für die Messung von Aerosolen und Treibhausgasen sowie das Sammeln von Schneeproben zuständig. Helmschmidt ist in Betzingen und Wannweil aufgewachsen und hat die Freie Georgen-Schule in Reutlingen besucht. Sie hat danach in Heidelberg Physik studiert.
Beim Abschied sei »schon die eine oder andere Träne« geflossen, räumt die Wissenschaftlerin ein, doch die Vorfreude auf ihr Forschungsabenteuer überwog. Auch ihre Eltern und Geschwister hätten sich für sie gefreut und unterstützten sie in ihrem Vorhaben.
»Ich habe mich riesig gefreut, als ich meinen ersten Eisberg gesichtet hatte«
Mit E-Piano, Gitarre und Akkordeon im Gepäck ist die junge Frau Anfang Dezember aufgebrochen. Mit dem Forschungsschiff »Polarstern« des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) kam Helmschmidt am 17. Dezember in der Antarktis an der Station »Neumayer-II« an. »Es war schön, dass wir mit dem Schiff gereist sind und uns so ganz langsam unserem Ziel genähert haben«, berichtet sie. »Ich habe mich riesig gefreut, als ich meinen ersten Eisberg gesichtet hatte. Und ich war beeindruckt davon, wie ruhig das Meer da liegt, wenn man den ersten Packeisgürtel hinter sich hat. Ein herrlicher Anblick waren auch die Pinguine, die in einer Reihe aufgestellt auf einer Eisscholle am Schiff vorbeizogen.«
In der Antarktis scheint derzeit noch 24 Stunden pro Tag die Sonne. Es ist Sommer und hat um die minus 10 Grad Celsius. Jessica Helmschmidt fand sich in einer Art großer Wohngemeinschaft wieder. Weil derzeit neben der alten Forschungsstation »Neumayer-II« die neue Station »Neumayer-III« gebaut wird, leben dort bis zu 45 Menschen. Sie werden von zwei Köchen mit Nahrungsmitteln versorgt. Helmschmidt: »Bisher gibt es noch reichlich frisches Obst und Gemüse und es ist höchst angenehm, sich drei Mal am Tag an einen gedeckten Tisch zu setzen und mit leckerem Essen bekocht zu werden.«
Doch, wie in Wohngemeinschaften üblich, müssen auch die Wissenschaftler, Techniker und Bauleute mithelfen. Jeden Tag ist eine Vierer-Gruppe dran, zu putzen, in der Küche zu helfen, den Schnee zum Schmelzen zu schippen und zu waschen. Die Schwäbin ist mit dem Erfolg zufrieden: »Es funktioniert echt gut. Es ist ordentlich sauber, obwohl so viele Menschen auf relativ engem Raum zusammenleben.«
Ihr Arbeitstag beginnt gegen 8 Uhr mit dem Weg zum Spurenstoff-Observatorium, das rund eineinhalb Kilometer von der Basisstation entfernt liegt. Hier befinden sich die hochempfindlichen Messgeräte, die dazu dienen, die extrem reine Luft der Antarktis auf ihre Zusammensetzung hin zu untersuchen, Veränderungen festzustellen und gegebenenfalls Trends nachzuweisen. Das wird hier regelmäßig gemacht, seit 1983 auf Initiative des Instituts für Umweltphysik der Universität Heidelberg das erste derartige Observatorium eingerichtet wurde.
Jessica Helmschmidt nimmt Proben, wartet die Geräte und kontrolliert die Messungen, sodass sie wissenschaftlich aussagekräftig sind. Wichtig ist dabei vor allem, dass sie auf absolute Reinheit der Proben achtet. Schließlich geht es unter anderem darum, herauszufinden, wie das Vorkommen kleinster Teilchen und gasförmiger Stoffe aus der Atmosphäre sich im Niederschlag auswirkt.
Derlei Erkenntnisse können dann bei der Auswertung von Eisbohrkernen helfen. So werden die tiefen Schichten des Eises für Forscher zu einer Art Archiv, in dem das Klima längst vergangener Zeiten erforscht werden kann - etwa vergleichbar mit den Jahresringen von Bäumen, die ebenfalls Rückschlüsse auf das Wetter vor langer Zeit zulassen.
Regelmäßig werden in der Antarktis zudem Neuschneeproben genommen. Helmschmidt hat auch bereits Proben in einem Zwei-Meter-Schneeschacht aus verschiedenen Tiefen geholt, die nun am AWI in Deutschland untersucht werden sollen (Foto).
Zur Zeit bewohnt Jessica Helmschmidt mit einer Kollegin einen Sechsmeter-Container als Schlafraum. Tagsüber arbeitet sie im Büro, im Labor oder im Spurenstoff-Observatorium. Die Freizeit wird in dem ungewöhnlichen Forschungsdörflein gesellig verbracht. Abends trifft man sich in der »Messe«, schaut sich einen DVD-Film an (Fernseh-Empfang ist nicht möglich), unterhält sich oder man macht einen kleinen Ausflug aufs Meereis, berichtet die Forscherin.
»Ums gute Aussehen geht?s da nicht«
»Ich finde es manchmal selbst erstaunlich, dass ich da bin, wo ich jetzt bin\ ohne das je geplant zu haben«, sagte die Diplom-Physikerin vor ihrer Abreise im Gespräch mit dem GEA. Schon während ihres Studiums in Heidelberg begann sie, sich für Umweltphysik zu interessieren. Für ihren Diplomabschluss baute sie ein Instrument, mit dem Spurenstoffe in der Arktis nachgewiesen werden können. »Das hat viel Spaß gemacht«, berichtet die 29-Jährige.
