Heimat und Welt

Von Eis und Sternen umgeben

Jessica Helmschmidt lebt seit Dezember in der Antarktis. Die Umweltphysikerin gehört zu einem kleinen Team, das fernab jeder Zivilisation bis November ganz auf sich allein gestellt ist. Jessica Helmschmidt ist in Wannweil aufgewachsen und in Reutlingen auf die Freie Georgen-Schule gegangen. Sie hat in Heidelberg Physik studiert. Im Auftrag des Alfred-Wegener-Instituts misst die 29-Jährige derzeit Spurenstoffe in der Atmosphäre. Emanuel K. Schürer hat sie über ihr Leben in der Forschungsstation Neumayer III befragt.

GEA: Wie ist das Wetter zur Zeit bei Ihnen?

Helmschmidt: Im Moment haben wir strahlenden Sonnenschein, wenig Wind und minus 36 Grad Celsius.

Und wie haben sie das antarktische Klima generell bisher erlebt?

Jessica Helmschmidt: Es gibt im antarktischen Winter immer wieder heftige Stürme, die mehrere Tage bis Wochen anhalten können. Man muss sich das so vorstellen, dass der komplette Raum um einen herum voller wild rasender Schneepartikel ist, die es alle furchtbar eilig haben. Der böige Wind schiebt, schubst und rüttelt am ganzen Körper, und zu sehen ist nur ein Stück schwarze Leine, die sich nach wenigen Metern im dichten Weiß verliert. An diesen Tagen ist es dann durchaus eine körperliche Herausforderung, sich die eineinhalb Kilometer zum Observatorium zu erkämpfen. Dafür werde ich an anderen Tagen, wo es fast windstill ist, und kein Wölkchen weit und breit zu sehen ist, mit einem fantastischen Sternenhimmel belohnt. Unsere Galaxie, die Milchstraße, breitet sich von einem Horizont zum anderen übers ganze Himmelszelt aus. In solch einem märchenhaften Moment ist man quasi nur noch von Eis und Sternen umgeben.

Haben Sie schon mal bereut, für so lange Zeit in die Antarktis gereist zu sein?

Helmschmidt: Nein, im Gegenteil. Ich schätze mich oft sehr glücklich, dass ich diese einmalige Erfahrung machen darf. Es ist ein bisschen so, als würde man eine andere Welt betreten und ich liebe es, mich auf das Ungewöhnliche einzulassen.

Haben Sie sich den Aufenthalt ungefähr so vorgestellt, wie er jetzt ist?

Helmschmidt: Naja, eigentlich habe ich mir von Anfang an bewusst gemacht, dass ich mich da auf etwas einlasse, von dem ich mir eben nicht vorstellen kann, wie es genau werden wird. Ich habe einfach gespürt, dass ich es machen will, und jetzt bin ich da und fühle mich gut damit.

»Es ist ein bisschen so, als würde man eine andere Welt betreten«

Was war überraschend?

Helmschmidt: Erstaunt war ich, dass die Dämmerung während der Polarnacht, tagsüber doch ganz schön hell war. Die Nächte sind natürlich rabenschwarz und sie werden während des polaren Winters sehr lang. Aber tagsüber bleibt immer - auch im tiefsten Winter - ein kleines Fenster mit Tageslicht.

Wie kamen Sie während der Polarnacht mit dem Tag-/Nacht-Rhythmus klar?

Helmschmidt: Das war überhaupt kein Problem. Mein Rhythmus wird durch die Sechs-Uhr-Wetterbeobachtung bestimmt. Da stehe ich auf und habe dann den Morgen für mich, bis es um 8 Uhr Frühstück gibt. Abends gehe ich zeitig ins Bett.

Fehlt Ihnen manchmal der Sonnenschein?

Helmschmidt: Oh ja, die Sonne habe ich oft vermisst. Und vor allem habe ich gespürt, wie wertvoll das sonst so selbstverständliche Sonnenlicht doch ist.

Gibt?s Kontakt nach Hause nur per Email oder auch telefonisch?

Helmschmidt: An Weihnachten und zum Geburtstag gibt?s auf jeden Fall einen Anruf aus der Antarktis und ab und zu telefoniere ich auch einfach so mit meiner Familie. Aber hauptsächlich halte ich über Email Kontakt zu Freunden und Familie.

Wie sieht das Zusammenleben in ihrer kleinen, von der Außenwelt abgeschnittenen Gruppe aus?

Helmschmidt: Natürlich ist es eine lange Zeit, die wir in Abgeschiedenheit von unseren Liebsten leben und natürlich kommt es auch gelegentlich zu kleineren Konflikten. Gemeinsames Essen, gemeinsame Arbeiten, Spiele-Abende, Treffen an der Bar, zum Billard oder Filmgucken bringen uns aber immer wieder zusammen. Vor ein paar Wochen haben wir sogar am Antarctic Filmfestival teilgenommen und einen Film gedreht. Tagsüber geht dann jeder seiner Arbeit nach und zwischendurch bleibt noch genügend Zeit für ganz private Dinge. Highlights sind natürlich die Ausflüge zur Pinguin-Kolonie. Einige hundert Pinguine drängen sich auf dem Meereis in einem geschützten Bereich zwischen Schelfeiskante und Eisbergen zu der für sie typischen Brut-Kolonie zusammen. Es ist ein überwältigender Anblick, die schönen Kaiserpinguine in ihrer grandiosen Umgebung zu sehen.

Wie lange sind Sie versorgungstechnisch von der Außenwelt abgeschnitten?

