Heimat und Welt

PRO Street View: "Eher eine Chance als eine Gefahr"

Von Ralf Grabowski

Der Internet-Riese Google fotografiert weltweit alle Straßen, um sie dann im Internet zu veröffentlichen. Der Projekt Street View hat zu heftigen Diskussionen geführt, ob den Internet-Konzernen Grenzen gesetzt werden müssen. FOTO: DPA
Gestern Abend war ich in Paris und bin am Eiffelturm entlang spazieren gegangen. Blauer Himmel, Sonnenschein. Gestern Abend war ich auch in Basel und habe den Rhein angeschaut. Und in London war ich, in New York an der Wall Street und in Chicago. Und saß dabei gemütlich auf dem Sofa, den Laptop auf dem Schoß.
Google Street View macht’s möglich. Ich gebe eine Adresse ein, und schau mir nicht nur die Straßenkarte und das Satellitenbild an, sondern fahre auch virtuell durch die Straßen. Ich google häufig auch die Leute, die ich neu kennenlerne. Und wenn sie in ganz anderen Städten wohnen und ich mit ihnen telefoniere, schaue ich mir nebenher ihr Wohnhaus auf Google Maps an. Ich fühle mich ihnen dann mehr verbunden.

Letztens war ich übers Wochenende in Basel und habe natürlich unser Hotel im Voraus nicht nur gegoogelt, sondern habe mir auch die Umgebung des Etablissements angeschaut. Noch ein Beispiel? Wenn ich im iPhone, aber auch in modernen Browsern, eine Adresse anklicke, springt eine Karte auf, die mir zeigt, wo genau die Örtlichkeit zu finden ist. Und weil mein Orientierungssinn nicht der beste ist, leitet mich das Smartphone auch dort hin. Das erspart mir jede Menge Unannehmlichkeiten, Aufregung und Ärger. Ich mag diesen Service.

Deshalb verstehe ich die augenblickliche Aufregung auch nicht. Denn der Computer und das Internet haben mir mein Leben komfortabler gestaltet und werden es auch weiterhin tun. Eine Existenz ohne Netzanschluss? Für mich machbar, aber nicht erstrebenswert.

Was viele Gegner in der Diskussion um Street View übersehen, ist die Tatsache, dass Straßenzüge mit ihren Gebäudefassaden so ziemlich dass Öffentlichste sind, was es gibt. Wo kämen wir denn hin, wenn man in der Öffentlichkeit keine Fotos mehr machen dürfte? Bisher ist es uns Presseleuten noch erlaubt, draußen zu fotografieren, ja in aller Regel sogar Menschen aufzunehmen und diese Bilder zu veröffentlichen – zumindest wenn auf dem Foto mehrere Leute zu sehen sind. Womöglich ist das bald verboten. Womöglich wird irgendwann auch ein ganzes Dorf beschließen, seinen Namen aus allen Straßenkarten tilgen zu lassen.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Das Bundesverfassungsgericht hat das Recht auf informationelle Selbstbestimmung zum Grundrecht, also zum Menschenrecht erhoben. Und das ist auch gut so. Aber verletzt wirklich jeder, der meinen Gartenzaun fotografiert, auch gleichzeitig meine Menschenwürde? Sorry, das ist ziemlich lächerlich.

Überhaupt ist diese Diskussion typisch deutsch. Schauen wir uns doch mal andere Länder an. In Holland oder Dänemark ist so etwas wie eine Gardine weitgehend unbekannt. Beim abendlichen Spaziergang lässt es sich prima in die gute Stube Fremder hineinschauen. In Schweden liegen die Finanzdaten aller Einwohner offen. Jedermann erhält Auskunft über die finanziellen Verhältnisse seines Nachbarn oder des Königs. Und welch Erstaunen ruft es bei US-Amerikanern hervor, wenn sie das erste Mal in Deutschland in die Sauna gehen und merken: Hier wird gemischt und obendrein noch nackt geschwitzt! Über Letzteres berichtete auf der diesjährigen Blogger-Konferenz re:publica der Journalistik-Professor und Internet-Guru Jeff Jarvis in seinem Vortrag mit dem unzweideutigen Titel »Öffentlichkeit, Privatsphäre und Penisse«. Jarvis, der detailreich seine Prostatakrebs-Erkrankung gebloggt hat, versteht die deutsche Auffassung von Privatheit nicht, bei der man auf der einen Seite pingelig über die eigenen Daten wacht, sich auf der anderen aber nackt in aller Öffentlichkeit präsentiert – und wenn’s auch nur in einer schummrig beleuchteten Sauna ist.

Meiner Ansicht nach entbehrt der Sturm der Entrüstung, der jetzt über Google hinwegfegt, jeder realen Grundlage. Er zeigt jedoch einen weiteren kulturellen Graben auf, nämlich den zwischen Onlinern und Offlinern. Ich glaube, dass der Dienst »Street View« das schon lange schwelende Unbehagen einer ganzen Generation von Offlinern in einem griffigen Reizwort verdichtet. Unbehagen an etwas, das sie nicht verstehen, das ihnen weitgehend unbekannt und deshalb suspekt ist. So gesehen ist dieser aufflammende Protest eine ganz menschliche Abwehrreaktion gegenüber allem Fremden, genährt durch Unsicherheit.

Diese Menschen, die immer noch die Redewendung »Ich geh dann mal ins Internet« benutzen, fühlen sich im Netz nicht wirklich heimisch. Sie verstehen – im Gegensatz zu den »digital natives«, die mit dem Web groß geworden sind – nicht die Regeln der schnellen, dynamischen und unkontrollierbareren »digitalen Öffentlichkeit«.

Doch ich sehe darin eher die Chance als die Gefahr. Nie zuvor konnte ich mit so vielen Leuten in Kontakt kommen, konnte auf solch einfache Art und Weise über E-Mail, Soziale Netzwerke oder Twitter den Kontakt halten und hatte Zugriff auf fast endloses Weltwissen. Deshalb habe ich mir jetzt auch den Widerspruch des Widerspruchs zu Google Street View ausgedruckt, den Sascha Lobo zum Download bereithält. Diesen Widerspruch, schreibt der prominente Blogger mit dem roten Irokesen, könne man getrost auch präventiv verschicken, »falls man seltsame, offlinige Nachbarn hat«. (GEA)

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