Sie hat das Instrument dann selbst in Kanada aufgestellt - in einem kleinen »Global Atmosphere Watch«-Observatorium nahe der Militärbasis »Alert«. Schon die Anreise dorthin war einigermaßen abenteuerlich. Jessica Helmschmidt musste in einem Herkules C 130 Transportflugzeug des kanadischen Militärs zu dem Observatorium geflogen werden. Vor Ort war dann Improvisationstalent gefordert. »Wenn da was nicht klappt, kann man ja nicht in den Baumarkt, um ein Ersatzteil zu holen.« Genau das habe sie fasziniert. Und es gab ihr Selbstvertrauen: »Ich habe gemerkt, dass ich?s kann.« Außerdem habe sie dort ihr »Liebe zu den Polarregionen« entdeckt, sagt die junge Frau.
Im Rahmen ihres Hiwi-Jobs an der Universität fuhr die junge Wissenschaftlerin später auch schon mal auf dem Forschungsschiff »Polarstern« mit, um spektroskopische Messungen von Spurenstoffen vorzunehmen. Diese beiden Erfahrungen machten ihr Mut, sich beim AWI für den jetzigen Forschungs-Aufenthalt in der Antarktis zu bewerben.
Gesucht wurde eine »Wissenschaftlerin für 15 Monate in der Antarktis zur Betreuung von wissenschaftlichen Untersuchungen«. Sie habe sich gut überlegt, ob sie das machen wolle. Sie wollte. Helmschmidt reiste zum Bewerbungsgespräch und hatte zwei Tage später die Zusage. Die stand noch unter dem Vorbehalt einer Gesundheitsprüfung. »Man wird von oben bis unten durchgecheckt«, sagt die Forscherin. Auch diese Tests überstand sie mit Bravour und zog für vier Monate zur Vorbereitung nach Bremerhaven, wo sie ihre künftigen Kollegen kennenlernte.
Jeder Einzelne wurde auf seine Aufgaben in der Antarktis vorbereitet. Und auch das Team als solches sollte sich bilden. Ein zehntägiger Kurs im Ötztal diente dazu, die Bewegung auf dem Eis, Techniken zum Bergen und Retten von Personen oder die Gefährlichkeit von Gletscherspalten kennenzulernen. Auch die Teamfähigkeit der Teilnehmer sollte dabei getestet werden. Schließlich besteht die Gruppe aus vier Wissenschaftlern, einem Koch, einem Unfallchirurgen (mit Zahnarztpraktikum), einem Ingenieur für die Station, einem Elektriker und einem Funker, die zusammen lange in der Abgeschiedenheit miteinander leben, arbeiten und auskommen müssen.
Jessica Helmschmidt feuerte probehalber Signalpistolen ab. Und sie nahm wie alle anderen an einem Brandschutzkurs teil. Schließlich ist die Luft in der Antarktis sehr trocken, sodass auch die Brandgefahr sehr groß ist. Helmschmidt: »Der Notruf 112 funktioniert dort nicht.« Das Team passte. »Ich habe das Gefühl, dass wir uns aufeinander verlassen können und gut miteinander auskommen«, sagte Helmschmidt vor ihrer Abreise. Sie hat auch ein Praktikum in einer Klinik gemacht, um dem Arzt jetzt notfalls bei Operationen assistieren zu können.
Über die richtige Kleidung für die Antarktis musste sie sich keine Gedanken machen. Das AWI stellte ihr »vier Seesäcke mit Polarkleidung« zur Verfügung. Darin fanden sich unter anderem sechs Paar Stiefel, Gletscherbrille, Overalls, Mützen und Wollpullis. Mode ist kein Thema in der Antarktis, wusste die Forscherin schon vor ihrer Abreise. »Ums gute Aussehen geht?s dort nicht.« (GEA)
Das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung
Das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) erkundet seit mehr als 25 Jahren die Zusammenhänge des weltweiten Klimas und der Ökosysteme im Meer und an Land. Es ist benannt nach Alfred Lothar Wegener (1880 - 1930), einem deutschen Meteorologen, Polar- und Geowissenschaftler. Zentrale Forschungsschwerpunkte sind Arktis und Antarktis. Zudem führt das AWI wissenschaftliche Projekte in den gemäßigten Breiten durch. Wissenschaftler verschiedener Disziplinen und Nationen untersuchen die Klima-, Bio- und Geosysteme der Erde. Ziel der Forschungsarbeiten am AWI ist es, die Veränderungen der globalen Umwelt und des Erdsystems zu entschlüsseln. Wissenschaftlich-technische Unterstützung der deutschen Polarforschung sowie die Beratung der Bundesregierung sind wichtige Aufgaben der 1980 gegründeten Stiftung. Hinaus auf das Meer oder direkt auf das Eis von Nord- und Südpol gelangen die Wissenschaftler oft per Eisbrecher. Das Forschungs- und Versorgungsschiff »Polarstern« ist die wichtigste mobile Forschungsplattform des AWI. Forschungsstationen in Arktis und Antarktis ermöglichen das ganze Jahr über meteorologische und geophysikalische Messungen. Das AWI beschäftigt rund 780 Mitarbeiter. Es wird zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert. (eks)
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