Helmschmidt: Von Anfang März bis Anfang November.

Im Februar haben Sie sich noch über frisches Obst und Gemüse gefreut, wie ist das Essen jetzt?

Helmschmidt: Oh, frisches Obst, da erinnern Sie mich ja an etwas. Das gab es hier schon lange nicht mehr. Wissen Sie, ich hab neulich ein Foto von frisch geernteten Tomaten zugeschickt bekommen. Als ich mir dann vorgestellt habe, wie herrlich sie duften, da ist mir tatsächlich das Wasser im Munde zusammengelaufen. Wir haben noch ein paar Kartoffeln und grün treibende Zwiebeln und ansonsten gibt es halt Tiefkühl-Gemüse und Pfirsiche aus der Dose. Interessanterweise bin ich gerade hier zur Vegetarierin geworden. Zum Glück haben wir einen guten Vorrat an Tofu und Falafel. Am liebsten mögen wir alle Nudeln und Pizza. Aber ich denke, wir freuen uns alle auf die Erdbeeren, die mit dem ersten Flieger Anfang November reinkommen werden.

Wird?s Ihnen auch mal langweilig?

Helmschmidt: Nein, dafür bin ich nicht der Typ.

Sie sind mit E-Piano, Gitarre und Akkordeon gereist. Machen Sie tatsächlich manchmal Musik?

Helmschmidt: Für das Klavier hab ich ein sehr schönes Plätzchen gefunden, es steht in unserer Lounge mit Blick zum Fenster hinaus in Richtung Süden. Ich spiele oft morgens, bevor die anderen wach sind, und genieße es, dabei in die Ferne zu schauen. Das Akkordeon kam unter anderem bei unserem Video-Dreh zum Einsatz. Aber auch so spiele ich hin und wieder ein paar Takte. Die Gitarre ist für mich ein Instrument der leisen Töne und Stimmungen.

Haben Sie etwas zu Hause vergessen, das Sie jetzt vermissen?

Helmschmidt: Nein, mir ist noch nichts aufgefallen.

Sie sind im Februar von der alten in die neu gebaute Forschungsstation Neumayer III umgezogen. Wie lebt es sich dort?

Helmschmidt: Inzwischen haben wir uns gut eingelebt auf der neuen Station. Im Gegensatz zur alten Behausung, die sich unter dem Eis befand, bekommt man mit den neuen Räumlichkeiten viel mehr mit von Licht und Wetter der Antarktis. Einerseits ist das natürlich schön, andererseits war das Rütteln und Vibrieren, das ab einer gewissen Windstärke einsetzt, zu Beginn ganz schön gewöhnungsbedürftig. Es fühlt sich an, als wäre man mit dem Zug unterwegs.

Gab?s für Ihr Team auch mal brenzlige Situationen zu überstehen wie Unfälle, kaputtes Equipment oder die Krankheit eines Teammitglieds?

Helmschmidt: Bis jetzt ist alles gut gegangen. Der Stationsarzt hatte lediglich eine kleine Platzwunde zu nähen und ein paar zahnärztliche Reparaturen durchzuführen, ansonsten sind wir alle gesund und munter.

Gibt?s außer den Pinguinen auch noch andere Tiere bei der Station?

Helmschmidt: Im Winter gibt es nur die Pinguine auf dem Meereis, aber im Sommer kommen auch Vögel hierher: Einmal haben mich drei Sturmvögel begleitet und sind den ganzen Weg zum Observatorium über mir her geflogen. Das war zwar einerseits sehr schön, andererseits war ich mir nicht so sicher, ob sie nicht überlegten, mich eventuell als Beute zu sehen. Zum Nisten brauchen diese Tiere jedoch Felsen, daher ist diese Gegend hier nicht ihre Heimat, sondern liegt quasi auf ihrem Weg, wenn sie auf Nahrungssuche sind. Zudem kann man im Sommer Robben beobachten, wie sie sich auf dem Meereis ausruhen und ab und zu in einem Loch im Eis verschwinden, um zu jagen.

Sie messen in der Antarktis Spurenstoffe in der Atmosphäre. Wie gehen Sie vor?

Helmschmidt: Spannend an der Messung von Spurenstoffen ist die Tatsache, dass es viele verschiedene Möglichkeiten gibt, sie zu erfassen und zu analysieren. In der Praxis sieht das dann zum Beispiel so aus, dass wir einmal pro Woche (während des polaren Frühlings zwei bis dreimal wöchentlich) einen Ozonsonden-Ballon in die Stratosphäre entsenden. Viele weitere Verfahren und Instrumente sind im Spurenstoff-Observatorium der Neumayer-Station im Einsatz. Es geht vor allem um Treibhausgase und kleine Partikel (Aerosole). Damit ist eine Dokumentation langfristiger Änderungen der Atmosphäre möglich.

Wann werden Sie nach Deutschland zurückkehren? Gibt?s dann noch eine Zeit der Nachbereitung?
Helmschmidt: Laut aktueller Planung werden wir mit dem Flugzeug am 10. Februar die Antarktis verlassen. Es ist aber auch möglich, dass wir das Schiff der Südafrikaner zur Ausreise nehmen. Danach werde ich erst einmal Urlaub machen und dann bin ich noch bis zum Sommer zur Nachbereitung am Alfred-Wegener-Institut. So genau kenne ich die Aufgaben, die mich dort erwarten, noch nicht, aber sicherlich werde ich einen Teil der Proben analysieren.

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